Die Aprikose
Eine bestimmte Wildform der Aprikose wurde in China bereits im Altertum gern gepflückt, doch vor einigen Jahrhunderten begannen die Menschen, sie immer weniger zu essen. Einerseits, weil nicht mehr überall dort, wo sie als süßes kleines Ding heranwuchs, noch Menschen wohnten. Genau da aber, wo andererseits umherziehende Völkchen im Schatten der Aprikosenbäume lagerten, schmeckten die Früchtchen zunehmend sauer und holzig. Ein zwar bedauerlicher Umstand, doch immerhin ein weiterer Grund, es stärker mit der Sesshaftigkeit zu probieren und die Wildform zu kultivieren.
Das Ergebnis, nur eine der namenlosen und ungezählten seit 2000 vor Christus herangezogenen Aprikosenkulturen, ist inzwischen eine Randnotiz fernöstlicher Obsthistorie. Die Beijinger Anthropologieprofessorin Gu Hongya ist mit ihren Studenten dennoch losgezogen, um die wilde, einst einheitlich süße Urform der späteren Zuchtsorte einzusammeln. Sie wächst bis heute auf bekanntem Terrain, hat aber zu ihrer früheren Einheitlichkeit nicht zurückgefunden, gedeiht demnach weiter in einer süßen und einer sauren Spielart. Unter anderem durch genetische Untersuchungen kennt Gu jetzt den Grund dafür: mitten durch das Verbreitungsgebiet führt die Chinesische Mauer.
Errichtet zur militärischen Abwehr nördlicher Nomadenvölker, zogen sich diese bald aus der ungastlichen Region zurück – und die wilden Aprikosen blieben ungepflückt. Südlich der Mauer siedelten nun immer mehr Menschen, aber die einst süßen Früchtchen begannen sauer zu schmecken. Der für einen hohen Zuckergehalt nötige Genzufluss nördlicherer Exemplare war durch das steinerne Bollwerk abgeschnitten, denn Aprikosen werden von Insekten bestäubt. Die meisten der schwirrenden, taumelnden Flieger können die Mauer nicht überwinden. Die Aprikose ist schon damals eine so uralte Pflanze gewesen, dass ihre DNA-Varianz am jeweiligen Standort zu spezifisch war, um auf eine Änderung des genetischen Zuflusses ohne eine Artveränderung reagieren zu können. Nördlich der Mauer blieb die Wilde süß, aber ungegessen, die südliche Spielart gab bald Anlass zu kultureller Zähmung. Im genetischen Spiegel der Aprikose sehen Kulturanthropologen versunkene Welten. Seit 4000 Jahren ist der Mensch mit der förmlichen Runderneuerung der samtigen Kugel befasst, die seine Anwesenheit auf dem Planeten selbst in ihrer Wildform reflektiert.
Griechische Fehlinformation
Die Aprikose stammt also nicht, wie die Römer annahmen, aus Armenien. Sie Prunus armenica (armenische Pflaume) zu nennen, dürfte auf eine Info seitens der Griechen beruhen, die ihrerseits erst seit den Feldzügen Alexander des Großen nicht mehr nur Korinthen zum Dörren in die Sonne legten, sondern auch die neue „armenische“ Beutefrucht. Im Nordosten Chinas ist die Wildform der Aprikose aber bis heute am variantenreichsten, dort ist mithin ihre Heimat zu vermuten. Zentralasien dürfte das Früchtchen dann in rund 2000 Jahren wahrscheinlich unaufgefordert durchwandert haben, die Römer trugen sie anschließend absichtlich in die ungarische Tiefebene, die seitdem als das angestammte europäische Anbaugebiet gilt.
Die von den Türken zur Zeit ihrer Herrschaft über die Puszta später angelegten riesigen Aprikosenplantagen verödeten nach ihrem Abzug, und erst als sich die ungarischen Ebenen durch heftige Sandstürme in eine staubige Wüste zu verwandeln drohten, begannen die Magyaren erneut mit substanziellem Obstanbau. Da Aprikosenbäume nicht nur Hitze und Trockenheit gut vertragen – wegen ihrer asiatischen Herkunft –, sondern auch feinkörnige Böden, erwiesen sie sich zum Festhalten des Flugsands als besonders geeignet. Dass also, erstens, weitläufige Aprikosenkulturen zu einer Charakterlandschaft Ungarns wurden, und, zweitens, Österreich während seiner Kaiser- und Königlichen Balkanregentschaft die süßen Früchtchen auch in der Wachau anpflanzte und dort bis heute in Marmelade und Marillenschnaps verwandelt – dass die Aprikose mithin in EU-Verordnungen genauso Eingang gefunden hat wie in den Marillenknödel –, liegt an ihrer genetischen Programmierung während ihrer Pubertät in Nordost-China. Kein Bauer aus der Wachau dürfte jemals beim Marillenschnaps wohl so tief ins Glas geschaut haben wie ein Kulturanthropologe.
Aprikosen sind Steinfrüchte, vier bis acht Zentimeter groß, kugelig bis eirund, hellgelb bis orangegelb, sonnenseits auch rötlich. Die Schale ist samtig gespannt, das Fruchtfleisch weiß, gelb oder intensiv orange – und auf dem Reifepunkt saftig, süß und lecker. Typisch ist die Fruchtfurche, die vom Stiel zum Stempelpunkt verläuft und die Aprikose in zwei Hälften teilt.
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