Kochartikel
Kulinarische Botschafterin
Sohyi Kim zählt zu den besten Köchinnen Europas. Sie tritt regelmäßig im Fernsehen bei Kochshows wie „Lanz kocht“ oder „Die Küchenschlacht“ auf und ist weit über die Grenzen ihrer Wahlheimat Wien bekannt. Doch nicht nur in Österreich und Deutschland kennt man sie, auch in Korea ist sie längst zu einer Art kulinarischen Botschafterin avanciert.
Seit sie 19 ist, wohnt Kim in Wien. Hier war sie eigentlich nur per Zufall gelandet, denn ursprünglich wollte sie nach Paris oder Mailand. Sie erinnert sich noch gut an den Tag ihrer Ankunft. Es war Winter und es schneite heftig. Im Flugzeug saßen gerade mal sieben Leute. Kim fühlt sich einsam: „Ich habe keine Menschenseele auf der Straße gesehen.“ Doch sie gibt nicht auf. Erlernt die deutsche Sprache, bewirbt sich an der Hochschule für angewandte Kunst. Man lehnt sie ab. Schließlich wird sie an der Modeschule aufgenommen und absolviert diese als Klassenbeste. Sie entscheidet sich nach Korea zurückzugehen und versucht sich in einem Unternehmen in der Modebranche. Aber: „Korea war nicht mehr so, wie es mir meine Mama immer ein-geprägt hat“. Zudem muss die heute 46-Jährige feststellen: „Die Modeszene, die Partys, das Ausgehen, die Oberflächlichkeit – das war nicht meine Zukunft.“ Zurückgekehrt in Österreich eröffnet sie 1995 ein kleines Sushi-Lokal. Damals war Sushi in Wien weitgehend unbekannt. Schon bei ihrer japanisch-koreanischen Mutter, die in Südkorea ein Gourmet-Restaurant besitzt, hatte sie eine „private“ Kochlehre absolviert. Von Sushi hatte Kim jedoch keine Ahnung. Sie stellt einen Koch aus Korea ein, aber lange hält sie es nicht aus, vom Koch abhängig zu sein. Denn nichts hasst die in der südkoreanischen Hafenstadt Busan geborene Koreanerin mehr als Abhängigkeit. Kurzerhand entlässt sie den Koch und fängt an, das Filetieren selbst zu üben. An die 40 bis 50 Stück Lachs pro Woche lässt sie sich zukommen, um den richtigen Schnitt zu erlernen. Anfangs weiß sie noch nicht einmal, wie sie den Fisch richtig halten muss und mehr als ein Filet landet auf dem Boden. Nach vier Wochen eröffnet sie endlich ihr winziges Lokal im Viertel um die Volksoper. Mit durchschlagendem Erfolg. Nach nur drei Wochen ist sie ausgebucht. Frischer roher Fisch ist damals neu in Mitteleuropa und Kim gehört zu den Vorreitern, die ihn anbieten. In ihrem kleinen schlichten Restaurant bietet sie authentische Gerichte mit koreanischen Einflüssen an. Jungen Menschen macht sie bessere Preise, um sie als Stammgäste zu gewinnen. Bei den Gästen kommt das Konzept gut an. Aber sie durchlebt auch harte Zeiten. Sie beteiligt sich an einem Restaurantprojekt, bei dem in eine eigens hergestellte Sushi-Maschine investiert wird – das Ganze endet in einem Fiasko, auch finanziell. Und einmal mehr schwört sich Kim, niemals wieder wirtschaftlich von anderen abhängig zu sein.
Sohyi Kims derzeitiges Restaurant „Kim kocht“ ist gleich hinter der Wiener Volksoper gelegen, gar nicht weit entfernt von ihrem ersten Lokal. Die Inneneinrichtung ist modern und sorgfältig designt, nur zwei Dutzend Gästen bietet es Platz. Bei der Zubereitung legt Kim, die sich bei Gault Millau drei Hauben und 17 Punkte erkocht hat, Wert auf die Gesamtkreation. Nicht nur Geschmack und Duft zählen dabei, sondern auch die Farbe und Form der Gerichte und die Speisenfolge. Mit ihren kulinarischen Kreationen, die auf der Fünf-Elemente-Küche basieren, möchte Kim die Balance, das Wohlbefinden und die Gesundheit ihrer Gäste positiv beeinflussen. Manchmal haben ihre Gerichte eine nahezu heilende Wirkung, denn Kim kann den Gesichtern ihrer Stammgäste oftmals ihr Leiden ablesen. Und so ein passendes Menü zusammenstellen. Verwendet werden überwiegend Produkte aus rein biologischem Anbau. Kim mixt sehr erfolgreich asiatische, mediterrane und lokale Traditionen, Gewürze und Rezepte, ohne dabei einem Pseudo-Fusion-Kitchen zu verfallen. Ihr ist wichtig, aus den ausgewählten Produkten und Zutaten, Gewürzen und Kräutern eine neue Kombination zu schaffen und die Gerichte individuell zu komponieren. Recht ungewöhnlich ist die Tatsache, dass Kim jedes Gericht selbst zubereitet. Für eine so renommierte Köchin ist dies sowohl in Österreich als auch international eine Seltenheit.
Privat hat Kim ihr Glück gefunden. Sie ist verheiratet und hat zusammen mit ihrem Mann ihren Cousin adoptiert. „Wir sind eine große, bunte Familie!“ erklärt sie und schließt dabei auch ihre Mitarbeiter und Freundinnen mit ein. Um auch anderen Zuwanderern zu ihrem persönlichen Glück zu verhelfen, hat sie das Jugendprojekt „Neuer Wind“ auf die Beine gestellt, das sich Kindern von Einwanderern aus verschiedenen Ländern annimmt. Denn dass sie von den Medien immer als Vorzeigemigrantin angeführt wird, sieht Kim als Verpflichtung. Mit dem Projekt unterstützt Kim die Jugendlichen mit einer Art Stipendium. Sie sagt: „Ich halte Bildung für den einzigen Weg in eine gute Zukunft – sie stärkt das Selbstbewusstsein und die eigene Meinung und ist die beste Medizin gegen Unzufriedenheit und Frust.“


