Zitronengras | Seite 2
Menschen mögen das Aroma jedenfalls. Vietnamesen versammeln sich gern um einen Topf mit gewürzter, siedender Zitronengrasbrühe, um hauchdünne Fleischscheiben in ihr zu garen, die herrlich mürb darin werden. Die indonesische Zwiebelpaste Bumbu – holländische Produzenten bieten sie hier oft als „Boemboe“ an – gewinnt ihre Frische genauso aus Zitronengras wie unzählige asiatische Suppen und Fischgerichte.
Die nicht nur in Asiashops, sondern auch auf vielen Märkten und in manchen Supermärkten angebotenen Stängel erinnern im Aussehen an Frühlingszwiebeln. Schon abgetrennt sind dann die feinen Würzelchen und die scharfkantigen Blätter. Nur die vom grünen Knollen-Ende fein abgeschnittenen Ringel könnten beim Mitgaren so weich werden, dass sie nachher nicht unzerkaut im Hals stecken bleiben. Für das Aroma ist diese Mühe ganz überflüssig, richtige Frühlingszwiebeln sind an dieser Stelle die geeignetere Zutat.
Die Citrus-Luft
Die kleinen Wurzeln kommen übrigens wieder, wenn Zitronengras zwei, drei Wochen in einem Glas mit wenig Wasser steht. Nicht zu früh herausgenommen, sprießt das Pflänzchen an einem sonnigen Platz in einem Topf schön weiter, und eher unmerklich wird angenehmer Duft die Raumluft durchziehen. Bei weniger starkem Frost übersteht in den Garten ausgesetztes Zitronengras auch den Winter, wächst zu einem lichtgrünen, schilfartigen Busch heran, und entwickelt dann in gemäßigten Breiten zwar nicht mehr wirklich küchentaugliches Terpen-Öl, schickt aber allen, die beim Vorbeigehen die Blätter streifen, einen zarten Zitrusduft.
Im Westen noch kaum genutzt, vielleicht auch wenig bekannt, sind die Einsatzmöglichkeiten eines Zitronengras-Tees, der leicht zu bereiten ist, vor allem wenn einige Stängel für den Einsatz in der Küche schon vorgesehen sind. Wer einfach ein paar hellgrüne Röhrchen mehr holt, kann einige davon einpflanzen, andere für einen Aufguss verwenden. Die Stängel und Blätter (falls verfügbar: auch Wurzeln) werden in kleine Stücke geschnitten, in einem Gefäß mit nicht mehr kochendem Wasser übergossen und dürfen 15 bis 20 Minuten ziehen. Danach hat der Tee Trinktemperatur und hilft bei Kopf- und Magenschmerzen, aber auch gegen Fieber und Erbrechen. Insgesamt wirken die Inhaltsstoffe schmerzstillend und antibakteriell.
Das Öl des Zitronengrases kann punktuell noch gezielter als Tee eingesetzt werden. Wer Inhalationen mit Menthol, Kampfer oder Minzöl als angenehm empfindet, wird sich auch unter einem Tuch mit Lemon-Dampf wohlfühlen – und erst recht hinterher, wenn noch einige Zeit Rosenduft durch die Raumluft zieht. Mitbewohner werden es ähnlich sehen. Daher ist Zitronengrasöl auch für Duftlampen eine Zutat erster Wahl.
Selbst wer – im Sommer vielleicht – auf die bei Erkältung oder Grippe immunstärkende Unterstützung verzichten kann, wird sich erfrischt und tatkräftig fühlen, wenn er einem heißen oder eisgekühlten Zitronengrastee zugesprochen hat. Wer einen Sommer nicht ohne zu grillen überstehen kann und seine Gäste, wie man so sagt, „gern überrascht“, sollte sich folgenden Kniffs bedienen: aus Fischfiletstückchen und Dörrfleisch ein Schaschlik bauen, mit Zitronengrasstängeln als Spieß. Nur beeilen sollte er sich. Die Konstruktion ist so unschlagbar, dass sie als Geheimtipp höchstens noch diese Saison übersteht.
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