Auf zum Drachentor
Du bist der Berg

„Sobald du das Drachentor erklimmst, wird dein Prestige in den Himmel wachsen”, verheißt das chinesische Sprichwort. Wer den gesegneten Glücksstein unter dem Drachentor berührt, dem winken Ansehen, Vermögen und ein gutes Befinden. Also: auf zum Drachentor, dem berühmtesten Pilgerpfad der Provinz Yunnan!

Im Südwesten der Volksrepublik China erstreckt sich über eine Länge von 40 Kilometern der sechstgrößte See des Landes, der von 20 Flüssen gespeiste Dian-See, von den Poeten zu allen Zeiten als „glänzende Perle“ des Hochlandes besungen. Am Westufer des Dian-Sees ragen steil bis zu 2.500 Meter hoch die Westberge empor, deren Silhouette seit jeher die Fantasie der Betrachter anregte. Nicht religiös angehauchten Ausflüglern erscheint das Schattenbild der Westberge aus der Ferne wie eine am Seeufer liegende junge Frau, deren flatternde Haarpracht in den See driftet. Sie nennen die Westberge daher die „Schlafende Schönheit“. Gläubige Pilger meinen aber im Profilumriss der Westberge die Gestalt des in das Nirwana (Paradies) eingehenden Buddhas zu erkennen. Sie bezeichnen die Westberge daher als „Liegenden Buddha“. So oder so, die Westberge zählen zu Chinas „heiligen Bergen“. Die Drachentor-Wallfahrt in den Westbergen ist jedoch kein Spaziergang, sondern ein aufregendes und gefährliches Unternehmen mit Nervenkitzel. Der mühsame fünfstündige Anstieg von der Basis bis zur Spitze – sieben steile Kilometer – erscheint wie der Weg zum Himmel. Erste Station: Huating. Nach zweieinhalb Kilometern Wanderung – Ausgangspunkt ist die Busstation – erreicht der tapfere Wanderer das an den Fuß des Berges geschmiegte Tempelkloster Huating, Kunmings und Südwestchinas größtes und bedeutendstes buddhistisches Heiligtum, das sich hinter wuchernden Bambushainen und immergrünen Pinienreihen verbirgt. Huating steht im Zeichen der 500 Lohans, wie die buddhistischen heiligen Helfer hier genannt werden. Die Pilger und Gläubigen erwarten sich von den Lohans Hilfe in all ihren Lebenslagen.

Ein Gefühl des himmlischen Friedens

Zweite Station: Taihua. Den Huating-Tempel verlassend erreichen die Pilger nach zwei weiteren Kilometern bergan – in 40 Minuten Fußmarsch – den schon 2.350 Meter hoch gelegenen eleganten Taihua-Tempel. Der Taihua-Tempel im tiefen Wald vermittelt ein Gefühl himmlischen Friedens. Der Charme des Tempels ist der würdige Rahmen für Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit. Ihr ist der Tempel geweiht. Guanyin ist die Favoritin der Gläubigen von Yunnan, verehrt von Buddhisten wie Taoisten. Die Mitgefühlsgöttin wendet Unglück ab und beschert den Armen, Bedürftigen und Notleidenden Glück, Wohlstand und Erfolg. Die letzte Wegstrecke empor zu den schwebenden Wolken erfordert extreme Vorsicht auf jeder Stufe. Jeder unbedachtsame Schritt kann zum Sturz in die Tiefe führen. Menschen mit Höhenangst erschaudern. Der Pilgerpfad ist aus der steilen Felswand hoch in den Lüften herausgemeißelt. In den engen und niedrigen Tunnels und Korridoren heißt es, sich durchquetschen und vorbeizwängen. Die -Konzentration auf dem Weg soll Geist und Herz beruhigen. Das Ziel des Drachentors ist nahe, wenn sich die Grotten der Himmlischen in neun Stockwerken wie Luftburgen auftürmen. In den künstlichen Höhlen, gleichsam Kapellen, empfängt die taostisch-buddhistische Götterwelt die Glückssuchenden.

