Khajuraho – Tempel der Liebe
„Höchst unanständig und (...) ausgesprochen obszön“, schrieb 1865 Alexander Cunningham, britischer Offizier und erster Direktor des „Archaeological Survey of India“ (Indischer Antikendienst), als er die erotischen Skulpturen an den Tempelwänden sah. Das ließ sich mit den Moralvorstellungen des viktorianischen Englands nun wirklich nicht vereinbaren. Auch die überall vorhandenen weiblichen Figuren, „die sich ihrer Kleidung entblößen und damit absichtlich zur Schau stellen“, empörten ihn sehr. Ähnlich äußerte sich bereits 1838 der britische Offizier Captain T. S. Burt, als er Khajuraho wiederentdeckte und damit Archäologen und Kunstliebhaber auf die alte Tempelstadt aufmerksam machte. In Anbetracht der freizügig dargestellten Erotik meinte er, dass „der Bildhauer seinem Objekt zeitweise mehr Detailgenauigkeit zukommen ließ als nötig war“ und einige der Skulpturen „extrem anstößig“ seien. Aber dennoch war er begeistert von den Tempeln, wie auch viele andere Besucher nach ihm.
Es sind jedoch nicht die Tempel allein, die den Reiz Khajurahos ausmachen, sondern auch die abgeschiedene Lage, fernab vom der Hektik der Großstädte. Khajuraho liegt im Norden des zentralindischen Bundesstaats Madhya Pradesh, jeweils rund 400 km entfernt von der Stadt Agra mit dem Taj Mahal und Varanasi, Indiens heiligster Stadt. Trotz Anbindung an einen Flughafen und mit touristischer Infrastruktur versehen, ist Khajuraho eine verschlafene Kleinstadt geblieben. Sie verströmt eine dorfähnliche Atmosphäre, in der man Ruhe und Frieden findet. Und gerade das macht einen Besuch so lohnenswert.
Legendärer Ursprung
Khajurahos Geschichte begann vor über tausend Jahren. Als die Rajputenfamilie der Chandellas im 10. Jahrhundert zu Macht und Reichtum kam, haben sie diesen Ort zu ihrer Hauptstadt erkoren. Einer romantischen Legende aus dem 17. Jahrhundert zufolge stammten sie vom Mondgott Chandra ab. Dieser verführte einst die schöne Brahmanen-Tochter Hemavati, als sie nachts im Fluss ein Bad nahm. Daraufhin gebar sie einen Sohn – den ersten Herrscher Khajurahos. Er war stark und tapfer und soll sogar einen Löwen ohne Waffen erlegt haben. Diese heldenhafte Tat wurde zum Wahrzeichen der Chandellas und findet sich in mehreren eindrucksvollen Skulpturen auf dem Tempelareal wieder. Solche Legenden, die die Herkunft auf einen Gott oder mythischen Vorfahren zurückführen, waren damals nicht unüblich. Sie sollten den Herrscherfamilien einen glorifizierenden Ursprung verleihen und dadurch den Machtanspruch rechtfertigen.
Zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert schufen die Chandellas zahlreiche Tempel. Nach und nach entstand so eine blühende Tempelstadt. Von 85 (!) Tempeln, die es einst gegeben haben soll, sind noch über 20 geblieben. Sie haben die Zeiten und den Ansturm einfallender islamischer Herrscher überdauert, die ab dem 12. Jahrhundert das Machtgefüge zu ihren Gunsten änderten. Aber auch wenn Khajurahos Blütezeit vorbei war, scheint es noch bis ins 14. Jahrhundert hinein ein religiöses Zentrum geblieben zu sein. Das zeigt ein Bericht des arabischen Reisenden Ibn Battuta, der 1335 dort war und noch zahlreiche Yogis antraf. Aber einige Zeit später war Khajuraho verlassen. Der Ort geriet in Vergessenheit und wurde vom Dschungel erobert.
