Die Aprikose - Seite 2

Scheinbar haarlos

Die Haut ist stramm, ohne dem Biss wirklich zu widerstehen und so zart beflaumt, dass sie wie haarlos scheint. „Aprikosenhaut“ steht als Synonym für eine anziehende, wenn nicht erotische Oberflächenbeschaffenheit weiblicher Körperpartien, was sich die Kosmetikindustrie zunutze macht, indem sie den Inhalt von Tiegeln und Tuben gern mit künstlichem Aprikosenaroma auf Erdölbasis aufrüstet, auch wenn die so versorgte Leibeshülle dann wie billiges Joghurt riecht. Erfolgverheißender ist da ein Epiliergerät und das einfache Aufessen von Aprikosen.

Dann ist die Haut außen glatt und innen mangelt es an fast gar nichts mehr. Wer viel schwitzt, sich viel bewegt, intensiv Sport treibt, kann mit Aprikosen – auch getrockneten – so etwas wie eine Grundversorgung herstellen. Wären Aprikosen und die ebenso vielfältige Banane täglich verfügbar, was mit Ersterer gedörrt und mit Zweiterer frisch tatsächlich möglich ist, brauchte kein Sportler teure Riegel knabbern. Aprikosen sind ein ganz reicher Quell von Bioflavonoiden, Folsäure, Niacin, Pantothensäure, Vitaminen (A, B, C), Kalzium, Kalium, Magnesium, Natrium, Eisen, Zink, Phosphor und Karotin und können selbst massive Verluste dererlei Stoffe, wie es beispielsweise nach stundenlangem Training mit anschließendem Saunabesuch geschieht, ausgleichen, wenn genug getrunken wird.

Bioflavonoide sind sogenannte „sekundäre Pflanzenstoffe“, die früher eher als schädlich galten, inzwischen aber ein Lieblingskind der Ernährungswissenschaft geworden sind. „Sekundär“ bezeichnet den Umstand, dass die Substanzen für den eigentlichen Energiestoffwechsel der Frucht nicht gebraucht werden. Die Pflanze produziert sie, um zum Beispiel Schädlinge fernzuhalten, sich gegen UV-Strahlen zu wappnen oder auch, um die eigenen mitverzehrten Samen vor den Verdauungsenzymen der Pflanzenfresser zu schützen.

Nutzen zeitlos

Momentan gerade ein Lieblingskind, wird ihnen natürlich bisher nicht für möglich Gehaltenes nachgesagt. Bioflavonoide sollen gleichzeitig das Krebsrisiko und den Cholesterinspiegel senken und das Immunsystem stärken, vor Infektionen mit Pilzen, Bakterien und Viren bewahren. Die Karawane der Wissenschaftler und in ihrem Tross die Nahrungsergänzungsmittelproduzenten werden irgendwann weiterziehen und andere Inhaltsstoffe unserer Lebensmittel fokussieren, was den aber zeitlos durchaus vorhanden Nutzen des Aprikosenverzehrs nicht verkleinert.

Klassisch geht Aprikose am besten mit Lamm. Schafsfleisch schmeckt vollmundig mit süßer Note und gewinnt durch die pikante Frucht. Mehr noch als in China sind Aprikosen in Indien, wo in der Hunza-Region eine auf dem ganzen Subkontinent begehrte Sorte angebaut wird, gängige Beigabe in unterschiedlichsten, auch vegetarischen Gerichten. Chutneys, milde wie scharfe, enthalten oft hohe Aprikosenanteile, weil das zerteilte Samtbällchen nicht matschig wird.

Aber es kann etwas sauer werden, denn der Zucker der Aprikose wandert bei lange gerührten, warmen Zubereitungen zum Teil in die Kochflüssigkeit. Wer das nicht mag, fügt (nur ganz reife) Fruchtstückchen erst ganz zum Schluss zu oder macht sich die Arbeit, die aufgeschnittene Aprikose mit einem Würfelzucker statt des Steins zu versehen und alles zuzubinden. Sehr gut entwickelt sich auch ein Sud aus kleingeschnittenen Zwiebeln und Aprikosenstückchen, da bräunende Zwiebeln viel süße Stärke entwickeln.

Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung ist die Aprikose ein delikates Früchtchen voller Verlockung und verlangt, so süß, in dieser Zeit besondere Aufmerksamkeit. Lieblose Behandlung verzeiht sie dann nicht. Betrogene chinesische Ehemänner haben's zu spät gemerkt und können es in einer landestypisch blumigen Umschreibung beklagen: Die rote Aprikose ist über die Mauer gesprungen.

Stefan Höhle

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