Erfolgstitel Kiwi

Eine geniale Namensgebung verhalf der Chinesischen Stachelbeere zu einer Weltkarriere als Neuseeländerin

Neuseeländerinnen und Neuseeländer nennen sich gerne „Kiwis“. Daran sind sie – egal ob freiwillig oder nicht – selbst schuld. Denn nach beharrlicher Marketingarbeit ist es ihnen gelungen, die unter den Welt-Früchten vormals unbedeutende „Chinesische Stachelbeere“ als „Kiwi“ in alle Munde zu befördern und überdies als das original-ethnisch neuseeländischste Produkt überhaupt auszugeben. Eine Handelsfirma hatte die Idee 1959 ausgebrütet; Vorbild bei der Namensgebung war ein kleiner Laufvogel, der nur auf Neuseeland vorkommt und von Einheimischen als besonders landestypisch gesehen wurde. Weltweit gibt es heute somit drei prominente Kiwi-Gattungen, die kulinarisch allerdings von unterschiedlicher Bedeutung sind:

1. „Kiwi“ – der Vogel.

Nachtaktiver, gut hühnergroßer Schnepfenstrauß ohne Flügel und Schwanz. Rennt vornübergebeugt und schiebt dabei seinen Schnabel durchs Laub. Hat 70 Millionen Jahre auf Neuseeland gelebt, ist jetzt als Wildtier auf beiden Hauptinseln ausgestorben.

2. „Kiwi“ – der Neuseeländer.

Siedelt mehrheitlich in den Großstädten Auckland, Wellington und Christchurch. Pendelt zwischen Büro, Stadtrand und Rugbyfeld. Ebenfalls flugunfähig, aber Bestand stabil.

3. „Kiwi“ – die Frucht.

Beerenobst einer Kletterpflanze, deren Heimat in den Waldgebieten des Yangzi-Tals (China) liegt. Fünf bis acht Zentimeter lang, walzenförmig, rostbraune, pelzige Haut, Fruchtfleisch grasgrün mit heller Mittelachse.

Die kräftige Kiwiliane wächst als heimische Pflanze außerhalb Festlandchinas auch auf Taiwan und in rund 50 Arten, von denen die meisten kleinere, aber ebenso süßsaure Beeren ausbilden. Eine neuseeländische Rektorin brachte 1906 nach einer Missionstour durch China die neuartigen Samen mit nach Hause, im Garten ihres Girl’s College erntete sie 1910 die ersten Früchte. Drei Jahrzehnte lang wuchs danach die „Chinese Gooseberry“ (chinesische Stachelbeere) in privater Hand zwischen Spalierobst und Rasenrabatten heran, 1940 landeten erstmals Kiwis aus Profianbau in den Markthallen Neuseelands. In den Fünfzigern kauften dann auch Australier, Nordamerikaner und Briten die exotischen Chinese Gooseberries bei ihrem Fruit Dealer, während die Deutschen noch mit Bananen und Ananas trainierten.

Und weil auch die Franzosen nach kolonialer Tradition reichlich in algerischen Melonen schwelgten, bedurfte es einer Imagekampagne, um die wenig bunten Stachelbeeren von der anderen Seite der Welt in der EU-Vorläuferin EWG zu vermarkten. Da der Name typisch für Neuseeland sein sollte, aber nicht mal die nahezu ausgerotteten ursprünglichen Bewohner der Inseln, die Maori, eine Bezeichnung für den China-Import hatten, entschieden sich die Plantagenbetreiber für „Kiwi“. Der durch die Dämmerung rasende Schnepfenstrauß war zwar in Europa auch nicht wirklich populär, doch „Kiwi“ klingt knackig. Im warmen Regen einer staatlich subventionierten Marketingoffensive verwandelten sich in den folgenden Jahren viele Landstriche Neuseelands in Kiwifelder, erkennbar an quadratkilometerweiten, grün berankten Holzspalierreihen, umgeben von hohen Hecken als Windschutz.

Nobelobst der 70er

Bis in die achtziger Jahre hinein war die Kiwi in Deutschland ein Luxusfrüchtchen im Zwei-bis-drei-Mark-Bereich, bei dem man froh zugriff, wenn es mal – selten genug – bei Aldi für 99 Pfennig pro Stück zu haben war. Heute gehört die ehemals besondere Delikatesse auch beim Discounter zum Standardsortiment, das Viererpack zwischen 50 und 50 Cent, womit eine Kiwi weniger als ein einheimischer Apfel kostet. Eine mehr als tausendprozentige Produktionssteigerung neuseeländischer Kiwis ging mit dieser Entwicklung einher; die Farmer in Australiens Nachbarland bauten 1970 rund 18.000 Tonnen der Früchte an, im Jahr 2000 waren es 254.000 Tonnen. Gleichzeitig erlosch der Anbau in China fast ganz, womit die Kiwi endgültig neuseeländisch geworden sein sollte – aber möglicherweise wird sie das nie. Denn in Italien entwickelte sich zur selben Zeit die Kiwiproduktion von anfangs null auf 360.000 Tonnen im Jahr 2000, sie übertrifft damit ihre neuseeländische Konkurrentin in der Menge um gut 40 Prozent, bei gleicher Qualität (stets Sorte „Hayward“) und identischem Absatzmarkt, da beide Länder fast ausschließlich für Europa produzieren. Die Neuseeländer selbst kaufen in ihren Supermärkten kalifornische Kiwis.

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