Den Mekong hinunter
Mit knapp 4.200 Kilometern von der Quelle bis zur Mündung ist der Mekong Südostasiens längster Fluss, Nummer zwölf weltweit. In seinem Verlauf streift und durchströmt er sechs Länder: China, Indien, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam. Es sind Länder, die im Laufe der Zeit häufig miteinander verfeindet waren, kriegerische Einmischungen von außen gesellten sich hinzu. An den Ufern des großen Stroms fand deshalb über Jahrhunderte hinweg von Gewalttätigkeit geprägte Geschichte statt. Erst in jüngster Zeit ist Ruhe eingekehrt und die Mekong- Länder, erst seit Kurzem für den internationalen Reiseverkehr geöffnet, sind heute unbedingt besuchenswert.
Der unbekannte Ursprung
Die Überlegung liegt nah, den gesamten Fluss in ein Tourprogramm einzuspannen, aber da beginnen die Probleme schon im Quellbereich, welcher in Tibet liegt. Dass der Ursprung des großen Stroms im tibetanischen Hochland erst 1994 entdeckt wurde und noch heute strittig ist, erklärt sich aus seiner topografischen Lage und der damit verbundenen Unzugänglichkeit. Auch der sich anschließende Oberlauf des Mekongs im laotischen Teil hat einige Stolpersteine aufzuweisen. Wendige kleine Schnellboote zwischen Houay Xay und Luang Prabang verzeichnen des öfteren mal fatale Kollisionen, während die komfortableren Flusskreuzer so langsam sind, dass die endlos anmutende Reisedauer potenzielle Passagiere eher verschreckt. Dafür sind sie extrem flachgehend und können den Fluss über große Distanzen hinweg bewältigen. Zudem bieten sie den Luxus, dass sie schon in Deutschland gebucht werden können. Doch nicht nur der Oberlauf birgt Schwierigkeiten, auch auf anderen Passagen gibt es diverse Haken. Wegen zahlreicher Talsperren sind die Wasserstände oft derart niedrig, dass überhaupt kein Schiffsverkehr mehr stattfindet.
Der Ausbau des parallel zum Fluss verlaufenden Straßennetzes hat zudem dazu geführt, dass eine große Zahl von Buslinien den Booten buchstäblich das Wasser abgegraben hat – warum vier Tage schippern, wenn man das Endziel auch in ein paar Stunden erreichen kann? Man ist in der Tat optimal bedient, wenn man sich einfach in solch einen Bus setzt und dem Fluss von Punkt zu Punkt folgt. Wasser sieht man auf dieser Route auch so mehr als genug.
Thailand grüßt vom anderen Ufer
Vor Vientiane, der laotischen Hauptstadt, wird der Mekong so schmal, dass das gegenüber liegende thailändische Ufer nur einen Steinwurf entfernt erscheint. Dafür liegt bei niedrigen Wasserständen eine gewaltige Sandfläche entblößt, die stellenweise an das deutsche Wattenmeer erinnert und an Wochenenden zahllose Besucher anzieht. Doch gleich dahinter, Richtung Stadt, sieht es schon erheblich exotischer aus, auch wenn Vieng Chan, so der einheimische Name von Vientiane, seit einiger Zeit zunehmend den Schrecken der Moderne ausgesetzt ist und immer mehr Autos, Motorräder, Shopping-Malls und Junkfood- Restaurants das Stadtbild prägen. Vientiane ist und bleibt eine der unbeeiltesten Kapitalen der Welt und ihre Einwohner zählen wohl zu den freundlichsten. Außerdem ist das Hauptstädtchen preiswert; für ein paar Dollar gibt es schon ein Hotelzimmer und das Essen – stets vorzüglich – kostet noch viel weniger. Exquisit ist „Stecklfisch“ aus dem Mekong, der vor allem am
Strand in großen Mengen angeboten wird.
