Gut abschrubben

Die aus Praktikabilitätsgründen auf Meterhöhe gezüchteten Pflanzen sind inzwischen ein Produkt intensiven Plantagenanbaus. Wie in Monokulturen üblich, ist zum Gedeih der Frucht mehrfacher Pestizid-, Insektizid- und Fungizid-Einsatz unentbehrlich. Anders als die Plantagenarbeiterinnen und -arbeiter können sich Käufer, die eine Ananas aus dem Supermarkt heraustragen, zumindest vor den anhaftenden Giften schützen, indem sie die Warzenhaut des Beerenverbands mit heißem Wasser und einer Bürste abschrubben. Zu viel des Guten ist kaum möglich, da der Kunstwachsüberzug einen Chemiecocktail birgt.

Trotz dieser Vorbereitung geschieht das spätere Zerlegen besser mit zwei Messern, d.h., zwischen den Außenarbeiten und den inneren Eingriffen sollte das Werkzeug gewechselt werden. Wer nach einer Ananas schon einmal Hautrötungen o.Ä. bemerkt hat, muss nämlich kein Säureallergiker sein, sondern reagiert womöglich auf Insektizide nicht anders als eine tropische Schildlaus.

Seit etwa 1860 hat die "Smooth Cayenne" als Sorte fast alle Konkurrentinnen verdrängt, denn da begann ihr Aufstieg als Konservenobst. Auch in unseren Haushalten schrieb die Paarung aus Ananas + Dose Küchenhistorie, war in den 50er Jahren exotischer Regalschmuck in der Fabrikantenvilla, avancierte in den 60ern zwischen Cocktailkirsche, Käsescheiblette und Toast zum Hausfrauenglück beim Chefbesuch und durfte dann als Allerweltsware auch bei Kindergeburtstagen für leere Teller sorgen.

Dosennahrung ist besser als ihr Ruf. Unterm Blech teilt sich die normierte Ananasscheibe den Raum mit Zuckerwasser und ist eine preisgünstige, in Stücken sogar billige Zutat, um Schweinegulasch in ein original-ethnisch nicht immer authentisches, aber leckeres Currygericht zu verwandeln, das so schön an den letzten Thailandurlaub erinnert.

Denn Ananas geht gut mit Fleisch, weil das Ferment Bromelain - es steckt nur in der frischen Frucht - die Fasern anknabbert und als Zartmacher wirkt. Die fruchtige Scheibe oben auf dem Steak oder die Segmente im Lammcurry haben also durchaus ihre Berechtigung - was Anwender nicht wirklich kümmern muss. Aber solche Eigenschaften bringt die Ananas eben ungefragt mit.

Ananas einkaufen

Reife Ananas klingen beim Ranklopfen nicht volltönend und hohl, sondern resonanzlos flach und leise. Süß duften sollte sie, aber ohne ätherische Note, denn dann wäre ihr Fruchtfleisch in Überreife angegoren. Am Kopfbürzel lässt sich ein inneres Blatt bei einer reifen Ananas leicht wegzupfen - kommt es heraus: kaufen; kommt es nicht: zurücklegen. Wegen des intensiven Fungizidmantels schimmeln überreife Ananas nicht und sind innen trotzdem faul. Dann bohrt sich am unteren Ende ein Finger leicht in die Frucht - solches Obst wird man beim Personal wieder los. Bioware ist von Oktober bis April erhältlich, um einiges teurer und oft aus fairem Handel - bessere Produktionsbedingungen gehen damit einher. Der hohe Preis legt nahe: weniger ist mehr, bzw. seltener ist gut. Zum Kochen und unter Verzicht der Eigenschaften einer frischen Ananas ist Dosenware eine durchaus brauchbare Möglichkeit, das tropische Obst zu verwenden

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Stefan Höhle