Die Ananas

Was sie wert ist, zeigt die süße Kratzbürste auf den zweiten Blick

Um die Krone, unter den Früchten die süßeste und verführerischste zu sein, streitet sich mit der Mango allein die Ananas. Schon mit ihrer rauen Schale zeigt sie aber, dass sie den Thron auf ihre Art besteigen will, ihre köstliche Vielfalt nicht so einfach preisgiebt und einiges mehr mitbringt als verlockenden Geschmack. Schließlich ist ihr Gegenstück, die Mango, so ausschließlich süß und freigebig, dass sie in ihrer Unschuld schon wieder sündhaft ist.

Das verschlossene Glück der Ananas will entdeckt werden. Wer sie haben will, so süß, bekommt auch ihre Säure und ist am Ende doch aufs Wonnigste bedient. Denn in ihrer von Säuren und Mineralien schillernden Köstlichkeit ist sie ein besonders einnehmendes Genussmittel, das wegen seines herrlichen Geschmacks verspeist wird und wegen seiner Zuträglichkeit begehrt werden darf.

Eine Hauptrolle spielen dabei zwei Säuren, deren Wirkung die Menschen seit Jahrhunderten nutzen: die Salicylsäure und das Bromelain. Als eiweißspaltendes Ferment hilft Bromelain bei der Verdauung, weswegen die Ananas gern als Dessert genommen wurde. Salicylsäure - in der Arzneikunst früher aus Baumrinde gewonnen, heute chemisch erzeugt - ist Hauptwirkstoff in Schmerzmitteln wie Aspirin, weshalb sich die Frucht auch dann noch als Dessert eignet, wenn das den Magendruck lindernde Bromelain schlapp macht.

Bis heute behaupten die meisten Quellen hartnäckig, Christopher Columbus habe die Ananas 1493 auf Guadeloupe entdeckt. Ananas war aber schon seit Menschengedenken eine in Amerika bekannte und angebaute Kulturfrucht, also alles andere als unentdeckt. Doch mit den Spaniern und Portugiesen gelangte die Frucht nach Asien, eher beiläufig sogar, da die vitaminhaltige Ananas als Schiffsproviant den Skorbut fernhielt. Heute ist Thailand weltgrößter Anbauer des Tropenprodukts und Ananas in asiatischen Gerichten eine Zutat mit Tradition.

Gold statt Ananas

In zeitgenössischen Aufzeichnungen ist auch nachzulesen, dass Columbus von den Einwohnern Guadelupes, die - weil sich der Kapitän in Indien wähnte - bis heute "Indios" genannt werden, nicht mit Ananas willkommen geheißen wurde. Denn die Seeleute der Santa Maria plünderten so oder so in Tagesfrist die Ansiedlungen leer, die Ananas rettete denen das Leben nicht, die sie hergaben. Goldsuchern kann auch die süßeste Frucht nichts schenken. Schillernde Ananas.

Sie ist ein Bromeliengewächs, bildet kaum Wurzelwerk aus und sammelt stattdessen lebenspendendes Wasser mit einem Kranz breiter, gezahnter Blätter, die es zur Mitte leiten, wo sich ein fleischiger Stiel bildet. Um ihn herum wächst als Hingucker die Ananas heran, bis zu vier Kilogramm schwer, mit einem Blattbürzel an der Spitze. Botanisch ist das Prachtstück ein Beerenfruchtverband, der sich nach außen hin durch die vielen warzig-mehreckigen, abgeplatteten Deckseiten der Einzelbeeren zu erkennen gibt. Für Spanier ähnelt sie damit einem überdimensionierten Pinienzapfen, was sich in der englischen Bezeichnung "pineapple" noch widerspiegelt.

Der Enzym- und Mineralienreichtum der Ananas ist enorm. Neben Biotin und den Vitaminen C, B12 und E tummeln sich im Fruchtfleisch 16 Mineralstoffe, darunter Eisen, Magnesium, Kalzium, Zink, Mangan, und weitere Pro-Vitamine. Die Ananas ist mithin ein Kräftigungsmittel allgemein, hilft als traditionelles Heilmittel u.a. bei Entzündungen, Venenerkrankungen, Menstruationsbeschwerden und bringt Sportverletzungen zum Abschwellen. Da sie gleichzeitig entwässert, strafft sie in Maßen das Bindegewebe. Ein Effekt, der der Frucht in Pulverform auch Eingang in zahllose Schönheitsmittelchen verschafft, da intensive Entwässerung schlanker - tatsächlich aber nur leichter - macht. Ähnlich wie bei Pflaumen, die als Backobst etwas faltig, aber nicht wirklich schöner aussehen.

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