Zahlreiche Wats (Tempel) aus alter Zeit können besichtigt werden, und das laotische Nationalheiligtum That Luang sollte sich niemand entgehen lassen, auch wenn es viele Museen zu besuchen gibt. Man kann sich aber auch treiben lassen, um dem Charme dieses großen Dorfes mit weiterhin lebendigem kolonialem Flair zu erliegen, bis der Bus einen erneut aufliest und gen Süden bringt. Die Provinznester entlang des braun und träge dahingleitenden Stroms haben allesamt eine gemütliche Atmosphäre und herzige kleine Gästehäuser. Die Örtchen heißen Pakxan, Thakhek, Savannakhet oder Pakxe und erst kurz vor der Grenze nach Kambodscha eröffnen sich dem Reisenden völlig neue Aspekte.
Vom Fluss zum Binnenmeer
Der Mekong weitet sich nun auf eine Breite von bis zu 14 Kilometer aus und innerhalb dieses Binnenmeers liegt ein ganzer Archipel von Inseln verstreut. 4.000 sollen es sein, wobei wohl jeder Felshöcker und alle Vegetationsbüschel mitgezählt werden, aber eine riesige Menge ist es zweifelsohne. Bewirtschaftet sind die meisten, die wenigsten ständig bewohnt, doch es gibt einige touristische Infrastrukturen, die bis auf weiteres als kleine Geheimtipps gelten. Die Inseln Don Khong, Don Khon und Don Det haben sogar ein paar bescheidene Touri-Dörfer aufzuweisen, die zwar mit wenig Sehenswürdigem punkten können, in deren stillem Ambiente aber so manch gestresster Neuzeit-Traveller sein Karma finden könnte und gar nicht mehr weg will.
Etwas lärmiger wird es ein Stückchen weiter im Süden, wo die Mekong-Fälle auf einer Breite von mehreren Kilometern bis zu 15 Meter in die Tiefe stürzen. Es ist nicht der spektakulärste Wasserfall der Welt, aber der Khong Phapheng – „Getöse des Mekong“ – hat seinen Namen schon verdient. Es fällt schwer, sich von dem dramatischen rauschenden Spektakel loszureißen. Die französische Kolonialmacht befasste sich im 19. Jahrhundert – typisch europäisch – mit Plänen, das Schifffahrtshindernis kurzerhand wegzusprengen. Die heftig protestierenden Laoten verhinderten diese Schandtat gottlob. Stattdessen wurden die Fälle mit einer zehn Kilometer langen Eisenbahnlinie umgangen, von der zwei rostige Uralt-Loks noch heute Kunde geben. Eine geräumige Aussichtsplattform bietet den besten Blick auf die stürzenden Wasser. Große Scharen mit modernstem Kamera-Equipment beladener Laoten stellen dort unter Beweis, dass es ihrer so bescheiden anmutenden sozialistischen Volksrepublik weit aus besser geht, als manche Unkenrufer wahrhaben wollen.
Der Bus bleibt
Der Übergang nach Kambodscha, der kurz darauf stattfindet, ist problemlos; es gibt wie auch in Laos ein „visa on arrival“ – also ein Visum, das bei Einreise erteilt wird. Es geht in ein noch preisgünstigeres Land, mit Hotelzimmertarifen, die selten über einem einstelligen Dollarniveau liegen und mit nicht minder vorzüglicher Beköstigung als in Laos. Auch hier empfiehlt sich der Bus, um dem Mekong zu folgen, denn der Flussverkehr ist, obwohl existent, unregelmäßig. Wenn nicht genügend Passagiere zusammenkommen, wird gar nicht erst abgefahren. Urige Provinzstädte säumen die Ufer auf dem Weg zur Hauptstadt Phnom Penh: Stung Treng, Kampie, Kratie, Kompong Cham laden zum geruhsamen Verweilen. Busse für die Weiterfahrt gibt es mehr als genug und zu jeder Tageszeit.
