Alles im Fluss (Seite 2)

Auf dem uralten Schwarzweiß-Gerät lief eine indische Soap Opera – so spannend, dass wir von den Zuschauern kaum wahrgenommen wurden. Die folgenden Tage verliefenähnlich. In Male sahen wir fasziniert zu, wie fast mannshohe Vorratsgefäße auf einfachsten, mit Händen oder Füßen getriebenen Drehscheiben in perfekt runder Form entstanden. Nach dem Trocknenwerden sie in riesigen, holzbeheizten Öfen gebrannt und dann zu Hunderten als Schwimmkörper untergroßen Holzflößen befestigt,mit denen sie ihrem Verkauf in Mandalay entgegenschwimmen. In Tagaung, einer der ältesten Provinzhauptstädte,hatten unsere Guides Fahrradrikschas für uns organisiert. Auf der Fahrt zu einem kürzlich restaurierten Tempel hielten wir am Straßenrand, denn eine groteske Prozession kam uns entgegen. Vom Staubsauger bis zum Obstkorb, vom Ventilator bis zum Teekessel trugen die Menschen stolz ein abenteuerliches Sammelsurium vor sich her, dazwischen Tafeln, gespickt mit Geldscheinen. Dies alles, so erfuhren wir, seien Spenden für das örtliche Kloster, die einmal im Jahr zum großen Lichterfest feierlich durch den Ort getragen und dann überreicht werden. Die Ernüchterung folgte am Tempel selbst. Vergilbte Fotos an der Wand dokumentierten, wie die Statue und Reste der Mauern, dienoch zu Buddhas Lebzeiten errichtet worden waren, freigelegt wurden. Die anschließende „Restaurierung“ vollzog sich, indem man alle schadhaften Stellen mit Zement auskleisterte, ein seelenloses Betongebäude darüber errichtete und die imposante Figur von oben bis unten mit Gold anpinselte. Mit dem süßlichen Lächeln, das man dem alten Buddha ins Gesicht malte, scheint er sich über sein eigenes Outfit lustig zu machen. Highlight am Abend: Wir liegen vor einer Sandbank, wieder weitab von jeder Besiedelung. Unsere Mannschaft schleppt alle Möbel von Deck, dazu einen großen Grill. In völliger Dunkelheit, noch bevor der Mond aufgeht, weisen uns Windlichter im Ufersand den Weg zur Dinnertafel. Wir genießen gegrillten Fisch, James holt eine schauerlich verstimmte Gitarre, und während wir schmausen, singen drei Matrosen für uns eine internationale Hitparade. Zum festlichen Ende des Abends entfaltet die Mannschaft große Vogelfiguren aus Seidenpapier, in deren Innerem die Luft mittels eines spiritusgetränkten Wattebausches erhitzt wird. Magisch leuchtend steigen sie als Heißluftballons in den Nachthimmel und sind mit der kleinen Flamme darunter noch kilometerweit zu sehen.

Buddha zu Ehren

Seltsam: Je träger das Leben verläuft, umso schneller verfliegt die Zeit. Wir erreichen Katha, wo das George-Orwell-Haus, in dem die „Burmese Days“ geschrieben wurden, zu einem stinkenden, verlotterten Gemeinde-Gästehaus verkommen ist, und schaffen es dank der Bemühungen unserer Regierungsbegleitung sogar, am nächsten Morgen aus dem vorgesehenen Programm auszubrechen und außerhalb der Stadt ein Elefanten-Camp zu besuchen. In Shwegu lassen wir uns von einem Fischerboot auf die Insel mit der riesigen Tempelanlage bringen. Hier haben reiche Familien über Jahrhunderte hinweg Tausende von Buddhastatuen gespendet, die größten mannshoch, die kleinsten aus ziseliertem Marmor so lang wie ein Fingerglied. Alles steht offen und unbewacht herum, Mo ist entsetzt, dass niemand die wertvollen Reliquien seines Landes schützt. Am nächsten Tag, unserem letzten Fahrtag auf der „Amara“, ändert der Fluss sein Gesicht. An den engsten Stellen verengt er sich auf knapp hundert Meter Breite, dafür ragen an beiden Ufern bizarre Felsformationen aus dem Wasser, manche gekrönt von einer kleinen goldenen Pagode. Dann wird das Tal wieder breiter, und wir erreichen Bhamo, die Endstation unserer Flussfahrt. In hochrädrigen Karren, die von unendlich klapprigen Pferden gezogen werden, durchqueren wir die Stadt und sind der Besichtigungen müde. Der Abend endet mit einem großen Abschiedsdinner. Die Mannschaft wird beschenkt, Händeschütteln, Melancholie breitet sich aus. Die letzte, kurze Nacht in unseren Kojen, dann wartet oben am Steilufer ein Kleinbus. Es folgt der unangenehmste Teil der Reise: sechs Stunden Fahrt über unsägliche Schotter- und Staubpisten bis nach Myitkyina. Auf dem großen Markt dort bleibt Zeit, die letzten Souvenirs zu kaufen: scheppernde Ochsenglöckchen und einen pagodenförmigen Tempelgong, eine bräunliche Mixtur, die den Haarwuchs fördern soll (inzwischen ausprobiert: hilft nichts), fein gearbeitete silberne Reisschalen und einen zusammenklappbaren Sonnenhut aus Schilf. Übernachtung in einem Hotel, wo Kakerlaken im Bad Versteck spielen, wenn das Licht angeht. Während wir in der Sonne sitzen, tobt über Yangon ein Gewitter. Der kleine Flieger von Air Bagan kommt drei Stunden später als vorgesehen, am Nachmittag schließlich geht es über Mandalay zurück in die Hauptstadt. Wir schauen hinunter auf den braunen Fluss, der sechs Tage lang unsere Heimat war. Tapfer zählen wir auf, was für Genüsse jetzt auf uns warten: ein großes Bett und ein richtiges Badezimmer, eine funktionierende Klimaanlage und der Abschied von allen Moskitos. Aber jeder hat die Traurigkeit in den Augen, denn die Woche herrlichster Abenteuer ist viel zu schnell zu Ende gegangen. Irgendwann machen wir den großen U-Turn und kommen zurück – wir haben es James versprochen!

Marc Tügel

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