Klavier, Klassik und Klarinette –
Wunderkinder aus Fernost

Weltweit träumen Väter und Mütter davon, die genialen Talente ihrer Kinder zu wecken. Asiens Eltern ergreifen die Gelegenheit und ihre Jüngsten am Schopf und packen es an. Heraus kommen immer wieder mal kleine Genies, die stolz der Welt präsentiert werden

Der Prototyp des asiatischen Wunderkindes ist ohne Frage der chinesische Klaviervirtuose Lang Lang. Man muss kein Klassikliebhaber sein, um ihn zu kennen: Seit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 ist der Name des 26-jährigen Pianisten aus Shenyang nordöstlich von Beijing auch bei uns kein Geheimtipp mehr. Umgeben von sehr vielen froschgrünen Männchen spielten er und die fünfjährige Li Muzi am 8. August mit bekanntem Pathos asiatisch angehauchte Kompositionen. Seine Erfolge haben in China einen Klavierboom ausgelöst, der jeden normalen Rahmen sprengt. Statistiken sprechen von 80 Millionen Pianoschülern. Das Gros der Spieler wurde von ambitionierten Eltern an die schwarz-weißen Tasten gesetzt und genau so hatte auch Lang Langs Weg zum Ruhm begonnen.

Allein dem Himmel hat auch er seine Erfolge nicht zu verdanken. Schon in der Schwangerschaft lauschte Mama Lang zielorientiert klassischen Melodien; als der Kleine dann mit zwei Jahren erstes Interesse zeigte, begann bald darauf der ernsthafte Unterricht bei einem Musikprofessor. Es folgten die ersten Preise mit fünf Jahren, die Aufnahme ans Musikkonservatorium in Beijing im zarten Alter von neun. Von nun an bestimmte Lang Langs Karriere das Familienleben, dafür trennten sich die Eltern, nur der Vater zog mit nach Beijing und versorgte ausschließlich Junior Lang. Mutter Lang sorgte in Shenyang derweil für ein geregeltes Einkommen.

If you make it there …

Mit 15 Jahren ging es mit einem Stipendium in die USA und dort gelang ihm der internationale Durchbruch, als er für einen erkrankten Pianisten einspringen durfte. Mit 21 Jahren gab er sein Solo-Debüt in der Carnegie Hall in New York und holte seinen Vater auf die Bühne. Gemeinsam spielten sie das berühmte Stück „Horses“ am Flügel und auf der traditionellen chinesischen Geige, der zweisaitigen Erhu. Vor der Geburt des Sohnes hatten beide Eltern von einer eigenen großen internationalen Musikkarriere geträumt – die Kulturrevolution hatte ihnen einen Strich durch die Rechung gemacht. Nun aber hatte Vater Lang es auch geschafft. Für China sind Vater und Sohn zum Symbol von Willenskraft und Stärke geworden.

Und schon steht die nächste Generation hoch begabter junger Pianisten in den Startlöchern: Sham Ching-Toa aus Hong Kong hat mit seinen zwölf Jahren einige internationale Jugendwettbewerbe gewonnen, die sechzehnjährige Qin Yunyi und er werden beide tatkräftig vom Chinesischen Nationalzentrum für Darstellende Künste unterstützt, um „den Beweis zu liefern, dass China nicht nur Lang Lang und Li Yundi“ zu bieten hat.

Was heute China ist, war früher Japan. Erinnern Sie sich noch an die kleinen Suzuki-Geiger? Ganze Scharen von Kindergartenkindern spielten in den 80er Jahren Mozart auf der Geige. Die Japaner waren begeistert. Shinichi Suzuki wurde Vorreiter eines Trends, Kindern immer früher immer mehr beizubringen. Das mag umstritten sein, hat aber eindeutig den Vorteil, wahre Begabungen schon sehr früh entdecken zu können. Wie zum Beispiel die japanische Violinistin Midori. 1971 geboren, gab sie mit 11 Jahren ihr erstes Konzert mit den New York Philharmonikern. Aus dem Nachbarland Korea kommen ebenfalls viele Nachwuchstalente im Bereich Musik. Ein Beispiel ist die Geigerin Sarah Chang, mit acht Jahren gab sie ihr Debüt an der Carnegie Hall. Das jüngste Beispiel eines musikalischen Wunderkindes ist wohl die vierjährige Japanerin Mai Kawasaki, die Ende 2008 auch in Deutschland auftrat.

Perfekt, aber unreif?

