Wo Buddhas ewig lächeln
Indien ist ein Land der vielen Götter. Fast alle großen Religionen sind heute auf dem Subkontinent vertreten. Den größten Anteil unter der Bevölkerung stellen mit 80,5 Prozent die Hindus, doch mit 13,4 Prozent muslimischer Bevölkerung rangiert Indien nach Indonesien, Pakistan und Bangladesch unter den muslimischen Ländern an vierter Stelle. Obwohl der Buddhismus seinen Ursprung in Indien hat, stellen die Gläubigen nur knapp ein Prozent der Bevölkerung dar, was im bevölkerungsreichsten Land der Erde immerhin etwa 6,5 Millionen Buddhisten macht. Die meisten buddhistischen Inder leben in den Himalaya-Regionen im Norden des Landes. In Dharamsala in Staat Himachal Pradesh residiert das geistige Oberhaupt des tibetischen Buddhismus, der Dalai Lama. Der Tempel Tsuglagkhang befindet sich gleich gegenüber seiner Residenz.
Der heiligste Ort der weltweiten Buddhistengemeinde ist freilich Bodhgaya im Bundesstaat Bihar. Denn hier fand Buddha die Erleuchtung. Siddhartha Gautama hieß der Prinz, der in einer kleinen Adelsrepublik in Nordindien aufwuchs, ein Angehöriger der hinduistischen Kriegerkaste der Kshatriya, wohlhabend und verwöhnt, bis er eines Tages, konfrontiert mit dem Leid der Menschheit, die Sinnlosigkeit seines Lebens im Luxus erkannte und sich, 29 Jahre alt, als Asket auf die Suche nach der Erlösung machte. Im Alter von 35 Jahren überkam ihn nahe Bodhgaya unter einer Pappelfeige, die deshalb heute als Baum der Weisheit gilt, die ultimative Erleuchtung. Den Weg zur Vollkommenheit, den er fortan lehrte, stand Männern und Frauen ungeachtet aller sozialen Unterschiede offen. Wie der Hinduismus baut auch die Lehre Buddhas auf den Gedanken der Wiedergeburt und der kosmischen Zirkel auf. Buddhistische Heiligtümer, die sich rühmen, eine Reliquie des Religionsgründers zu besitzen, sind in ganz Süd-, Ost- und Südostasien zahlreich. Das bekannteste dürfte der Zahntempel von Kandy auf Sri Lanka sein, der mit dem rechten Backenzahn Buddhas aufwartet.
Genialisch, aber blutdürstig
Nach Sri Lanka, wo er als Hinayana-Buddhismus die Staatsreligion ist, war er durch König Ashoka (274–232 v. u. Z.) gekommen, unter dessen Herrschaft er auch in Indien seine Blütezeit erlebte. Dem König sagt man nach, dass er in den Zeiten seiner grausamen Eroberungen befohlen habe, den heiligen Baum Buddhas in Bodhgaya zu zerstören. Man muss sich Ashoka als genialischen, aber blutdürstigen und furchterregenden Herrscher vorstellen, der das Gesicht des Subkontinents entscheidend veränderte, indem er ein gigantisches Reich mit dem Schwert eroberte und mit eiserner Faust einte. Seine grausamste und blutigste Schlacht schlug er gegen das Kalinga-Reich im heutigen Orissa. Rund acht Kilometer südlich von Orissas Hauptstadt Bhubaneshwar blickt man von den Hügeln von Dhauli hinunter auf die Ebene, die nach der Schlacht übersät war mit den blutigen Körpern von Freund und Feind. Der Anblick der Toten und der Sterbenden wurde für den großen Kaiser und Feldherrn zum Initialschock. Sein Sieg erschien ihm plötzlich als Niederlage. Er konvertierte zum Buddhismus und wurde zum Begründer einer lang andauernden Blüte dieser friedfertigen Lehre, die er im gesamten Reich zur Staatsreligion erklärte.
Seine politischen und ethischen Überzeugungen ließ er – eine wahrlich imperiale Geste – durch in Stein gemeißelte Edikte im ganzen Herrschaftsbereich verbreiten, der bis nach Kandahar im heutigen Afghanistan reichte. In Dhauli, wo auch die älteste Elefantenstatue Indiens aus einem Felsen herausgeschlagen über die Ebene hinwegblickt - auch an den Wänden der Hindutempel gelten Elefanten als Symbol des Buddhismus -, sind seine ersten Edikte auf einer Felswand zu sehen. Auf blauen Tafeln kann man sie daneben sogar auf Englisch nachlesen. Seine Überzeugungen sind von der Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit der buddhistischen Weltanschauung geprägt. „Alle Menschen sind meine Kinder“, steht da zu lesen. Befohlen wird auch, kein Lebewesen zu töten oder zu opfern, Heilkräuter zu sammeln und Vater und Mutter allzeit zu ehren. Als der chinesische Reisende Hiuen T’Sang Orissa im 7. Jahrhundert nach Christus besuchte, existierten dort mehr als 100 buddhistische Klöster.
Das Buddhistische Dreieck
Die Straße führt durch hochglanzgrüne Reisfelder. Tiefschwarz, von weißen Kuhreihern umworben, steht eine Büffelherde im flachen Wasser. Am Straßenrand trocknen Frauen braunen Reis auf dem heißen Asphalt. „Drive slow“ und „Blow horn“ steht mahnend in grellen Farben hinten an den bunt bemalten Lastwagen, die wir überholen. Ratnagiri, einer der wichtigsten Orte des Buddhismus in Orissa, liegt rund 100 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Zusammen mit Lalitgiri und Udayagiri stellt es die Eckpunkte des „Buddhistischen Dreiecks“ von Orissa dar. Ausgrabungen haben in Ratnagiri Relikte von zwei weitläufigen Klosteranlagen und zahlreichen Stupas zutage gefördert, deren Ursprünge bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen. Von den Statuen und Buddhaköpfen sind bereits viele gestohlen worden, die verbliebenen wurden inzwischen ins Museum verbracht. Beeindruckend ist das Eingangstor zum weitflächigen Klosterhof, aus dunklem Granit, reich dekoriert und perfekt erhalten. Eine Schulklasse vom Japakud Women’s College – ganz in dunklem Rot und Weiß uniformiert – vergisst für einen Moment die omnipräsente, immer gütig lächelnde vollbusige Göttin Tara, vor der sie sich eben noch von der Lehrerin fotografieren ließen, um kichernd und wispernd ein noch rätselhafteres Wesen zu bestaunen: eine weiße Touristin. Ich sei nun einmal etwas ganz Neues für sie, meint die Lehrerin entschuldigend.
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