Museum Guimet – Asien im Herzen von Paris
Es war der 13. März 1905: Émile Guimet, Industrieller und Gründer des Museums, hatte ausgewählte Gäste der Pariser High Society zu einer exklusiven Abendveranstaltung geladen. Angekündigt war der Auftritt einer indischen Tempeltänzerin. Das vergnügungssüchtige Publikum der Belle Epoque wurde hellhörig. Die feine Gesellschaft lechzte nach Unterhaltung und Ausschweifungen aller Art. Es war eine aufregende Zeit. Kunst und Kultur erlebten eine wahre Blütezeit, entwickelten neue Stilrichtungen und brachten viele bedeutende Künstler hervor. So auch jene mysteriöse Unbekannte, die Guimet seinen Gästen an diesem Abend präsentierte:
Sie trägt das Kostüm einer indischen Tänzerin – ein juwelenbesetzter Büstenhalter und um die Hüften geschwungene Schleier. Das von einem Diadem bekrönte schwarze Haar und ihr dunkler Teint betonen noch ihre exotische und verführerische Erscheinung. Dann tanzt sie. Biegsam wie ein Schlangenkörper windet sie sich zur Musik, als stünde sie unter dem Einfluss eines Schlangenbeschwörers. Ihre exotischen Tanzdarbietungen faszinieren das Publikum. Plötzlich fallen die Schleier, einer nach dem anderen. Am Ende ist sie nackt und sinkt zu Boden. Paris war begeistert und hatte eine neue Sensation: „Mata Hari“.
Salomé und die Schwester der Nymphen
Die Zeitungen überschlugen sich: „Sie ist wahrhaftig Apsara, Schwester der Nymphen (...), erschaffen, um Männer und Weise ins Verderben zu locken.“ Sie tanzte „wie Salomé vor Herodes“. Die junge Holländerin, die als Margaretha Geertruida Zelle geboren wurde, sorgte fortan als Mata Hari für Furore. Ihre Tänze machten sie berühmt. Zur Legende wurde sie nachdem sie durch die Franzosen 1917 hingerichtet wurde, wegen angeblicher Spionage für die Deutschen. Und am Anfang all dessen stand ihr Debüt als Mata Hari im Musée Guimet. Schauplatz des Geschehens war die alte Bibliothek, damals wie heute in der ersten Etage der Rotunde.
Über 100 Jahre nach ihrem ersten Auftritt kann man beim Betreten des Raumes noch immer den Charme der Vergangenheit spüren. Alte, ledergebundene Bücher mit neugierig machenden Titeln lagern in antiken Holzregalen, die hinter neoklassizistischen Säulen aneinandergereiht sind. Der Blick zur Decke schweift lang, bevor er Halt findet. Über zwei Etagen erstreckt sich der Raum. Die obere Etage ziert ein Rundbalkon, von dem acht barbusige Karyatiden zum Kuppeldach streben, um es mit ihren Köpfen zu stützen. Die Architektur entspricht dem vorherrschenden Geschmack der damaligen Zeit, als das Museum 1889 von Émile Guimet (1836–1918) gegründet wurde. Sein Porträt hängt rechts vom Eingang. Es zeigt einen elegant gekleideten, alten Herrn im schwarzen Gehrock, der zwischen Glasvitrinen stehend eine asiatische Statue betrachtet, die er liebevoll in Händen hält. Ein Bild, das ausdrückt wer er war: Ein wohlhabender Forscher, Kunstsammler und Museumsgründer, mit großem Interesse für fremdländische Kulturen, besonders für asiatische.
