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Historisch durch die Moderne
Es geht auf elf Uhr zu. Die mittägliche Rush Hour hat noch nicht begonnen, allzu heiß ist es auch nicht, und in meiner Tasche klimpern ausreichend Münzen. Ideale Bedingungen also für ein Vergnügen, das gleichermaßen die Reisekasse schont, wie es ein Gefühl für das Leben einer der aufregendsten Städte der Welt verschafft: eine Fahrt mit der Hong Kong Tram.
Ich steige in North Point zu, dem östlichen Terminus einer der sechs Linien, die auf 13 Kilometer Länge im Norden der Insel verkehren. Und das schon seit 100 Jahren: Am 30. Juli 1904 nahm die Straßenbahn ihren Betrieb auf. Bis heute ist sie gemeinsam mit den Star Ferries das beliebteste öffentliche Verkehrsmittel Hong Kongs. Doch anders als bei den grün-weißen Booten beschränkt sich die ihr entgegengebrachte Sympathie fast ausschließlich auf die Hong Konger. Zugegeben, die Tram ist langsam und nicht klimatisiert. Doch mit zwei Dollar pro Fahrt ist sie nicht nur unschlagbar preiswert. Mit der Tram lassen sich Leute, Geräusche und Gerüche der Stadt unmittelbar "erfahren".
Westwärts im Doppeldecker
Da sich die Linien auf weiten Strecken überlappen und kaum einer der 164 Wagons im Depot zu stehen scheint, dauert es nicht lange, bis einer der schmalen Doppeldecker, die aussehen wie auf der Seite stehende Zigarettenschachteln, heranrattert. Ich habe Glück, in der ersten Reihe des Oberdecks ist noch ein Patz frei, beste Sicht auf die Szenerie unter mir. Dutzende roter Taxis überholen uns, während wir westwärts zuckeln. Auf den Gehwegen drängen sich vorwiegend Büromenschen an Zeitungsständen vorbei, die mit ihren Auslagen Engpässe zwischen den Häusern und der eisernen Barriere zur Straße schaffen. Der Mann neben mir beginnt unvermittelt laut zu sprechen, was allerdings niemand im Wagen beachtet. Wie viele seiner dauertelefonierenden Landsleute betreibt er sein Handy mit Freisprechanlage. Als wir uns der Haltestelle Tin Hau nähern, steige ich die enge Wendeltreppe hinab und stecke beim Aussteigen meine zwei Hong-Kong-Dollar in die dafür vorgesehene Box. Im nahen Victoria Park staksen Rentner barfuß über zu diesem Zweck angelegte Pfade von abgerundeten Steinen, um sich ihre Füße massieren zu lassen.
Am anderen Ende des Parks lasse ich zwei volle Bahnen ziehen. Die dritte nehme ich, muss aber im Unterdeck stehen. Kein Problem, wenn man nicht größer als 1,75 ist. Ich bin 1,90 und muss mich ordentlich krümmen, wenn ich etwas vom Victoria Park sehen will, den wir gerade passieren. Eine junge Frau erbarmt sich und bietet mir ihren Platz an. Vielleicht steigt sie aber auch nur an der nächsten Haltestelle aus und beginnt frühzeitig damit, sich durch die Menge zum Ausgang nach vorn zu drängen.
An den Park schließt sich Causeway Bay an, ein beliebter Einkaufsbezirk, in den es auch verstärkt die Niederlassungen internationaler Unternehmen zieht. Sobald die Geschäfte gegen zehn Uhr öffnen, strömen potente Kauflustige an den Schaufenstern der Boutiquen vorbei und füllen volksfestartig die Straßen, besonders am Times Square, einem gigantischen Einkaufszentrum, in früheren Zeiten Standort des Tram Depots.
Der Fahrtwind, der durch die geöffneten Schiebefenster weht, sorgt nur unzureichend für Kühlung im Wagen, der sich immer weiter füllt. Offiziell finden 110 Menschen Platz in einem Wagon – gefühlt sind es mindestens 150. Zeit für eine Mittagspause. Rechtzeitig zur Haltestelle Wan Chai bin ich zum Ausstieg vorgedrungen.
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