Den Lärm der Welt vergessen

Er kann „so wunderbar wie süßer Rahm und erquickender Tau sein“, schrieb einst der teeliebende Mönch Lu Yu. In Ostasien wird grüner Tee nicht nur mit Vorliebe genossen, sondern auch zelebriert

Wenn Ruhe eingekehrt ist und nichts als Stille herrscht, haben wir Raum geschaffen für Harmonie, Respekt, Reinheit und die Zubereitung eines guten Tees. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf die Bewegungen des Meisters, darauf, wie er Schale, Kelle und Löffel konzentriert und wohlüberlegt gebraucht. Er überlässt nichts dem Zufall, versenkt sich ganz in den Augenblick, denn Zeit spielt keine Rolle. Nichts kann jetzt wichtiger sein, als diese Zeremonie. „Was aber“, wagt ein beflissener Schüler den Meister zu fragen, „ist das Allerwichtigste bei einer Teezusammenkunft?“ Sen no Rikyu lässt die Worte seines Schülers einen Augenblick verklingen und antwortet: „Bereite eine köstliche Schale Tee. Lege die Holzkohle so, dass sie das Wasser erhitzt. Ordne die Blumen, wie sie auf dem Felde wachsen. Im Sommer rufe ein Gefühl von Kühle, im Winter warme Geborgenheit hervor. Bereite alles rechtzeitig vor. Stelle dich auf Regen ein. Schenke denen, mit denen du dich zusammenfindest, dein ganzes Herz.“ Der Schüler nickt eifrig: „Das kann ich alles schon.“ Da verbeugt sich der Meister und antwortet: „Dann will ich dein Schüler werden.“

Der Zufall im Kessel

Sen no Rikyu führte die Teezeremonie in Japan im 16. Jahrhundert zu hoher Kunstfertigkeit. Der sado oder chado genannte „Teeweg“ ist ein heute noch praktizierter Bestandteil der japanischen Kultur. Und wenn die Japaner Tee sagen, dann meinen sie grünen Tee. Anbau und Genuss dieser Blätter haben ihren Ursprung allerdings im Reich der Mitte. In China wird er der Legende nach wohl seit rund 4.500 Jahren getrunken, als eine frische Brise zufällig einige Teeblätter in den mit heißem Wasser gefüllten Kessel des damaligen Kaisers Chen Nung wehte. Das neue Getränk fand sein äußerstes Wohlwollen. Doch seine Verbreitung als Genussmittel fand der Tee schließlich während der Tang-Dynastie (618-907), da es sich ereignete, dass der teeverrückte buddhistische Mönch Lu Yu (733-804) eine „Abhandlung über den Tee“ verfasste, worin er die Freuden, die sein Genuss bereitet, und seine richtige Zubereitung beschrieb. Damals presste man regelrechte Teeplatten in Ziegelform. Zur Zubereitung wurden sie erwärmt und gerieben, um dann das Pulver mit heißem Wasser aufzugießen. Ungefähr zu jener Zeit kehrte der japanische Mönch Saicho teegeschult aus China in sein Heimatland zurück und brachte seinen Landsleuten den Samen und ein Kulturgut, das sich in den folgenden Jahrhunderten erfolgreich etablieren sollte.

Geröstet, gerollt, geglättet

Thea sinensis oder camellia sinensis heißt der Strauch, der die Teetrinker weltweit beglückt und von dem nur die Blattknospen sowie die jungen Blätter gepflückt werden. Und er ist anspruchsvoll: Günstig ist ein nicht zu heißes Klima, kühle Nächte, trockene und regelmäßige Winde sowie häufige nächtliche Regenfälle; der Boden sollte sauer und locker sein. In der Natur kann der Strauch 10 bis 15 Meter in die Höhe wachsen, in den Plantagen jedoch werden sie auf ein bis anderthalb Meter gestutzt, um das Pflücken zu erleichtern. Chinesische Straucharten erreichen bis zu 100 Jahre Lebensdauer. Ob weißer, grüner oder schwarzer Tee – die Sorten stammen alle von der gleichen Pflanze. Die Unterschiede der Tees resultieren aus der Weiterverarbeitung der Blätter. Während Schwarztees fermentiert werden, bleibt der grüne Tee unfermentiert. Um die Fermentation zu verhindern, werden die Blätter vor dem Trocknen in Kupfer- oder Eisenbecken über einem Feuer geröstet, dies ist die chinesische Methode. In Japan werden sie mit heißem Dampf behandelt. Nach dem Trocknen werden die Blätter gesiebt und sortiert, gerollt oder geglättet.

Durch die Verhinderung der Fermentation bleiben alle im Blatt enthaltenen Wirkstoffe erhalten, und die Umwandlung der Inhalte etwa in Aromastoffe wird unterbunden. Grüner Tee zählt zu seinen Bestandteilen die Vitamine A, B, C und E. Zudem hat man in den Blättern Kalium, Mangan, Phosphor, Natrium, Kupfer, Chlorophyll und Fluor nachgewiesen.

Das Vitalelixier

Schon die alten chinesischen Texte schildern die positiven Wirkungen des grünen Tees auf Kreislauf, Stoffwechsel und Verdauung. Zudem fördere er die Widerstandskraft gegen Krankheiten, reinige die Haut, kläre den Urin und stimuliere nicht zuletzt das Denken und den Geist, heißt es dort. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen, dass die so genannten „Flavonoide“ oder sekundären Pflanzenstoffe des grünen Tees das Hormonsystem regulieren und vor freien Radikalen und somit vor Krebserkrankungen von Magen, Darm, Leber und Haut schützen können. Das Koffein ist von mild anregender Wirkung auf Kreislauf und Nervensystem. Grüner Tee wirkt cholesterinsenkend und verringert die Aufnahme von Fetten bei der Verdauung. Sogar die verbessernde Wirkung auf die Dichte der Knochenmasse ist in chinesischen Studien erhärtet worden. Kurz gesagt: Grüner Tee hält jung, fit und wach! Sogar Kochen kann man mit ihm. Wer’s nicht glaubt, möge die Rezepte auf den nächsten Seiten in Augenschein nehmen!

Dierk Szekielda