In diesem Zustand wurde Khajuraho 1838 von Captain Burt vorgefunden. Heute ist der Dschungel verschwunden und die Tempel wurden restauriert. Entsprechend ihrer Lage zum Ort verteilen sie sich auf eine West-, Ost- und Südgruppe. Die Ostgruppe umfasst einen Komplex mehrerer sehenswerter Jain-Tempel mit schönen Skulpturen. Sie sind noch immer aktiv und im Religionsleben integriert. Die Hindutempel der Südgruppe sind eher unbedeutend und stammen aus der Spätphase Khajurahos. Hauptattraktion sind die Hindutempel der Westgruppe. Hier befinden sich die bedeutendsten mit den legendären erotischen Skulpturen, die Khajuraho weltberühmt machten. Die Tempel sind eingebettet in einen schönen umzäunten Park, der die Erkundung des Areals zu einem angenehmen Spaziergang werden lässt.
Eine Atmosphäre der Ruhe
Hat man den Eingang passiert, bemerkt man einen Unterschied zu anderen großen Tempelanlagen Indiens. Während diese meist von Andrang und religiöser Geschäftigkeit geprägt sind, herrscht hier eine Atmosphäre der Ruhe. Die Tempel sind nicht mehr aktiv und werden daher nicht mehr ins öffentliche Religionsleben einbezogen (bis auf den außerhalb des Parks gelegenen Matangeshvara-Tempel, von dessen Dach eine Fahne weht). Sie befinden sich zudem auf einer erhöhten Terrasse – auf der man sie umschreiten kann – und präsentieren sich freistehend. Andere Tempel Indiens sind dagegen meist ebenerdig gebaut und von einer Mauer eingefasst. Der Park umfasst zehn große und kleine Tempel, von denen die fünf großen besonders sehenswert sind. Der imposanteste unter ihnen ist der Kandariya-Mahadeva, das Meisterwerk Khajurahos. Die Bestandteile der großen Tempel (vom Eingangsportal, über Vor- und Haupthalle bis ins Allerheiligste) sind auf einer Ost-West-Achse miteinander verbunden und ihr Eingang weist gen Osten. Das Besondere hierbei ist, dass die einzelnen Räume zu einer harmonischen Einheit verschmolzen sind. Einige Tempel haben zudem noch einen inneren Umwandlungsgang, der das Allerheiligste umgibt. Über den Räumen erhebt sich die komplexe Dachkonstruktion, die Khajurahos Tempeln ihre charakteristische Bergsilhouette verleiht. Manche Experten interpretieren die Tempel daher als symbolische Abbildung des mythischen Berges Meru, Weltachse und Zentrum des Universums.
Hauptattraktion sind die legendären Skulpturen, die sich insbesondere an den Außenwänden der Tempel befinden. Auf kleinen Sockeln platziert, präsentieren sich die Figuren wie auf einer Bühne. Die erotischen Darstellungen erregen dabei besondere Aufmerksamkeit, wobei ihr Anteil am gesamten Skulpturenensemble lediglich ein Zehntel beträgt. Schmunzelnd, kichernd oder verlegen werden sie von den Besuchern fasziniert begutachtet. Ein Highlight sind die Mithuna-Figuren, Paare in den verschiedensten Aktpositionen. Auch die Szenen vom Lakshmana-Tempel werden gerne bestaunt, in denen etwa ein Mann eine Stute begattet oder jene, in der ein lächelnder Elefant seinen Kopf zur Seite dreht, um einem Paar beim Akt zuzusehen.
Verführerisch und alltäglich
Daneben beeindrucken auch viele andere Skulpturen durch Schönheit und Lebendigkeit – darunter Götter, Paare, Fabelwesen, Tiere, Krieger, Tänzer oder Musikanten. Herausragend sind zudem die weiblichen Figuren, die üppig und zahlreich in verführerischen sowie alltäglichen Posen dargestellt werden, zum Beispiel beim Entkleiden, Kokettieren, Musizieren, Frisieren und Schminken. Sogar der Blick in den Spiegel und das Schminken der Augen mit einer Art Kajalstift wurden eindrucksvoll in Stein festgehalten (Letzteres in einem Jain-Tempel der Ostgruppe). Die Skulpturen verkörpern sinnliche Schönheit, und manche von ihnen lassen die Statuen griechischer Göttinnen dagegen zurückhaltend und fast kühl erscheinen. Auch Bollywoods Filmindustrie hat sich durch die anmutigen und verführerischen Posen der Skulpturen Khajurahos inspirieren lassen, was vor allem in älteren Filmen deutlich wird.
Eine tiefere Bedeutung
Die Darstellung erotischer Inhalte war aber nicht auf Khajuraho beschränkt. Es gibt sie auch in anderen indischen Tempeln, nur nicht so exzessiv wie hier. Auch bilden sie dabei einen starken Kontrast zum eher prüden Indien von heute. Die Deutung der erotischen Skulpturen gestaltet sich schwierig. Es gibt viele Theorien. So sehen manche Fachleute in den Figuren und ihrer Anordnung ein Konzept, hinter dem sich eine tiefere Bedeutung verbirgt, die im Zusammenhang mit dem Tantra steht (alt-indische philosophische Lehre, die auch sexuelle Riten beinhaltet). Zudem sollen diese Skulpturen eine unheilabwehrende, magische Schutzfunktion ausgeübt haben.
Recht amüsant wirkt dagegen ein (wenig überzeugender) Erklärungsversuch aus dem 1968 erschienen Buch „Tempel der Liebesfreuden“ mit dem züchtigen Vermerk „Sonderausgabe für Wissenschaftler und Forscher“: „Die häufig ans Fantastische grenzenden Figuren, die in den Lehrbüchern beschrieben und auf den Tempelwänden dargestellt werden, dürften ihre Erklärung nicht zuletzt in den besonderen klimatischen Bedingungen des Landes finden, die den Geschlechtsverkehr während vieler Monate zu einer physischen Unmöglichkeit machen, so dass der Sexus in der verbleibenden Zeit mit doppelter Gewalt zum Ausbruch kommt.“ Als unwahrscheinlich gilt auch die verbreitete Auffassung, die Skulpturen wären eine Illustration des berühmten „Kamasutra“ (siehe Info).
Aber unabhängig von der Bedeutung, die sich hinter den erotischen und anderen Skulpturen nun tatsächlich verbirgt, ist eines offensichtlich: dass sie nicht nur dekoratives Beiwerk sind. Die Skulpturen verschmelzen mit der Architektur zu einem einzigartigen, harmonischen Gesamtkunstwerk und lassen die Tempel dadurch selbst wie eine riesige, dreidimensionale Skulptur erscheinen. Khajurahos Tempel bilden den Höhepunkt mittelalterlicher Hindu-Architektur in Zentralindien: Sie wurden 1986 ins Weltkulturerbe eingegliedert. Und wenn Captain Burt 1838 schrieb, „dass sie wahrscheinlich die schönste Ansammlung von Tempeln in ganz Indien sind“, so kann man ihm auch über 170 Jahre später noch zustimmen.
Sascha M. Kleis
Der Artikel ist erschienen in inAsien, Ausgabe 2/09
Info: Das Kamasutra
Es gilt als Meisterwerk der Erotik und hat seinen Platz in der Weltliteratur: das Kamasutra, ein altindisches Lehrbuch der Liebeskunst. Vermutlich aus dem 3. Jahrhundert stammend hat das Werk seinen Verfasser Vatsyayana unsterblich gemacht. Er schildert darin das Verhältnis zwischen Mann und Frau und behandelt Themen wie die geschlechtliche Vereinigung, diverse Stellungen (inklusive Küssen, Kratz-, Bissspuren), Brautwerbung, die Rolle der Ehefrau, Verführung fremder Frauen, Prostitution oder „Geheimmittel“ (z.B. Aphrodisiaka). Vatsyayana schien ein guter Beobachter zu sein und erweist sich als Kenner der menschlichen Natur. Sein Erzählstil ist sachlich und nüchtern , kurz und bündig.
Jahrhunderte hindurch war das Werk populär. Doch es war weder die erste noch die letzte Abhandlung seiner Art. Es entstand unter Einbeziehung früherer Werke und es folgten ihm später weitere, von denen das im 12. Jahrhundert von Kokkoka verfasste „Ratirahasya“ („Geheimnis der Liebe) ebenfalls populär wurde. Jedoch erlangte keines die weltweite Berühmtheit wie das „Kamasutra“.


