Alles im Fluss
Burma ist leider kein Geheimtipp mehr. Wer heute die Heiligtümer in Yangon, Mandalay oder Bagan besucht, muss sich den Weg bahnen durch Andenkenbuden, selbst ernannte Führer und bettelnde Kinder. Eigentlich hatten wir deshalb vor, das Land eine Weile zu meiden, aber dann hörten wir von der „Amara“, einem Schiffchen der besonderen Art. Ein Deutscher und seine burmesische Frau hatten es 2003 bauen lassen, ganz aus Holz, 30 Meter lang, acht Meter breit, mit sieben Kabinen für maximal 14 Passagiere – und mit nur einem Meter Tiefgang. Damit waren Reisen auf Burmas großem Strom, dem Ayeyarwadi, nicht nur entlang der touristischen Rennstrecke zwischen Mandalay und Bagan möglich, sondern auch nördlich von Mandalay 500 Kilometer stromauf bis nach Bhamo nahe der chinesischen Grenze. Das Problem: Kein Veranstalter hatte diese Reise als fertiges Paket im Programm, wobei es uns auch Sorgen gemacht hätte, eine solche Tour mit unbekannten Mitreisenden zu buchen. In der kleinen Gruppe, weitab jedweder Zivilisation und auf dem engen Schiff hätte ein einziger Störenfried genügt, um aus der Traumreise einen Albtraum zu machen. Doch die Vorstellung von einer solchen Reise war so bestechend, dass wir im Nu eine Gesellschaft von elf handverlesenen Freunden beieinander hatten, und mit Rose Travel Consulting fand sich ein Profi-Partner, der den ganzen Ablauf von der Anreise bis zum Heimflug perfekt organisierte. Kaum hatten wir den Flughafen verlassen, da stand bereits Mo vor uns – ein Glücksfall von einem Reiseführer mit passablem Englisch, einem offenen Blick für die Schönheiten, aber auch die Schwächen seines Landes und mit hintersinnigem Humor. Zwei Tage genossen wir per Bus die Highlights der Hauptstadt, da die meisten unserer Freunde zum ersten Mal in Burma waren, flogen weiter nach Mandalay, und dann endlich kam der Morgen, wo wir an Bord gehen durften. Es brauchte nur wenige Minuten, bis wir uns auf dem Schiff zu Hause fühlten. Die Kabinen waren klein, aber blitzsauber und gemütlich: zwei Betten über Eck, die Andeutung eines Schreibtischchens mit einem schmalen Stuhl, ein Schrank in dem gerade zwei Kleiderbügel nebeneinander Platz fanden, der Rest der Klamotten und die Koffer verschwanden in großen Schubladen unter dem Bett. Daneben ein winziges Bad mit Duschkabine, Waschbecken und Toilette. Aber: Es gab heißes Wasser und eine 220-Volt-Steckdose, die Matratzen waren gut, Bettwäsche und Handtücher in bester Hotelqualität.
Auf Deck zu Hause
Und außerdem: Wer wollte auf diesem Schiffchen schon lange in der Kabine bleiben? Unser eigentliches Zuhause war das Deck, wo bequeme Korbsessel zum entspannten Sightseeing einluden. Im Mittelteil ein großes Sonnen- und Regendach, darunter der lange Esstisch für die Gäste und eine Bar mit echter Espressomaschine und einem für burmesische Verhältnisse geradezu unglaublich reichhaltigen Sortiment alkoholischer Getränke. Die erste Fahrt dauerte gerade eine Stunde, dann steuerte Kapitän U (er hieß wirklich so) Mingun an, die letzte Touristenhochburg auf unserer Reise, wo die größte intakte Glocke der Welt, 90 Tonnen schwer, sowie der Sockel der nie vollendeten größten Pagode der Welt zum Pflichtprogramm gehören. Als wir an Bord zurückkehrten, war der erste Mittagstisch gedeckt: gestärkte, täglich anders gefaltete Servietten, goldenes Besteck, blitzende Gläser. Die Karte wies ein beeindruckendes Weinangebot auf, das Essen schmeckte köstlich, mittags jeweils Local Food mit viel frischem Gemüse und Currys aus Geflügel oder Fisch, abends internationale Küche. James servierte lächelnd. Natürlich hieß er nicht James, sondern trug diesen selbst gewählten Namen, so erklärte er stolz, seit er in der Hotellerie eine internationale Klientel betreute. Dazu hatte er sich, um die Karrierechancen zu steigern, eine Uniform schneidern lassen, die entfernt an einen Zirkusdirektor erinnerte. Den Rest des Nachmittags bis in die Dämmerung fuhren wir stromaufwärts, und es gab so viel zu sehen, dass wir die Zeit vergaßen: riesige Bambusflöße, die uns in der Strömung treibend langsam entgegenkamen, uralte Lastkähne, hoffnungslos überfüllte Fähren, dazu das Leben am Ufer mit Ochsenkarren, planschenden Kindern, Wäsche waschenden Frauen, Dörfern und Reisfeldern. Jeder Vorbeifahrende grüßte mit Winken und Lachen. Manchmal, wenn das Flussbett breit und flach wurde und ein Matrose mit der Messlatte am Bug darauf achten musste, dass wir nicht auf Grund liefen, beriet sich Kapitän U mit den Fischern über die sicherste Fahrrinne. Und weil er dann häufig noch einmal umdrehte, um sich einen anderen Weg zu suchen, feixten wir, dass er mit seinem Namen wohl ganz sicher der Erfinder des U-Turns sei.
Kein Auto, kein Fahrrad, keine Straße
Das Schiff ankerte die Nacht über weitab jeder menschlichen Siedlung und hielt am nächsten Morgen nach kurzer Fahrt vor einem Dorf, in dem wir vielleicht wirklich die ersten europäischen Touristen waren. Es gab kein Auto, keine Straße, noch nicht einmal ein Fahrrad. Hier beantwortete sich eine Frage, die uns seit Mandalay beschäftigt hatte: Die letzte, nicht von uns belegte Kabine wurde von zwei burmesischen Damen bewohnt. Die eine hatte sich als Vertreterin der Amara-Reederei vorgestellt, die andere vergaß, nach ihrer Funktion befragt, spontan ihr Englisch. Als sie nun dem Bürgermeister am Dorfeingang eine Liste mit unseren Namen und ein umfangreiches Dokument mit vielen Stempeln übergab, wurde offenbar, dass sie als Statthalterin der allgewaltigen Regierung dabei war – gottlob nicht bremsend und Distanz schaffend, wie sich bald zeigte, sondern freundlich, kooperativ und hilfreich. Die Erwachsenen in den Palmwedelhütten entlang der Staubstraße hielten schüchterne Distanz, nur die Jüngsten trauten sich heran und lachten, als wir sie mit der Digitalkamera fotografierten und ihnen auf dem Display das eigene Bild zeigten. Der Bürgermeister führte uns zum Kloster, wo ältere Kinder beim Schulunterricht saßen. Vor einem Jahr sei der hoch verehrte Abt gestorben, ob wir ihn sehen wollten, fragte einer der Mönche. Er führte uns in ein gemauertes Gebäude, dort lag die Leiche aufgebahrt. Jeder durfte sie berühren, mit einer Streicheleinheit seine Ehrerbietung kundtun. Haare und Nägel würden heute noch wachsen, und man müsse sie regelmäßig schneiden, erzählte der Mönch. Fremde Welt. Am Dorfrand knatterte als einzige Stromquelle in der ganzen Gegend ein kleiner Generator und speiste – einen Fernseher.
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