Geschenkt zu billig
Damit gingen Verteilungsstrukturen verloren, und deswegen kostet heute Ziegenmilch fünfmal soviel wie Kuhmilch, der Preis für Esskastanien übertrifft den für Kartoffeln um ein Zehnfaches. Einst wanderten Maronen in die fette 6-Kilo-Gans, um die 20-köpfige Sippschaft satt zu machen, heute wiegt der möglichst abgespeckte Weihnachtsvogel die Hälfte, muss nur noch für die Kleinfamilie plus Oma reichen, und Kastanien gelten zu Recht als die delikateste denkbare Füllung.
Wenn nur das Schälen nicht wäre. Zwar sprengt der hellgrüne Fruchtbecher die reife Marone stachelfrei aus seinen vier Klappen heraus, doch noch immer ist dann die Frucht von einer braunen, holzig-ledrigen Schale und einer Samenhaut darunter umgeben. Beide Hüllen sind ziemlich mühsam abzuziehen. Vorgegarte, geschälte und vakuumverschweißte Esskastanien meist aus französischer Produktion sind in den letzten Jahren stets günstiger geworden und eine tadellose Alternative. Ansonsten hilft nur ein Spezialschneider aus dem Fachhandel oder ein fein (sehr fein) gezahntes Messer, mit dem die Maronenschale an der Spitze kreuzweise geschlitzt wird. Nach rund 20 Minuten bei 200 Grad im Backofen ist dann die bräunlich geschwärzte Hülle recht gut zu entfernen, die geröstete Samenhaut blättert ab. Noch heiß ist die Marone jetzt ein vollmundiger, süßer Genuss, kann aber auch weiterverarbeitet werden.
Wer aus Esskastanien Gemüse oder eine Füllung bereiten will, kann sie ungeschält einfach zehn Minuten in sprudelnd kochendem Wasser garen, Schlitze als Explosionsschutz sind dann nicht nötig. Rausnehmen, abschrecken und die nun weiche Schale mit dem Messer abziehen. Auch hier ist zu einer feinzahnigen Schneide zu raten, glatte Klingen fahren zu leicht in die Kastanie oder die Finger hinein.
Jung mit 100
In Deutschland wachsen Esskastanienbäume ab dem Vorallgäu und über den Pfälzer Wald, die hessischen und thüringischen Mittelgebirge bis hinauf nach Mecklenburg-Vorpommern. Wo das Einsammeln nicht mehr üblich ist, bleiben die mächtigen, der Eiche ähnlichen Bäume oft unerkannt. Spätestens im Sommer sind sie leicht auszumachen, in den Zweigen hängen dann schon die Früchte, noch unreif und verborgen in den grasfarbenen, vierkantig-spitzigen Stachelkapseln. Der oft drehwüchsige Stammkern braucht lange zum Trocknen und liefert dann ausgezeichnetes Holz von hohem Stehvermögen, dessen Dauerhaftigkeit von Tischlern und Fassmachern gepriesen wird. Frühstens nach 30 Sommern fallen Kastanien aus der Krone, hundertjährig ist der Baum am fruchtbarsten, alt erst, wenn er über 1000 Jahre zählt. Die älteste deutsche Edelkastanie bei Heidelberg beschrieb Sebastian Münster schon 1553, Sizilianer maßen 1770 bei einem Riesen in der Nähe des Ätna 62 Meter Stammumfang, er steht immer noch und ist wahrscheinlich 4000 Jahre alt.
Kein Geschöpf kann sich in seiner Lebensspanne Bäumen wie Eiben, Eichen oder Kastanien zur Seite stellen. Die durch die Jahrhunderte grünenden Riesen hörten Liebesschwüre und geseufzte Träume, die die Ewigkeit vom Himmel holen wollten und allesamt Zeit fanden auszuklingen. Die Krone eines Kastanienbaums rauscht wider von all diesen Seufzern, den ungezählten Sonnenwenden und wirft einmal im Jahr freigebig etwas davon herab. Zum Sammeln, weil Maronen süß schmecken, zum Hinschauen, weil manchmal ein Wurm drin ist.
Stefan Höhle
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