Riss im Dach der Welt
Wir verlassen Kathmandu noch vor Sonnenaufgang. Mit mir sitzen ein Südkoreaner, ein Kanadier, ein Finne, ein Paar aus England und eines aus den USA in dem Kleinbus, der uns zur chinesischen Grenze bringen soll. Unser Ziel ist das sagenumwobene Tibet. Auf einer Reise von rund 1000 Kilometern wollen wir in den nächsten sieben Tagen in Erfahrung bringen, welches Land sich hinter dem Mythos verbirgt.
Atemberaubende Serpentinen führen uns bis auf eine Höhe von rund 3000 Meter in immer kargeres Land. Gegen Mittag halten wir am ersten Grenzübergang. Langsam gehen wir über die Brücke der Freundschaft und strecken den chinesischen Beamten unsere Pässe entgegen. Kurzes Nicken, weitergehen. Auf der anderen Seite erwartet uns das Chaos. Dutzende von Bussen und Lastern schlängeln sich den Berg hoch. Hier gibt es kein Durchkommen. Also steigen wir einen Hang hinauf, um für 50 Dollar einen Viehtransporter zu ordern, der am Ende der Blechkarawane wartet. Wir setzen uns auf die Ladefläche und werden die nächsten zehn Kilometer von einer Ecke in die andere geworfen. Völlig verdreckt erreichen wir den Checkpoint Zhang Mu. Es ist später Nachmittag, als Shada, unser tibetischer Guide, uns mit zwei Jeeps abholt und die eigentliche Reise beginnt.
Seltsame Mondlandschaften
Am nächsten Tag durchqueren wir die Mondlandschaften der Region Tsang. Eine endlose Steppe breitet sich vor uns aus. Dann erheben sich links und rechts kahle Berge in immer seltsameren Formen. Vereinzelt tauchen Nomaden aus dem Nichts auf – sonst keine Menschenseele. Weit entfernt erkennen wir Siedlungen und Klosterruinen, gleichsam in Fels gehauen. Wir fahren selten mehr als 40 Stundenkilometer über die Schotterwege und umkurven ein Schlagloch nach dem anderen. Die Höhe macht uns außerdem zu schaffen. Umso größer die Erleichterung, als wir in Shigatse ankommen. In der zweitgrößten Stadt Tibets besuchen wir das Kloster Tashilhünpo, eines der bedeutendsten Lehrzentren der Gelugpa-Schule und seit über 300 Jahren Sitz des Panchen Lama, dem nach dem Dalai Lama ranghöchsten Würdenträger des tibetischen Buddhismus.
Von ehemals 4000 Mönchen praktizieren hier nur noch 800 ihre Religion. Plötzlich wird die gespenstische Stille von jungen Novizen (getsül) unterbrochen, die lachend aus ihren Kammern herbeieilen. Zu den roten Kutten tragen sie einen lustig wedelnden Schweif als Kopfbedeckung, weswegen die Gelugpa-Anhänger auch Gelbmützen genannt werden.
Beim Gebet in der Versammlungshalle sind die Kinder wie ausgewechselt. Kein Wunder: Ein Aufpasser, der Gekö, geht Weihrauch schwenkend durch die Reihen und sorgt für Ruhe. Sein strafender Blick trifft auch uns, als wir uns während der Zeremonie zu setzen wagen. Bis zu hundert Mönche wiegen sich im Takt, rezitieren ihre Verse und scheinen alles um sie herum zu vergessen. Gebannt lauschen wir dem eintönigen Geraune, das immer wieder von Trommeln, Schellen und Pauken unterbrochen wird. Die dumpfen Klänge holen ein Tibet aus längst vergangenen Tagen in die Erinnerung zurück.
Leider bleiben wir nicht lange, denn Shada hält noch eine Überraschung bereit und führt uns zum Jampa Lhakhang. Dort blickt Buddha Maitreya milde lächelnd auf uns Zwerge herab – aus einer Höhe von 26 Metern. In einem der Nasenlöcher dieser gewaltigen Statue könnte sich problemlos ein Mensch verstecken. 11.000 Kilo Kupfer und über 200 Kilo Gold trägt dieser Buddha der Zukunft. Glücklicherweise haben viele Schätze die Jahrzehnte überstanden.
Touristen-Spitzel
Am Abend laden wir Shada zum Essen ein. Bislang hat er sich zurückgehalten mit Aussagen zur politischen Situation. Denn die Behörden überprüfen alle Führer und schleusen auch Spitzel in die Touristengruppen, um kritische Fragen zu stellen. „Selbst in diesem Lokal können wir nicht sicher sein, ob jemand mithört“, meint Shada bedrückt. Die Lage werde zunehmend kritischer. Nach wie vor sei es verboten, ein Bild des Dalai Lama mit sich zu führen. „Doch die Mehrheit der Tibeter verehren ihn nach wie vor als religiöses Oberhaupt und ignorieren den amtierenden Panchen Lama“, sagt Shada. Zum Hintergrund: Im Jahr 1995 hatte der Dalai Lama nach vielen Prüfungen und Orakelbefragungen in dem sechsjährigen Tschökyi Nyima die Wiedergeburt des Panchen Lama erkannt. Bei seiner feierlichen Inthronisation kam es jedoch zum Handgemenge mit dem Militär. Daraufhin entführten die Chinesen das Kind und setzten einen eigenen Kandidaten ein. Wo sich der rechtmäßige 11. Panchen Lama aufhält, weiß bis heute niemand.
Angesichts der ungewissen Zukunft und der anhaltenden Unterdrückung in Tibet schicken viele Eltern ihre Kinder auf lebensgefährlichen Wegen über den Himalaya – fast 1000 Kinder sind es pro Jahr, die Pässe über 6000 Meter Höhe überqueren müssen. Ihr Ziel ist das indische Dharamsala, in das auch der Dalai Lama im Jahr 1959 geflohen ist. Bis heute lebt er dort im Exil.
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