72 Jahre harte Arbeit

Die Steinmetz-Künstler, die den Spiralenhochweg für die Pilger und die Grotten für die Götter und himmlischen Wesen aus dem Stein herausgearbeitet haben, waren taoistische Mönche. Der Weg war ein Mammutprojekt, das 1781 angefangen und 1853 abgeschlossen wurde, also insgesamt 72 Jahre harte und waghalsige Arbeit kostete. Der Pionier war der bettelarme Tao-Mönch Wu Laiqing. Der tief fromme Asket hatte die Vision, in den hochragenden Westbergen einen Himmel und Erde verbindenden Pilgerpfad zu eröffnen. Mit Stemmeisen und Hammer ausgerüstet, kletterte er eines Tages anno 1781 in die schroffen Felswände und begann, an einer Kette über dem gähnenden Abgrund hängend, Zentimeter für Zentimeter eine Passage zu schlagen und Grotten und Höhlen als Schreine für die Götter zu graben. Jahraus jahrein hämmerte und ziselierte er, bei Regen und Sonnenschein, bis ihm 1795 nach 15 Jahren am Berg der Tod das Werkzeug aus der Hand nahm. Andere taoistische Mönche und Mitarbeiter aus dem Dorf am Fuß der Bergkette vollendeten in den darauffolgenden 58 Jahren den Steinpfad zum Drachentor an der Felsspitze. Zudem erschufen sie ein Grottensystem mit elf übereinander liegenden Pavillons, bevölkert von sorgfältig aus dem kolossalen Felsen gehauenen Heerscharen himmlischer Skulpturen.

Die himmlischen Verehrungswürdigen

In den in Nebel und Wolken erscheinenden spektakulären Höhlen, Nischen und Pavillons am Drachentor entfaltet sich die gesamte taoistische Götterwelt. Für Chinas Mystiker und Weise sind die taoistischen Götter ursprünglich philosophische Prinzipien oder kosmische Kräfte. Doch die Volksfrömmigkeit, die abstrakte Spekulationen nicht liebt, hat die Ideen und Energien personifiziert und in himmlische Potentaten verwandelt. Neben dem Jadekaiser, der höchsten Autorität im taoistischen Himmel, residieren am Drachentor der aus dem tibetischen Buddhismus entliehene Avalokiteshvara, zuständig für Kindersegen, Doumu, die „Mutter der Sterne“, die von jedweden Übeln und Qualen befreit und ein langes Leben schenkt oder der goldene Kuixing, der höchste der Sternengötter, Patron der Schüler und Gelehrten. Er gewährt den Studierenden, die ihn anrufen, erfolgreiche Prüfungen. Flankiert wird Kuixing von Wenchang, dem Gott der Kultur, der besonders die Kandidaten unterstützt, die eine Karriere als öffentlich Bedienstete anstreben, und von Guansheng, den Gott des Krieges und der Gerechtigkeit. Guansheng hat die Macht, Konflikte zu verhindern und Dämonen und böse Geister auszutreiben und zu bannen. Er beschützt die Menschen vor Ungerechtigkeit. Er prophezeit die Zukunft und gibt Auskunft über das Schicksal von Toten. An der Götterversammlung am Drachentor nehmen noch teil: der Glücksgott, der Gott der zivilen Tugenden, der Wassergott, der Feuergott und der Wächtergott. In den Schreinen der „himmlischen Verehrungswürdigen“ wimmelt es von gemalten oder aus dem Felsen eingemeißelten Symbolen: Schlangen und Schildkröten – Sinnbilder der Langlebigkeit. Wer sie berührt, erreicht ein hohes Alter. Fledermäuse bringen Glück, Fische Erfolg, Hirsche Reichtum, Elefanten Weisheit und Stärke. Löwen und Drachen bieten Schutz. Pflaumen, Orchideen, Bambus und Chrysanthemen versprechen hingegen Schönheit und Ausdauer.

Höhepunkt: Long Men

Nach der Audienz bei den Himmlischen streben die Pilger dem Ziel der Wallfahrt entgegen – dem Drachentor. Ein langer Felskorridor führt zur zwei mal drei Meter großen Plattform, die aus dem Körper des Felsens herausgehämmert ist. Hier ist der Ort, wo sich im Volksglauben Himmel und Erde berühren. Man kann den Moment der Heiligkeit nicht gleich fühlen, denn es herrscht ein frustrierendes Gedränge. Dem Pilger, der sich an die Reling durchgezwängt hat, bietet sich aber auf der obersten Terrasse ein fantastisches Panorama. Das an die Felswand gebaute Steintor ist das Wahrzeichen der Pilgerreise in den Westbergen. In Rot und Gold stehen über dem Torbogen zwei chinesische Schriftzeichen: Long Men (Drachentor). Die Wallfahrt findet ihren Höhepunkt für die Pilger, wenn sie sich nach dem Glücksstein im Torbogen strecken und ihn berühren. Dies erst bringt den Gläubigen das heiß ersehnte „im Himmel verankerte Glück“.

