Mitsunori sucht den Super-Koi
In einem der unzähligen Täler der Provinz Niigata, in der Nähe von Ojiya, wohnt Mitsunori-San mit seiner Familie. Für die Region um Ojiya steht die Koi-Zucht an erster Stelle. Daher findet man hier im Ort auch Bürgersteige mit Mosaiken, die majestätische Koi zeigen. Ebenso zieren Koi-Motive die Gullydeckel der Straßen, Unterführungen sind wie Riesen-Koi gestaltet und mit einem eigenen Museum wurde den Koi ein Denkmal gesetzt. Der Züchter Mitsunori ist wie viele seiner Kollegen von klein auf mit der Koi-Zucht betraut, denn bereits sein Vater entschied sich früh für ein Leben für die Koi und hilft heute noch mit, dieses traditionsreiche Geschäft mit den kostbaren Lebewesen zu unterstützen.
So berät der Vater auch in diesem Frühjahr wieder seinen Sohn Mitsunori, welche Elterntiere für die diesjährige Zucht geeignet zu sein scheinen. Gezielt werden die Zuchttiere nach ihrer Größe und Farbschönheit ausgesucht, damit möglichst viele positive Merkmale an die Nachkommen vererbt werden. Dabei greifen die Züchter auf ihre eigenen besten Bestandstiere zurück, holen sich aber auch immer wieder gerne neue Zuchttiere von befreundeten Farmen in ihre Anlage. 2004 verlor die Koi-Farm bei dem großen Erdbeben alle männlichen Zuchttiere und einige andere vielversprechende Tiere. Dieser herbe Verlust konnte bis heute noch nicht ganz aufgeholt werden, da jedes einzelne Tier wie ein Unikat unersetzlich ist.
Schönheit in Schwarz-Rot-Weiß
Mitsunori hat sich auf die Zucht der Varietät Showa spezialisiert. Dieser klassische Koi trägt die Farben Schwarz, Rot und Weiß und wurde erstmals in der Showa-Ära entdeckt, von der er seinen Namen erhielt. Die Verpaarung der Fische findet auf der Koifarm statt. Bis zu 100.000 Eier pro Zuchtpaar können dabei gewonnen werden. Hierbei bedient sich Mitsunori-San einer Vorrichtung von Laichbürsten, an der die stecknadelkopfgroßen Eier festkleben. Dieser anhaftende Laich ist das Kapital der Zukunft Mitsunoris, denn hieraus sollen durch Aufziehen der kleinen Fische unter immer wieder neuen Selektionen Weltspitzentiere entstehen, die der Familie später die Aufwendungen der Zucht ersetzen und sie ernähren sollen. So sind die bald schlüpfenden Larven Jahr für Jahr Hoffnungsträger der Züchterfamilie. Die Kunst, möglichst hochwertige Koi zu erhalten, liegt allerdings nicht nur in der guten Wahl der Elterntiere. Ein weiteres Geheimnis Mitsunoris ist das geschulte Auge, das Gefühl für Entwicklung, aus noch unscheinbar aussehenden Larven in immer wiederkehrenden häufigen Selektionen diejenigen Koi auszusuchen, die sich zur Spitzenklasse entwickeln werden. Aus den anfangs 100.000 Eiern werden letztlich nur rund 3.000 Koi in den Verkauf gelangen.
Während die Larven sich behütet in der Fischanlage entwickeln, bereitet Mitsunori im Frühjahr die Besatzteiche vor. Diese lagen über Winter trocken und werden nun umgepflügt. Dung wird eingebracht, um Nahrungsgrundlage für Kleinstlebewesen zu bilden, die später seinen Koi als Naturfutter zur Verfügung stehen werden. Letztlich werden die Teiche wieder mit Frischwasser befüllt, das hier überall aus unzähligen Quellen aus den Bergen Niigatas sprudelt.
Sobald die kleinen Nachkömmlinge eine ausreichende Größe erreicht haben, setzt Mitsunori sie in einen seiner Mudponds ein. Solche Teiche können unterschiedliche Größen und Tiefen aufweisen. So werden die kleinen Koi in einen der flacheren Teiche gesetzt, weil sich dieser schneller vom Sonnenlicht erwärmt, und Wärme tut den Kleinen gut, sie erfreuen sich besserer Gesundheit und wachsen dort schneller. Die älteren, größeren Tiere werden in tieferen Weihern untergebracht.
