Indiens Lourdes

Indiens Christen steht ein Ort der Wunder zur Verfügung, der Ziel zahlreicher Pilgerfahrten ist

Die Stadt Velankani (auch „Vailankanni“ und andere Schreibweisen) liegt an der so genannten „Koromandelküste“ im Südosten Indiens, im Bundesstaat Tamil Nadu. In den Reisebüchern taucht Velankani kaum einmal auf, denn die Stadt als solche ist nicht sonderlich attraktiv, und für den grauen Strand mit seinem landesüblich unsauberen Badeangebot wird sich erst recht kein Tourist begeistern können. Seit der nunmehr zwei Jahre zurückliegenden Tsunami-Katastrophe hat überdies das Trinkwasser der Stadt einen salzigen Beigeschmack behalten – nicht gerade einladend. Doch auf Indiens christliche Gläubige übt Velankani eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus.

Und das schon seit Jahrhunderten: Bereits 1505, also vor einem halben Millennium, wird mit der Ankunft portugiesischer Entdecker die Präsenz erster Christen erwähnt. Sie errichteten alsbald eine Kirche, die im Lauf der Jahrhunderte zu einem sakralen Komplex heranwuchs, dessen Großartigkeit den heutigen Besucher Velankanis in Staunen und Bewunderung versetzt. König Arthurs Camelot könnte kaum mehr Überraschung auslösen als diese blendend weißen, aus einem eher ärmlichen und nach Landessitte nicht übertrieben gepflegten Umfeld hervorstechenden Baulichkeiten nahe des Strandes, wenn nicht wieder tiefbraune Gesichter – einschließlich jener der Priester, allesamt Inder – daran erinnerten, dass man sich immer noch auf dem großen Subkontinent befindet. Die Stadt gilt heute als „Lourdes des Orients“, als Stätte der Wunder und der Heilungen, und sie ist das Ziel von Millionen von Pilgern, die durchaus nicht nur Katholiken sind.

Das Milchwunder

Der Überlieferung zufolge ereignete sich hier vor etwa 400 Jahren das erste Wunder, das den Ruhm Velankanis begründen sollte. Ein Hindu-Junge, der einem reichen Mann in der benachbarten Stadt Nagapattinam Milch bringen sollte, ruhte sich unter einem Banyanbaum aus, als ihm die Jungfrau Maria erschien. Sie hatte ein Kind im Arm und erbat von dem Knaben etwas Milch für das Baby. Dem Wunsch wurde freigiebig entsprochen, und als der Junge in Nagapattinam ankam und aus seiner Trance erwachte, stellte er mit freudigem Erstaunen fest, dass sich der Spiegel der Milch in seiner Kanne nicht im Geringsten verändert hatte. Er teilte seinem Herrn sein Erlebnis mit, der eilte daraufhin nach Velankani und ließ an der Stätte des Geschehens eine erste Kapelle bauen.

Eine ganz ähnliche Erfahrung hatte dort einige Jahre später ein lahmer Buttermilchverkäufer, ebenfalls im Jungenalter. „Stehe auf und gehe“, befahl ihm die Erscheinung, nachdem sie den Knaben um eine Portion Molke ersucht hatte – und allso geschah es. Die Kunde von dieser spontanen Heilung pflanzte sich wie ein Lauffeuer fort, und Velankanis Ruf als sakrosankte Stätte war damit endgültig gefestigt.

Heilige Lotsin

Ein drittes Wunder wird der Jungfrau Maria zugeschrieben. Ein portugiesischer Segler geriet im 17. Jahrhundert auf dem Weg von Macao nach Colombo vor dieser Küste in einen schweren Sturm. Flehentliche Gebete an die Gottesmutter, so die Überlieferung, leiteten das bedrängte Schiff in den sicheren Hafen von Velankani. Die dankbaren Seeleute errichteten in Erfüllung ihrer Gelübde eine stattliche Kirche. 1962 erhielt die Kirche den Status einer Basilika („Shrine Basilica of our Lady of Health“), und die Wallfahrten nach Velankani schwollen darauf zum breiten Strom an, denn an Hilfsbedürftigen, Kranken und Krüppeln ist in Indien kein Mangel. Außer den üblichen religiösen Handlungen findet jedes Jahr vom 29. August bis 8. September ein riesiges Fest zu Ehren der „Lady of Health“ statt, und die kleine Stadt quillt dann über von den gewaltigen Mengen an Pilgern, die diese berühmte Begebenheit miterleben möchten und auf ein neues Wunder hoffen. Die ärmsten von ihnen können kostenlos im „Christu Raja Mahal“ unterkommen, einer großflächigen Herberge von 13.000 Quadratmetern.

Zahlreiche weitere Erscheinungen und Heilungen wurden dem geweihten Ort auch in jüngerer Zeit zugeschrieben, und ständig kommen neue hinzu. Doch sie sind allesamt inoffiziellen – nicht vom Vatikan anerkannten – Charakters. Ein kleines Wunder, zwar wiederum nicht im Sinn der strengen vatikanischen Kriterien, aber doch von großer menschlicher Tragweite, ereignete sich am 26. Dezember 2004. Man könnte es das „vierte“ nennen. Wie die ganze Region blieb auch Velankani von der furchtbaren Flutwelle nicht verschont, die über Südasien hereinbrach und allein in Indien über 8.000 Leben auslöschte. In Velankani hinterließ die Katastrophe 800 Tote, davon ein erheblicher Anteil (40 Prozent) unter den Pilgerscharen, die im Hof der an die See grenzenden Basilika zu weihnachtlicher Zusammenkunft versammelt waren. Dennoch konnten sich die meisten in die Kathedrale retten und kamen mit dem Leben davon... Eines ist danach sicher: Indiens Lourdes dürfte in Zukunft noch mehr Pilger auf sich ziehen denn je!

Roland Hanewald

Seite 1 | Seite 2