Den Kommunismus überlebt

Wallfahrt heißt auf chinesisch „Chao-shan jin-xiang“, das bedeutet „einem Berg Respekt zollen“. Seit Jahrtausenden sind „heilige Berge“ in der chinesischen Kosmologie Himmelsstützen, und in der Mythologie ideale Wohnorte machtvoller Götter und magischer Geister sowie Einstiege zum himmlischen Königreich. Nach und nach nisteten sich kleine taoistische Einsiedeleien und große buddhistische Klöster auf den herrlich ruhigen heiligen Bergen ein. Das klassische Geschichtsbuch Shu-jing berichtet über den Regenten Shun (2255 bis 2206 vor Christus), dass er regelmäßig Wallfahrten zu den heiligen Bergen zu unternehmen pflegte und auf den Gipfeln Opfer darbrachte. Er ist gleichsam der Vorreiter der über 4.000-jährigen chinesischen Wallfahrtstradition, die 1949 die kommunistische Machtübernahme und in den 60er Jahren die Kulturrevolution der Rotgardisten überlebte. Seit den 80er Jahren lässt der kommunistische Apparat des offiziell atheistischen China Wallfahrten zu den hoch verehrten Bergen zu.

Du bist der Berg

Buntgefiederte trillernde Vögel, leuchtende und duftende Blumen, turmhoch aufragende Bäume, aus den Felsen hervorbrechende Quellen, Wasserfälle, gluckernde Gießbäche, das aus Pinienwäldern widerhallende Echo, Regen, Donner und Sonne: das kolossale Naturparadies der Wallfahrtsberge ist eine faszinierende Erfahrung, die die Erkundung des „Physischen“ (der Natur) zur Reise ins „Metaphysische“ macht. Heute bedrohen der Tourismus, die Jagd und die Umweltzerstörung nicht nur die Harmonie der Natur, klagt ein führender chinesischer Taoist, sondern „berauben uns des Sinnes für Ehrfurcht und heilige Scheu.“ Ein Einsiedler, der schon 50 Jahre auf einem heiligen Wallfahrtsberg lebt, bringt die taoistisch-buddhistische Harmonisierung mit der Natur auf den Punkt, wenn er die Touristen und Naturfrevler mahnt: „Für mich ist der Berg Buddha selbst und Buddha der Berg. Niemand will Buddha etwas antun. Warum also schädigst und verletzt du den Berg? Komm‘, schau‘ und horche, aber respektiere alles Leben auf diesem Berg. Denn dieser Berg bist du und du bist der Berg.“

Warum Wallfahrt?

Bei der taoistisch-buddhistischen Wallfahrt geht es um zwei Grundanliegen, ein materielles und ein spirituelles. Zum einen sucht der Pilger mit Hilfe holder Göttinnen und gnädiger Götter sowie dienstbarer Geister und wohlwollender Ahnenseelen materielle Ziele zu erreichen: Glück, Reichtum, Profit, Ehre, Prestige, Wohlergehen, gutes Essen, schöne Kleider, Vergnügungen, Heilung, Gesundheit, Zufriedenheit, Kindersegen und hohes Alter. Der Urtraum der an der Erde hängenden Taoisten ist das immerwährende Leben also die Unsterblichkeit. Sie wollen als schwerelose Unsterbliche (Halbgötter) auf Phönixen durch die Wolken fliegen und in Jadepalästen in paradiesischen Gefilden an den Welträndern wohnen. Zum anderen ist eine Wallfahrt gleichzeitig eine Angleichung an die Natur. Der Pilger schöpft Kraft aus dem Rhythmus des Kosmos. Er unterwirft sich demütig der Natur. Er gleicht sich der Ordnung des Universums an. Das ist die spirituelle Essenz der Wallfahrt.

Ernst Stürmer
Der Artikel ist erschienen in inAsien, Ausgabe 4/2009