Wo Buddhas ewig lächeln (Seite 2)
„Fotografieren ist streng verboten“. Das ist schade, denn ganz zu Unrecht wenig bekannt ist das Archäologische Museum von Ratnagiri. Über die Klöster selbst weiß man wenig, denn schriftlich ist aus der Gründerzeit nichts überliefert und auch spätere Dokumente sind rar. Das Museum aber zeigt und erläutert auf mehreren Etagen höchst sehenswerte Artefakte. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt das in Stein gemeißelte Lächeln eines über zwei Meter hohen Buddhakopfes mit meditativ geschlossenen Augen, der eine geradezu überwältigende Ruhe ausstrahlt. Keine zehn Kilometer von Ratnagiri entfernt besuchen wir die Relikte des buddhistischen Klosters von Udayagiri, die ebenfalls beredt Zeugnis ablegen von der Bedeutung des Buddhismus in Orissa. Zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert hatte es seine große Zeit. Noch sind die Ausgrabungen nicht abgeschlossen. Besichtigt können auch eine vollständig erhaltene Stupa aus dem 11. Jahrhundert und die in den Fels geschlagenen Unterkünfte der Mönche werden. Rund tausend Mönche müssen zur Blütezeit des Klosters in dieser buddhistischen Siedlung gelebt haben, die auf drei Seiten von sanften Hügeln umgeben ist. Wieder unten im Tal verstecken sich kleine bunte Hindutempelchen hinter Bananenstauden und Palmen. In einem Bach waschen Frauen ihre Wäsche und ein alter Mann pflügt mit zwei weißen Ochsen ein Feld. Orissa heute ist ein Agrarstaat, in dem das Leben sich sehr gemächlich vollzieht.
Die Holperpiste, die von der Hauptstraße weg nach Lalitagiri führt, dem dritten und ältesten Eckstein des Buddhistischen Dreiecks, setzt unserem Auto ganz schön zu. Doch der Reichtum an lebensgroßen Buddhastatuen und gigantischen Köpfen im kleinen Museum macht die Strapazen wett. Auch hier sind die Ausgrabungen noch nicht abgeschlossen. Die Überreste von sieben Klöstern hat man bereits weitgehend freigelegt. Uns zieht nach zwei Stunden in all dem historisch unschätzbaren grauen Gestein das farbenfrohe Dorf von Lalitagiri magisch an. Wir kaufen Bananen bei einem kleinen Händler und bestaunen die weißen Kalkmuster und Figuren von Tieren und Menschen an den Lehmhäusern. Am Straßenrand lässt sich ein junger Mann den Schnurrbart stutzen und dann die Fingernägel gründlich säubern und schneiden. Ein Steinmetz übt sich mit gesetzten Schlägen an einem Buddhakopf und übers ganze Dorf dröhnt in gleichförmigem Singsang aus einem zentralen Lautsprecher eine höchst heilige Legende von einem Gott, der im Zweikampf einen Dämon in die Schranken weist.
Faszinierende Entdeckungen
Noch ist unsere Spurensuche nicht abgeschlossen. Langudi Hill heißt unsere nächste Station. Die Ausgrabungsstätten befinden sich ganz oben auf dem Hügel. Seit 1996 forscht hier der deutsche Professor Dr. Herrmann Kulke, ein Spezialist für die Geschichte Asiens, dessen besonderes Interesse den frühen Kulturen und Gesellschaften gilt. Im ersten Jahr, so erzählt sein indischer Mitarbeiter Dr. Devray Pradhan, habe sein Team nur eine Inschrift entdecken können und auch das zweite Jahr sei eher entmutigend gewesen. Dann aber habe man doch viele faszinierende und aussagekräftige Entdeckungen gemacht. Insgesamt haben die Grabungsteams im Umkreis von zehn Kilometern bereits fünf Klöster ausgebuddelt. Auch zwei Statuen von Kaiser Ashoka haben die Grabungen im Jahr 2001 zutage gefördert. Eine stellt ihn allein dar, eine präsentiert ihn mit zwei Frauen an seiner Seite. Während die Sonne hinter den Bergen untergeht, gerät der indische Archäologe ins Schwärmen. Einzigartig seien die direkt in den Fels gehauenen Reliefs aus unterschiedlichen Entstehungszeiten. Die würden wenigstens hier bleiben, meint er dazu lächelnd. Denn alles Bewegliche wird aus Angst vor Dieben umgehend ins Museum abtransportiert.
Auf dem Rückweg nach Bhubaneshwar leuchtet hoch über dem Fluss Daya und der weiten Ebene, die während der Kalinga-Kriege vom Blut der Kämpfenden getränkt war, die schneeweiße Peace Pagoda, auch Shanti Stupa genannt, zu uns herüber, ein stets gut besuchtes Heiligtum, das 1970 von japanischen Buddhisten gestiftet und erbaut wurde. Weniger an deutsche Bildungstouristen, obwohl auch diese von der Begegnung mit den tausend gütig lächelnden Buddhas und den zahllosen vollbusigen Taras profitieren können, sondern an Besucher aus Ländern wie Japan, China oder Thailand denkt Indien, wenn es jetzt neu für einen Tourismus auf Buddhas Spuren interessieren will. „Walk with the Buddha“ heißt der griffige Slogan, mit dem „Incredible India“ dazu aufruft. Nach einer neueren indischen Studie fallen nämlich lediglich 0,6 Prozent des weltweiten Buddhismus-Tourismus auf Indien. Dadurch gingen dem Land, in dem Buddha geboren und erleuchtet wurde, jährlich rund eine Milliarde Dollar verloren, schätzt man in Delhi. Das soll mit Buddhas Hilfe nun anders werden. Damit wird vielleicht auch Orissa auf der Landkarte des internationalern Tourismus einen Platz bekommen.
Ingrid Ostheeren
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