Die Zusammensetzung der Mineralien im Bodengrund unterscheidet sich von Weiher zu Weiher, was sich auf die Farbentwicklung der Koi entscheidend auswirken kann. So weiß jeder Züchter, in welchem Weiher welche Varietät am besten gedeiht und besetzt seine Teiche entsprechend. Viele der Mudponds sind aus ehemaligen Reisfeldern entstanden und sind ebenso terrassenförmig in die Hänge des Mittelgebirges gebaut.
Interessant und begehrt
Im Sommer fischt Mitsunori-San die Teiche mit seinen Jungtieren immer wieder ab, um deren Entwicklung zu überprüfen. Nur unversehrte, kräftige Tiere mit interessanten Zeichnungen werden wieder zurück in die Weiher gesetzt, um sich immer wieder der aufwendigen Selektion zu unterziehen. Ein Teil der Jungtiere wird auch Reihern und Kormoranen zum Opfer fallen, die hungrig am Ufer lauern. Darüberhinaus beschäftigt die tägliche Kontrolle der Dämme der Mudponds, das Einbringen von Futter und die Kontrolle des Durchflusses mit Frischwasser die Züchterfamilie während des heißen Sommers.
Sinkende Temperaturen künden den kommenden Herbst an. Für Mitsunori die Zeit der Ernte. Ab September bis tief in den kalten Dezember hinein arbeitet er Teich für Teich ab. Über Tage hinweg wird der Wasserstand des jeweiligen Teiches gesenkt, bis er und seine Helfer mit ihren Teichhosen durch das knietiefe Wasser schreiten können. Ein großes Zugnetz wird kreisförmig in den Mudpond eingebracht und behutsam zusammengezogen. Auf engem Raum zusammengetrieben, können die Koi nun von den Männern per Hand eingefangen und aus dem Wasser gehoben werden. Schnellstmöglich werden sie in Kunststofftüten mit Wasser gepackt und zum bereitstehenden Fahrzeug getragen. Dort steht schon Mitsunoris Vater, der Koi für Koi kontrolliert und in den Transportbehälter auf dem Fahrzeug setzt. Nach dieser ikeage, dem Entleeren des Teiches, geht die Fahrt mit der kostbaren Fracht zurück nach Hause, wo sich neben dem kleinen Wohnhaus eine riesige Halle befindet, die einem Gewächshaus ähnelt. Darin reihen sich mehrere Becken aneinander, in die nun die eben geernteten Fische gesetzt werden. Dabei sortiert Mitsunori erneut seinen Bestand: Sogenannte tategoi, Koi mit großem Zukunftspotenzial, werden separiert, da sie derzeit noch nicht verkauft werden, sondern noch ein oder mehrere Jahre bei ihm abwachsen sollen. Alle anderen Koi werden nach ihrer Körperform, ihrem Geschlecht, ihrer Zeichnung und ihrer Qualität in verschiedene Preisgruppen eingeteilt und dementsprechend auf die Becken verteilt.
Kaum sind die Weiher entleert und die Koi in den Überwinterungsanlagen angekommen, reisen „Koikichis“ (Koi-faszinierte Menschen) aus Japan und aller Welt nach Niigata, um sich dort mit neuen Tieren einzudecken.
Schwimmendes Vermögen
Japanische Hobbyisten sind oft bereit, für Spitzentiere ein kleines Vermögen auszugeben. Sie kennen die Termine der Züchter, und stehen bereits kurz nach der Ikeage an den Becken, um sich Einzelstücke auszusuchen. Händler aus den USA und Europa, hier vor allem Briten, Holländer und Deutsche, tätigen ihren Einkauf für die kommende Teichsaison im nächsten Frühjahr.