Im europäischen Raum sind so junge Musiktalente in der Öffentlichkeit kaum anzutreffen. „Technisch perfekt, aber emotional noch unreif“, so lautet meist das harte Urteil über junge Musiktalente. Wir lieben da eher unsere Wunderkinder des Sports – für Tennis und Autorennen ist eine bestimmte Reife anscheinend nicht notwendig. Die Nation spaltet sich, ob die Eltern von Boris Becker und Co. verantwortungsbewusst gehandelt haben und ihren Kindern zu einer besseren Zukunft verhalfen oder ob ihr intensiver Einsatz für ihr Kind lediglich purer Egoismus war. Viele Asiaten schütteln bei dieser Frage verständnislos mit dem Kopf. „Haus und Hof kann man jederzeit verlieren. Was aber einmal im Kopf ist, kann einem niemand mehr nehmen“, so lautet die Grundeinstellung der ostasiatischen Erziehung. Je mehr ein Kind also schon in jungen Jahren aufnehmen kann, umso besser ist es für seine Zukunft gewappnet. „Lernen schadet nie!“, lautet das gemeinsame Credo und so bedeuten heute leider immer noch für viele Kinder in China, Korea und Japan die Jahre zwischen Kindergarten und Universitätsabschluss vor allem eins: lernen, lernen und nochmals lernen.

Dass dabei nicht nur Gutes entsteht, zeigen etwa die Selbstmordraten unter Jugendlichen. War es früher Japan, das die Statistiken anführte, ist es schon lange von Südkorea überholt worden. Dort tobt heute der Kampf um die beste Bildung fürs Kind. In Japan hat sich dagegen die Bildungslage (für asiatische Verhältnisse!) ein wenig beruhigt. Hier hat im letzten Jahrzehnt ein Umdenken im Bildungsbereich eingesetzt: Wurde früher auf reines Auswendiglernen und kaum auf das Ausbilden selbstständigen Denkens geachtet, weiß man heute um die essenzielle Notwendigkeit sozialer Fähigkeiten. Hohe Anforderungen an Qualität und Quantität werden beim Lernen immer noch gestellt, besondere Talente sollen ebenfalls gefördert werden, doch schauen heute die Kindergärten und Grundschulen sehr stark auf das Ausbilden sozialer Fähigkeiten und geben den Kindern mehr Zeit und Raum für ihre Persönlichkeitsentfaltung.

Den Traum verwirklichen

Eine Folge ist naturgemäß das zahlenmäßige Schrumpfen japanischer Supertalente. Füllten vor ein paar Jahren noch die Japaner die Klassenräume berühmter Musikakademien wie zum Beispiel der Juilliard School in New York, sind es heute die kleinen Koreaner und Chinesen, die auf unbedingte Leistung setzen und immer jünger die Bühnen der Welt betreten. Die Konkurrenz ist immens groß, viele von ihnen werden in dem Gerangel um die besten Plätze auf der Strecke bleiben. Und was wird später aus ihnen? Durchschnittliche Musiker irgendwo in der Provinz? Das ist schon möglich, aber immerhin haben sie ernsthaft versucht, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Auch wenn sie gescheitert sind, bringt ihnen allein dieser Wille daheim Ehre und Respekt. Helden scheitern halt manchmal. In Ostasien gelten sie damit sogar als die wahren Helden. Anders als bei uns, wir lassen es lieber gleich bleiben und richten uns gemütlich in unserem Mittelmaß ein. Wenn dann doch mal Nachbars Junge am eigenen Nachwuchs vorbeizieht, gilt das nicht als erstrebenswertes Vorbild, sondern wir suchen erst einmal emsig nach dem Haar in der Suppe. Neid kennen Chinesen, Koreaner und Japaner ebenso, aber dann heißt es: Das will ich auch! Dieser Hunger nach Erfolg bringt ein Volk auf Trab.

Christine Liew

Interview

Das Interview führte unsere Autorin Anfang November mit Shinsuke Iso, Jurist aus Utsunomiya, Japan. Herr Iso lebt heute in Rheinland-Pfalz und unterrichtet an einem deutschen Gymnasium.

Herr Iso, Sie stammen aus Japan und arbeiten seit einiger Zeit als Lehrer in Deutschland. Was ist für Sie ein Wunderkind?

Ein Wunderkind hat besondere Fähigkeiten, in denen es seinen Altersgenossen weit voraus ist. Dabei spielt es kein Rolle, ob die Eltern wie im Fall von Lang Lang die treibende Kraft sind oder ob das Kind sein Talent von sich aus ganz und gar ungezwungen auslebt.