Der Asientrend wird spürbar
Der 1836 in Lyon geborene Émile Guimet entstammte einer wohlhabenden Industriellenfamilie und begeisterte sich für Philosophie und antike Religionen. Mit 29 Jahren reiste er nach Ägypten. Dies galt als chic, denn das Land am Nil war en vogue. Auslöser war Napoleons Ägyptenfeldzug in den Jahren 1798 bis 1801. Dieser gilt als Geburtsstunde der Ägyptologie und löste in der Folge eine Welle der Begeisterung aus. Die Ägyptomanie griff um sich. Auch Guimet wurde vom Ägyptenfieber gepackt. Das Pharaonenreich weckte seinen Forschergeist und ließ ihn fortan zum begeisterten Kunstsammler werden – eine Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Sein Interesse galt aber auch Asien. Er machte daher 1876 eine Weltreise, die ihn zum Zwecke religionshistorischer Studien nach Indien, China und Japan führte. Natürlich kehrte er nicht mit leeren Händen zurück. Im Gepäck hatte er eine große Sammlung von Objekten, die er 1878 auf der Weltausstellung in Paris präsentierte und ein Jahr später in einem von ihm neu gegründeten Museum in Lyon. Doch schon bald plante er ein neues Museum – diesmal für Paris. Zehn Jahre später war es soweit. Die Sammlung des alten Museums wurde ins neue überführt. 1889 wurde es in Paris eröffnet und präsentierte Objekte aus Asien, Ägypten und der klassischen Antike – nur etwa 15 Minuten Fußweg vom Eiffelturm entfernt. Es wurde als ein Ort des Lernens und der Forschung konzipiert und war anfänglich den Religionen gewidmet.
Obwohl Ägypten und die klassische Antike stets im Fokus öffentlichen Interesses blieben, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein neuer Asientrend spürbar. So wurde 1882 in Paris das Indochinamuseum im Trocadéro eröffnet und zeigte Khmer-Kunst aus Angkor. Auch der Louvre präsentierte eine Asienabteilung mit bedeutenden Exponaten aus China und Japan. Die fernöstliche Kunst und Kultur war es denn auch, die besondere Aufmerksamkeit erfuhr – wieder einmal. Denn chinesisches Porzellan oder Mobiliar waren schon länger bekannt und fanden bereits im 17. und 18. Jahrhundert den Weg nach Europa. Es war die Zeit der Chinamode, der Chinoiserie, die zahlreiche Spuren hinterließ. In Potsdam etwa, im Park von Sanssouci, brachte sie das schöne „Chinesische Teehaus“ von Friedrich dem Großen hervor. Der Trend flaute aber wieder ab und machte Platz für Neues. Als Japan sich dann Mitte des 19. Jahrhunderts öffnete, war es japanische Kunst, die begeisterte. Die neue Japanmode, der Japonismus, inspirierte Art Nouveau, Pariser Mode und viele Künstler wie van Gogh oder Toulouse-Lautrec, den man auch schon mal im Kimono antraf. Natürlich ging der Trend auch am Guimet Museum nicht vorbei. Und so hat sich der Schwerpunkt schon zu Lebzeiten Guimets auf Asien verlagert. Auch nach seinem Tod 1918 setzte sich diese Entwicklung fort.
Ein teures Lifting
1927 wurde das Museum verstaatlicht und der Sammlungscharakter geändert – von der Religionsgeschichte hin zur Kunst. Auch der Bestand wurde stets erweitert und durch Schenkungen ergänzt. Später wurde dem Museum Guimet auch die Sammlung des Indochinamuseums des Trocadéro einverleibt. Als die französischen Museen 1945 reorganisiert wurden, ging schließlich noch die asiatische Sammlung des Louvre ins Museum Guimet über und erhielt im Gegenzug dessen nichtasiatische Objekte. Durch weitere Sammlungserweiterung und Schenkungen wurde es schließlich zu dem, was es heute ist: eines der bedeutendsten asiatischen Museen der Welt.
Von 1997 bis 2001 wurde das Museum einem umfassenden und teuren Lifting unterzogen. Äußerlich zwar unverändert, wurde es jedoch von innen für rund 50 Millionen Euro komplett umgebaut und leicht erweitert. