Kulturelle Apartheid

Höchst beliebt sind inzwischen Besuche bei den Einheimischen. Tagesausflüge in die Hauptstadt Male und zu den wenigen freigegebenen Einheimischeninseln erlauben Kontakte mit der Bevölkerung, die über das hinausgehen, was Robinson im Paradies mit den gut geschulten Freitags täglich lebt. Weibliche Angestellte sind kaum zu bekommen, die gläubigen Familien fürchten den fremden Einfluss. Überhaupt: „Die Malediver wünschen sich nichts sehnlicher, als von der Außenwelt so weit in Ruhe gelassen zu werden, um ein Leben als Lotusesser zu genießen und in ihrer glücklichen, meerumwogten Isolation ungestört zu leben“, verkündete der britische Verwaltungsbeamte H.C.P. Bell nach einem Besuch des englischen Protektorats 1883. Segregation, eine sanfte kulturelle Apartheid, wird noch immer praktiziert, man pocht auf den Schutz der einheimischen Kultur. Drogen, Alkohol, Prostitution und Kindesmissbrauch und alle anderen schlechten Vorbilder der freizügigen westlichen Welt – sogar Topless- und Nacktbaden – sollen den Maledivern erspart bleiben.

Die strikte Trennung von Einheimischen- und Touristeninsel soll nicht nur der Sozialverträglichkeit, auch der Umwelt mit ihrer insularen Raum- und Ressourcenknappheit dienen. Wolfgang Därr von „Trauminselreisen“, der das Archipel kennt wie kaum ein anderer, bewertet die geografisch bedingte Apartheid positiv: „Die Trennung stellt sicher, dass der Urlaubsluxus die traditionellen Lebensweisen der Malediver kaum verändert. Sie sind dankbar dafür und genießen gleichzeitig den seit dem Beginn des Tourismus gestiegenen Lebensstandard. Naturschutzinitiativen („Protect the Maldives“) beruhigen nicht nur das schlechte Gewissen, sondern sorgen auch für ein wenig Schutz vor zu schneller Veränderung der Natur.

Leben in Großfamilien

Den Luxus der totalen Abgeschiedenheit verlässt keiner unbemerkt. „You are the number 238“, begrüßt mich der Mann am Jetty und hilft mir ins Dhoni, das mich zu einer Einheimischeninsel bringen wird, die für Touristenbesuche freigegeben ist. Extrem sauber ist es auf Eydhafushi, die Straßen sind breit und schnurgerade, so dass jedes Lüftchen Frische bringen kann. Bougainvilleen hängen üppig über schneeweiße Mauern. Vor dem Haus des „bodu katibu“, dem Inselchef, weht die Nationalflagge. In der Schule, in der alle 1142 Kinder des Atolls unterrichtet werden, singen weißgekleidete Mädchen für die fremden Besucher. „Sprecht die Lehrer nicht mit ihrem Namen an. Sagt SIR und MADAM“, steht auf einem Spruchband an der Wand. Die Schulpflicht gilt für zehn Jahre, den Sprung zum Studium in der Hauptstadt schafft kaum je ein Mädchen.

Ein nacktes Knäblein, das auf dem Schoß seiner Mutter vor einem Haus thront, weint beim Anblick der Westler. Eindeutig sind wir hier die Exoten. Die alten Häuser sind noch aus Korallenblöcken gefügt. Dem Meer Baumaterial zu entnehmen ist inzwischen verboten. Heute baut man mit Zement- und Sandimporten aus Indien. Ein kleines Souvenirlädchen bietet wenig begehrenswerte Billigware aus Taiwan, Hongkong und den Philippinen an. Davor trocknen auf Palmgeflecht Betelnüsse in dünnen Scheiben. Eine Alte mit zwei letzten blendend weißen Zähnen erzählt, sie sei 78 und seit zwölf Jahren Witwe. Fünf Kinder habe sie, die Zahl der Enkel weiß sie nicht, sie habe nach zehn aufgehört zu zählen. Man lebe hier in Großfamilien. „Das Leben ist gut“ sagt sie. Die Söhne seien Fischer, einer Polizist und zwei Bootsbauer. Ihnen schauen wir später bei der Arbeit zu. Die Fischer sind irgendwo mit ihren Dhonis weit draußen, denn die Thunfische durchqueren die Atolle nicht. Gefangen wird mit lebendem Köderfisch am Haken. Der Ertrag nährt nicht nur die Bevölkerung, Thunfisch wird als Dosenfisch und Trockenware exportiert. Besonders in Sri Lanka ist „hikki mas“, maledivischer Trockenfisch, für Curries sehr beliebt.

Mit dem Versorgungsdhoni geht es später von Royal Island nach Male, der Hauptstadt. Auf Hulhule, der vorgelagerten Insel, wo man Landebahnen zusätzlich aufgeschüttet hat, waren wir aus Europa angekommen. Aus der Luft hatte Male wie eine von Wasser umspülte City gewirkt. Mehrstöckige Gebäude gibt es nur hier. Es sind nämlich nicht die Kokospalmen, die eine maximale Höhe vorschreiben, sondern die prekäre Statik des Untergrundes wegen. Seit mehr als 80 Jahren ist Male schon das Zentrum des Archipels. Laufend wird das Land künstlich vergrößert, vieles – darunter die Hotels für Staatsgäste – wird auch ausgelagert auf benachbarte Inseln. Die Luft steht heiß und stickig in den belebten Straßen und Gassen. Fahrräder, Mopeds, Autos und LKWs fordern plötzlich wieder Aufmerksamkeit und Souvenirverkäufer nerven mit Haifischzähnen und Holzdöschen. Bettler gibt es keine. Die Malediver kennen keine materielle Not. Die nach dem Nationalhelden Sultan Mohammed Thokurafaanu benannte Moschee, besser bekannt als „Freitagsmoschee“, blendet mit ihrem goldenen Kuppeldach und dem schneeweißen 40 Meter hohen Minarett. Das kulturelle und spirituelle Zentrum des Archipels ist, wie viele andere Moscheen, ein Geschenk der moslemischen Bruderstaaten. Frauen dürfen sie nicht betreten und Männer dürfen keine nackten Waden zeigen.

Am Fischmarkt landen am frühen Nachmittag die ersten Boote mit ihrer Beute, während die Kokosnussverkäufer auf dem Gemüsemarkt schläfrig auf letzte Kunden warten. Ihr Leben wird weitergehen wie es immer schon war. Auch wenn gerade weitere Inseln auf ihre Entwicklungsfähigkeit überprüft werden und der Touristik Masterplan das sanfte Wachstum eines Qualitätstourismus nach ökologisch nachhaltigen Konzepten vorsieht.

Dr. Ingrid Ostheeren

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