Die Esskastanie

Maronen schenkt der Wald zur Winterzeit. Asiaten schmoren sie zur Ente, bei uns wandern sie traditionell in die Gans

Von den vielen bekannten Namen für die Marone wäre nur einer falsch: Rosskastanie – die ist mit Ausnahme des Wildschweins für alle Zwei- und Vierbeiner ungenießbar bis giftig, noch mehr für deren Darmparasiten, weshalb Pferden früher Rosskastanien als Wurmkur unters Futter gemischt wurde. Bekömmlich und höchst wohlschmeckend ist allein die Marone, je nach Land und Leuten auch als Esskastanie, Edelkastanie, Süße Kastanie, Keste oder – im Pfälzer Wald und im Taunus – als Keschde bezeichnet. Österreicherinnen und Österreicher dürfen auch Maroni sagen, aber dann eigentlich kein Plural-s mehr dranhängen, weil dieser Terminus zugleich eine Nebenform der mehrzähligen Marone, der Maronen, darstellt. Schon die Nomenklatur der essbaren Kastanie spiegelt die Unterschiedlichkeit der Regionen ihres Vorkommens, die Vielfalt ihres Gebrauchs wider. Auch, weil sie zwischendurch mal verschwand.

Als ursprünglich westasiatisches Gewächs, war die wanderungsfreudige Esskastanie bereits vor zwei Millionen Jahren in ganz Europa zu einem heimischen Baum geworden, zog sich während der Eiszeiten aber ebenso vollständig wieder zurück, denn sie ist wärmeliebend. Maronen gediehen danach gerade noch tief im Süden am Schwarzen Meer. Ihre natürliche Wanderungsgeschwindigkeit, die sich aus der ersten Fruchtzeit der Bäume und dem Verbreitungsradius der Kastanien um den Altstamm errechnen lässt, liegt bei zwei bis drei Kilometern pro Jahrhundert. In den vergangenen 10.000 Jahren seit der letzten Eiszeit konnte sie es also allein nicht schaffen, sich in Italien, Frankreich, Deutschland und dem sonnigen Südengland als Rückkehrerin feiern zu lassen, selbst wenn sie auf dem allerletzten Stück zu den Kreidefelsen des heutigen Dover als treibende Chestnut die schnellere Meeresströmung nutzte.

„Kommt selbst“

Jemand musste ihr geholfen haben. Lange herrschte die Meinung vor, die Römer hätten Esskastanien vom Schwarzen Meer und sogar über die transasiatische Seidenstraße auch als Direktimport aus der Maronenheimat eingeführt. Neuste Forschungen belegen aber zwischen Rhein und Weser Funde von Esskastanienpollen aus der Eisenzeit. Danach sind es die lebensfreudigen Kelten gewesen, die bereits um 200 v. Chr. nicht nur südfranzösischen Wein bevorzugten, sondern sich offensichtlich mit Handelsvölkern südlich der Alpen über den Bezug von Maronen ebenfalls einigten. Dafür spricht auch der Name Kastanie, denn rund um die griechische Stadt Kastana nahe der seinerzeit hellenischen Schwarzmeerküste Kleinasiens rauschten damals wie noch heute mächtige Esskastanienwälder in Reinbestand. Die Römer latinisierten den Namen zu Castanea, Wissenschaftler tauften die Frucht dann Castanea sativa, um die Genießbarkeit hervorzuheben, bedeutet sativa doch nützlich, kultiviert oder sättigend. Auf Koreanisch klingt die Marone Chul Sa, was ungefähr „kommt selbst“ meint, denn der Baum schickt seine reifen Früchte zu Boden. So machen im Oktober und November auch in Europa die Menschen viel Aufhebens um die Esskastanie, früher noch mehr, denn als es hier die südamerikanische Kartoffel noch nicht gab, war die Marone aus dem Wald willkommene Gratis-Bückware bei allen, die sich das täglich Brot nicht leisten konnten.

Zumindest keins aus Getreide. In den französischen Cevennen, wo manche Einheimische immer noch bis zu 200 Spielarten und Sorten der Castanea sativa unterscheiden können und kultivieren, auf Korsika, wo Esskastanien und Pinien die letzten Küstenwälder ausbilden, backen einige Bauernfamilien bis heute Brot aus gemahlenem Maronenbruch, die Inder formen daraus stapelbare Fladen. Die kohlenhydratreiche Esskastanie enthält rund 27 Prozent Stärke und 8 Prozent Faseranteil – das macht satt, Teige fest und klebrig und rote Backen außerdem, denn mit ihrem Vitamin-C-Gehalt rangiert die Marone gleich hinter der Zitrone. Beachtlich sind auch die hohen Kontingente der Vitamine A, B und E und der Mineralstoffe Magnesium, Phosphor und Kalium, genau die richtige Mischung für Herbst und Winter. Gleichzeitig sind die Baumfrüchte kalorienarm (unter 200 kcal/100 mg) und fast fettfrei, der Anteil des duftenden Kastanienöls liegt bei ein bis zwei Prozent.

Damit sind Maronen ein überaus zuträgliches, vor der Haustür im Grund frei angebotenes Nahrungsmittel also. Bloß als Heilmittel wird aus keiner Quelle von einer Wirkung berichtet, lediglich aufgegossene Kastanienblätter werden wegen ihrer Gerbstoffe als Auswurf fördernde Arznei verwendet. Dass die Esskastanie in der Küche der meisten Europäer, allenfalls Frankreich ist die Ausnahme, nur noch eine unbedeutende Rolle spielt, liegt ausgerechnet an dieser Freigebigkeit der Natur. Wer es sich vor ein paar Jahrhunderten leisten konnte, schickte seinen Nachwuchs nicht mehr im Oktober in den Wald, wo er mit barfüßigen Kindern und umherstreunenden Schweinen um die Ernte der frisch gefallenen Kastanien streiten musste. Überdies war im feudalen Deutschland der Fürsten das Begehen des Forsts häufig sanktioniert, die edlen Herren sicherten so ihre Privilegien im Holzhandel und bei der Jagd. Wer sich und andere im 19. Jahrhundert bewirten wollte, ohne unangenehm aufzufallen, servierte Kuh- statt Ziegenmilch und Kartoffeln statt Maronen.

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