Die ausgesuchten Koi für den Export nach Übersee werden von den nichtverkauften separiert. Mitsunori kann sie alle auseinander halten und weiß, welcher Koi wem gehört. Nun müssen die Exportpapiere einschließlich den Gesundheitszeugnissen besorgt sowie Frachtraum im Flugzeug gebucht werden. Meistens erledigt das ein Agent des Importeurs für die Züchter, da dessen Händlerkunden bei mehreren Züchtern einkaufen, aber eine gesammelte Lieferung erhalten.
Mitsunori muss nun am Tag des Exportes die Koi des jeweiligen Kunden aus seinen Becken herauskeschern und verpacken. Dazu befüllt er stabile Transporttüten mit etwas Wasser, setzt eine gewisse Anzahl Fische hinein und bläst reinen Sauerstoff aus einer Druckflasche in die Tüte. Fest verschlossen legt er diese Tüte nun vorsichtig in einen stabilen Karton und wiederholt diese Tätigkeit, bis alle Koi des Kunden versorgt sind. Da klingelt es auch schon: die Spedition, die die Koi-Kartons abholen soll, ist angekommen und übernimmt die Kartons, um sie nach Tokyo zum Flughafen Narita zu fahren. Insgesamt werden die Fische rund 30 Stunden in ihrem Transportbehälter verbringen, erstaunlicherweise überleben die meisten. In Übersee freut man sich schon auf die Juwelen des Gartenteichs.
Wo die besten sich treffen
Mitsunori reist kurz darauf ebenfalls nach Tokyo. Im Gepäck hat er seine wertvollsten Koi, die er auf der wichtigsten Koi-Show der Welt ausstellen will, der All Japan Combined Nishikigoi Show (Shinkokai). Dort treffen sich jedes Jahr Ende Januar die besten Züchter und Hobbyisten, in der Hoffnung, dass ihre Tiere mit einem oder mehreren der begehrten Preise prämiert werden. Und Mitsunori kann sich freuen: Er hat bei dieser Weltmeisterschaft eine der höchsten Auszeichnungen für einen seiner Showa-Koi erzielt, den Kokugyo-Preis: Bester Gosanke einer Größenklasse.
Bald schon wird er wieder mit der Verpaarung und Zucht neuer Koi beginnen. Ob sein Preisträger das neue Muttertier sein wird?
Seit mehreren Jahren bereist Donata Laux gemeinsam mit ihrem Ehemann Harry Japan, um dort direkt bei den Koi-Züchtern Kois zu selektieren. Bei „Harry’s Koi“ in Bad Dürkheim kaufen Koi-Liebhaber ausgesuchte Koi und anspruchsvolle Teichtechnik. Außerdem sind die beiden auf die Planung von Koi-Teichanlagen spezialisiert. Für Ihre Kois hat das Ehepaar von der Weinstraße sogar in Japan selbst Preise gewonnen. Weitere Infos: info@HarrysKoi.de, www.HarrysKoi.de
Schwimmende Brokate
Ganz korrekt lautet die Bezeichnung eines Koi „Nishikigoi“ , was soviel wie „Brokat“ heißt. Der Vergleich mit dem wertvollen, von goldenen und silbernen Fäden durchzogenen Seidengewebe, sagt viel über die Stellung, die der Fisch in Japan genießt. Unter den Koi unterscheidet man bis zu 200 verschiedene Varietäten, was sie auch für Sammler so interessant macht. Koi heißt auf japanisch aber auch „Liebe“, und das beschreibt den anderen Aspekt, weshalb sich diese Tiere weltweit großer Zuneigung erfreuen: Koi werden zutraulich, schwimmen ihrem Besitzer entgegen, wenn er an den Teichrand tritt und lassen sich mit der Hand füttern. Da sie bei guter Pflege durchaus das Alter eines Menschen erreichen können, sind sie oft ein lebenslanger Begleiter. Dabei erreichen manche Exemplare eine Jumbogröße von bis zu einem Meter oder darüber hinaus. Obwohl die ersten Koi in Japan aus einer Farbmutation bei der Speisekarpfenzucht entstanden sind, bemühen sich inzwischen weltweit viele Züchter, Koi zu produzieren, doch an die Qualität der Original Japan-Koi kommen sie nur selten mit wenigen Einzelstücken heran.
Der Artikel ist erschienen in inAsien, Ausgabe 2/09


