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Christmas Island - 365 Weihnachtstage (Seite 2)
Mieser Neubeginn
Auch nach dem Krieg geriet der Abbau nur zögerlich in Gang. Die Phosphatmine dümpelte dahin und wurde 1948, obwohl die Insel (von Singapur aus verwalteter) britischer Besitz blieb, an Australien und Neuseeland verkauft. 1958 kam die Insel ganz an Australien, doch die Gesetze von Singapur blieben gültig, ein mieser Trick, um nationale Lohntarife zu unterlaufen. Noch 1975 erhielten asiatische Arbeiter ganze 80 australische Dollar im Monat und logierten unter menschenunwürdigen Verhältnissen.
Die Quittung kam bald in Gestalt von Streiks und Arbeitskämpfen – und eine andere im Jahr 1987, nachdem die Werkmänner humaner vergütet worden waren: die Mine meldete Bankrott an. Heute werden weiter Restposten der Phosphatvorkommen abgebaut und vor allem ins benachbarte Asien exportiert. Nach wie vor ist die Mine der größte Arbeitgeber der Insel, doch ein erheblicher Teil der aus 65 Prozent Chinesen, 20 Prozent Malaien und 15 Prozent Australiern bestehenden Bevölkerung von etwa 1000 Köpfen lebt eher in einer Art Subsistenzkultur und von Sozialhilfe. Eine Besserung versprach sich die australische Regierung durch Mitfinanzierung eines Spielkasino-Resorts, das 1993 seine Pforten öffnete und unter asiatischen Zockern sehr populär war. Bis die indonesische Regierung dahinterkam, dass ihr Land durch diese Zapfstelle etwa drei Milliarden Euro pro Jahr einbüßte. Der Lebensnerv der Spielhölle wurde daraufhin gekappt, und heute gammelt das teure Resort ungenutzt dahin.
Heile Natur auf Schritt und Tritt
Dennoch ist das Zauberwort auf Christmas weiterhin „Tourismus“. Zu Recht, denn Potenzial dafür ist vorhanden, wenn auch nicht in Gestalt feinsandiger Strände. Ein paar kleine Sandbuchten weist die Insel zwar auf. Doch das Wasser in ihnen ist seicht, bei Ebbe fast null. Taucher haben es da besser. Christmas rühmt sich einiger der spektakulärsten Riffabbrüche der Welt, 200 (nicht von Bleichsucht befallener) Hartkorallenarten, Wassertemperaturen von durchschnittlich 27° und Sichtweiten von bis zu 50 Metern. Alles in allem Superlative, denen eine reiche Fauna hinzuzurechnen ist, mit Haien, Mantas, Walhaien, Delfinen und was immer die Natur sonst noch an marinen Großformen hervorbringt.
Das terrestrische Leben ist nicht minder vielfältig ausgeprägt. Man sollte denken, dass der hundertjährige Phosphatabbau eine Wüste hinterlassen hat wie auf Nauru, wo die Umweltzerstörung fast total ist. Doch so ist es nicht. Zum einen ließ die insulare Topografie großflächige Verwüstungen gar nicht zu. Und zum anderen setzte sich bald ein Naturschutzgedanke durch, der in Australien besonders lebendig ist. Heute sind zwei Drittel der Insel geschützter Nationalpark, der Rest ist entweder unbegehbar oder ähnelt einem gepflegten Naturgarten. Der Autoverkehr ist extrem gering, kein Stück Abfall liegt herum, und das überall präsente Federwild – vornehmlich Basstölpel, Fregatt- und Tropikvögel – zeichnet sich durch Abwesenheit von Menschenscheu aus. Selbst auf ebenem Boden in der kleinen Siedlung brüten Tropikvögel, unbehelligt von Mensch und Tier.
Aberwitziges Schauspiel
Die große Schau auf Christmas sind jedoch die Krabben. Die meisten sind knallrot und faustgroß, doch manche Exemplare weisen riesige Dimensionen auf. Sie krebsen auf der ganzen Insel herum, selbst in der Siedlung, hausen jedoch überwiegend im Dschungel, den sie von organischem Unrat rein halten. Ihre Zahl wird auf 100 Millionen geschätzt – und das auf der kleinen Fläche! Als wenn das nicht spektakulär genug wäre: Jedes Jahr zu Beginn der Regenzeit Oktober/November geraten die Krabbeltiere in Wallung und marschieren zwecks Paarung und Eiablage Richtung See. Gigantische rote Ströme bewegen sich dann über die Insel, und allein um diesem Schauspiel beizuwohnen, ist eine Reise lohnend. Die Weihnachts-Insulaner lieben „ihre“ Krabben innig und bauen ihnen Leitzäune und Tunnel, damit möglichst wenige den Autos zum Opfer fallen. Nur einen Feind haben die Viecher: Die „yellow crazy ant“, die auf der Insel eingeschleppt wurde und die Schalentiere mit Säurespritzern killt. Auf Christmas gilt: wer verrückte gelbe Ameisen sieht – drauftreten!
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