Shadas Erzählungen machen uns sehr traurig. Das ursprüngliche Tibet lässt sich oft nur noch erahnen. So führt uns die Reise über das Dach der Welt immer wieder an zerstörten Klöstern vorbei – stumme Zeugen der Kulturrevolution. Zwischen 80 und 99 Prozent der Anlagen wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die Zahl der vertriebenen Mönche ist ebenso hoch. Inzwischen haben die Chinesen viele Klöster wieder rekonstruiert.
Sicher haben sie auch in weiten Teilen die Infrastruktur verbessert. Davon bekommen wir aber im Moment nicht viel mit. Unser Jeep bleibt am späten Nachmittag in einem Wasserloch stecken, der Motor ist total überhitzt. Erst bei Einbruch der Dunkelheit kommt ein Laster mit Straßenarbeitern vorbei. Während sie einen Blick unter die Motorhaube werfen, gehen wir zu einer nahe gelegenen Siedlung. Wir fragen einen Jungen, ob er uns sein Haus zeigen möchte. Nach kurzem Zögern führt er uns hinein und stellt uns seiner Mutter vor. Wir versuchen uns über Zeichen zu verständigen. Sicher hält die Frau uns für seltsam, aber wir empfinden es als spannend, bei einer tibetischen Familie kurz Gast sein zu dürfen. Leider können wir nicht lange bleiben, da der Jeep wieder repariert ist und uns weiter nach Gyantse bringt, unserer nächsten Station auf mehr als 4000 Meter Höhe.
Zum Ursprung des Seins
In der Klosteranlage Palkhor Chöde, die von ehemals 16 Klöstern noch 2 beherbergt, führt uns Shada zum Kumbum, dem einzigen begehbaren Reliquienschrein, der die Zeiten überdauert hat. Von den einfachen Göttern auf den unteren Stufen reicht er bis zum höchsten, dem Ursprung allen Seins. Wer den Stupa im Uhrzeigersinn begeht und den Gottheiten in jeder Kapelle der vier Stockwerke seine Ehre erweist, kann während des Aufstiegs – so zumindest der Glaube – sein Bewusstsein zunehmend reinigen.
Einen Tag später quält sich unser Jeep über die beiden letzten 5000er Pässe auf dem Weg nach Lhasa: Karo La und Khampa La. Von hier genießen wir den Blick nach Norden auf das Tsangpo-Tal und gegenüber auf den türkisblauen Yamdok Yutsho. Dem größten See der tibetischen Hochebene sollen magische Kräfte innewohnen. Hinter uns flattern Gebetsfahnen. In der Ferne leuchten die Schneespitzen des Nöjin Kangsa auf 7200 Meter Höhe – Ausblicke, die für die beschwerliche Tour mehr als entschädigen.
Als wir nach all den Strapazen schließlich Lhasa erreichen, ist unser erster Eindruck zwiespältig. Die Stadt ist geprägt von breiten Alleen, Fertighaussiedlungen und hässlichen Betonbauten. Auch Lichtreklamen von Diskos und Bars blinken uns entgegen. Nur an wenigen Häusern sind die Zeichen der tibetischen Tradition zu erkennen.
Wachheit des Geistes
Etwas außerhalb der Stadt betreten wir die Klosteruniversität Sera, die wie Tashilhünpo im 15. Jahrhundert gegründet wurde. Wir machen uns darauf gefasst, vom Leben hinter den Mauern nur wenig zu erfahren. Doch dann schlägt uns aus einem Innenhof lautes Stimmengewirr entgegen. Wir trauen unsern Augen kaum: Bis zu 100 Mönche diskutieren in Zweiergruppen miteinander und folgen einem strengen Ritual. Der stehende macht einen Schritt auf den sitzenden Mönch zu, holt in einem weiten Bogen aus und schlägt seine Hände dicht vor dem Gesicht des Gegenübers zusammen. Von überall her hören wir das laute Klatschen. Der Sitzende schüttelt gelegentlich den Kopf und lässt sich von den Argumenten nur widerwillig überzeugen – eine kurze Lehrstunde in Philosophieren auf Tibetisch. Denn auch dafür steht die Gelugpa-Schule: philosophische Sachverhalte in logischen Disputen zu erörtern. Doch dass die Mönche die Wachheit des Geistes mit diesen springend vorgetragenen Testfragen trainieren, wirkt auf uns natürlich seltsam.
Himmelwärts zum Potala
Am letzten Tag steigen wir in aller Frühe die Stufen zum geheimnisumwitterten Potala hinauf, der unangreifbar über der Hauptstadt thront. Die Winterresidenz des Dalai Lama erhebt sich majestätisch in 13 Stockwerken über 100 Meter in den Himmel. Hinter der Fassade sollen sich 999 Räume verbergen. Bereits jetzt sind Hunderte von Gläubigen unterwegs und drehen unablässig ihre Gebetsmühlen (mani-khorlo).
Im Potala schieben sie sich in langen Schlangen an den vielgesichtigen Statuen vorbei und bringen in Form von Tüchern oder Geldscheinen ihre Opfer dar. Ein unablässiges Gemurmel und das Schlurfen Tausender Schritte ertönt in den Gängen, alle sind umgeben von schwerem Weihrauch und dem schwachen Leuchten unzähliger Butterlampen. Unermessliche Reichtümer tun sich vor unseren Augen auf. Wir bewegen uns zwischen reich verzierten Reliquien-Stupas, vollkommenen Bodhisattvas und Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wir bestaunen aufwändige Deckenschnitzereien und turmhohe Regale mit Schriften aus fernen Jahrhunderten. Vor lauter Eindrücken kann ich mich kaum auf Shadas Erklärungen konzentrieren.
Schließlich gelangen wir auf das Dach des Potala. Uns eröffnet sich ein überwältigendes Panorama auf die Gebirgszüge rundum und ein trostloser Blick auf die Stadt. Wie wird dieses Land in wenigen Jahren aussehen? Gegenüber am Jokhang, dem höchsten Ziel einer jeden Pilgerreise, haben sich Gläubige, Bettler, Händler und Nomadenfamilien versammelt – mittendrin qualmen zwei Öfen für die Rauchopfer. Bei ihrer Umrundung des Jokhang werfen sich die Menschen in immer demselben Rhythmus nieder. Einige von ihnen legen Hunderte von Kilometern auf diese Weise zurück. Sie alle eint die Hoffnung, eines Tages wieder den Dalai Lama in ihrem Land begrüßen und das in alle Winde zerstreute Volk zusammenführen zu können.
Markus Czeslik
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