Warum, glauben Sie, machen immer wieder so viele Wunderkinder aus Asien von sich reden?

Die moralische Abhängigkeit der Kinder von ihren Eltern ist in Japan und wohl auch in anderen asiatischen Ländern wesentlicher größer als zum Beispiel in Deutschland. Kinder dürfen ihre eigene Meinung äußern, letztendlich haben aber die Eltern immer das Sagen. So geht das weit bis in das Erwachsenenleben. Dadurch üben die Eltern natürlich einen ganz anderen Druck aus, man gesteht ihnen auch viel mehr Autorität zu.

Hat das etwas mit dem Stellungswert der Bildung in der Gesellschaft zu tun?

Nun ja, wie Sie wissen, dreht ein Großteil der Kindheit sich bei uns um das Bestehen von Aufnahmeprüfungen. Kommt man in eine Mittelschule oder eine Oberschule mit einem besonders guten Ruf, sind die Eltern natürlich stolz. Die Familie gewinnt gegenüber Nachbarn, Bekannten und Verwandten an Achtung. Schafft man dann noch die Aufnahme an eine renommierte Universität, hat man erst einmal fürs Leben ausgesorgt. Die Kinder machen da meist brav mit, das Leben an der Universität erscheint ihnen wie das erlösende Paradies. Da wollen sie hin und da lässt man sie dann auch endlich mal ausgiebig Spaß haben. Das ist das große Ziel, mit dem die Schüler geködert werden.

Lassen Sie uns ein wenig unsere beiden Gesellschaften vergleichen: Bei uns sind viele Eltern sehr zurückhaltend, wenn es gilt, Druck auf

Kinder beim Lernen auszuüben. Teilen Sie diese Bedenken in Ihrer Gesellschaft nicht?

Alle Kinder haben irgendwann mal keine Lust zum Lernen. Japanische Eltern greifen dann zu einem probaten Mittel: Sie bereiten ihrem Kind ein schlechtes Gewissen. Schlechte Noten sind kein individuelles Problem, sondern schaden dem Ansehen der ganzen Familie. Aber es gibt da noch einen sehr interessanten Unterschied: in Japan lieben wir Prüfungen. So wiederholen selbst Erwachsene immer wieder denselben Englischtest nur um die bislang erreichte Punktzahl zu verbessern. Dann wird das Ergebnis verglichen und diskutiert. Es macht uns einfach Spaß zu lernen!

Wird das Lernen, das „Alles-Geben“ für einen Traum, in Asien wohl auch eher respektiert als bei uns?

Ja, das glaube ich schon. Und dann spielen die Medien natürlich eine große Rolle. Vor Jahren berichteten die Medien ganz begeistert über Ai-chan, die kleine Ai Fukuhara. Mit fünf Jahren spielte sie schon Tischtennis wie ein Profi. Sie hat immerzu geweint, ständig liefen ihr beim Spiel die Tränen, aber die Mutter trieb sie immer weiter. Das war ganz natürlich für uns, niemand kam da auf die Idee, den Eltern mal Einhalt zu gebieten. Im Gegenteil, wir fanden das damals toll, wie zäh das kleine Mädchen doch war.

Ist es für eine Gesellschaft gut, Wunderkinder zu haben?

Ja, in gewisser Weise schon. Auch wenn sie manchmal wie exotische Tiere vorgeführt werden, haben sie doch eine Vorbildfunktion. Da wird gezeigt, wie jemand nicht gleich aufgibt und wie er Schwierigkeiten und Durststrecken überwunden hat. Das ist für uns ganz wichtig.

Fördert diese Kombination – einerseits Passion für Bildung und Prüfungen, andererseits ein hoher Anspruch an das

Durchhaltevermögen – die Entstehung von Wunderkindern?

Ja, das denke ich schon. Wenn eine Gesellschaft bis ins Alter fasziniert von geistigen Wettkämpfen ist, schafft das eine ganz andere Lernatmosphäre. Eltern müssen im Interesse des Kindes autoritär sein, das wird so akzeptiert. Hinzu kommt noch die Bewunderung für einen zähen Kampfgeist. Den müssen ja auch Wunderkinder beweisen. Ohne fleißiges Üben wären Lang Lang oder die kleine Ai sicherlich nicht bis zur Weltspitze aufgestiegen.