Kambodschas Kapitale Phnom Penh am vorläufigen Endpunkt dieser Odyssee galt einst, bis etwa 1970, als schönste Stadt Südostasiens. Dann folgten ideologische und bürgerkriegerische Auseinandersetzungen. Diese kosteten eineinhalb bis zwei Millionen Kambodschanern das Leben, und von den Nachwehen dieser Konflikte hat sich das Land noch heute nicht völlig erholt. Dennoch muss nicht jeder Tourist unbedingt Einblick in diesen Leidensweg nehmen, indem die sogenannten killing fields mit ihren Massengräbern und Schädelpagoden besucht werden. Die Bürger des Landes sind selbst bemüht, diese finstere Episode ihrer Geschichte aus dem Gedächtnis zu streichen. So lassen sich im weitgehend wiederhergestellten Phnom Penh heute in der Mehrzahl gut gelaunte und dem Fremden gegenüber aufgeschlossene Menschen finden. Ein Jeder kann sich heute gefahrlos durch die immer noch französisch angehauchte Stadt bewegen, um die zahlreichen Sehenswürdigkeiten wirken zu lassen. Darunter der großartige Königspalast, die nicht minder fantastische Silberpagode und wiederum eine stattliche Anzahl von Wats und Museen. Wer die Stadt vollständig erkunden möchte, sollte einfach einen ganzen Tag lang mit einem Tuktuk (Motor- Rikscha) umherfahren – die Reisekasse wird dadurch kaum fühlbar geschmälert.
Fisch, Quader und deutsches Bier
Doch jetzt ist es an der Zeit, vom Mekongtrip abzuschweifen, um eines der beeindruckendsten Kulturdenkmäler der Welt in Augenschein zu nehmen: den Angkor-Komplex in der Nähe der Provinzhauptstadt Siem Reap. Dorthin fahren ab Phnom Penh Passagierschiffe mit verlässlichen Fahrplänen. Es geht über den Tonle Sap, den fischreichsten See der Erde, der als eine Art Überlaufbecken für den manchmal gewaltig anschwellenden Mekong dient und an malerischen Szenen weit und breit seinesgleichen sucht. Siem Reap ist zur Gänze auf Angkor-Touristen zugeschnitten und bietet für Übernachtungen das totale Spektrum, beginnend mit einem Dollar für eine Schlafsaalkoje. Eines der sehenswertesten Weltwunder von allen besuchen zu dürfen, muss nicht notwendig unerschwinglich sein, wie das Billigland Kambodscha so erfreulich demonstriert.
Über Angkor Wat und dessen Nebenkomplex Angkor Thom sind unzählige Berichte geschrieben worden, die hier nicht wiederholt werden sollen. Soviel sei nur gesagt: Die Großartigkeit dieser im 9. bis 13. Jahrhundert entstandenen Tempelanlage wird den Betrachter geradezu erschlagen zurücklassen. Allerdings sollte kein Konglomerat schnell einsehbarer Ruinen erwartet werden. Die Angkors waren regelrechte Großstädte und der Ausdehnung nach sind sie es immer noch. Eine eingehende Besichtigung ist nicht in Stunden, sondern erst in Tagen abgetan, wobei sich alle Reiseführer darin einig sind, dass nach gut fünf Tagen chronische Tempelmüdigkeit einsetzt – der Bedarf an alten Quadern ist restlos gedeckt. Nun gut, glücklicherweise bieten sich im Süden Kambodschas auch die schönen Strände von Sihanoukville – von Phnom Penh leicht erreichbar – als angenehme Alternative an. Sogar deutsches Bier gibt es dort – lechz! Während das Bier die Kehle hinunter rinnt, ergießen sich die braunen Fluten des Mekong weit weg von diesem Schauplatz ins Meer: im Nachbarland Vietnam.
Aus inAsien, Ausgabe 1/2010
Autor: Roland Hanewald


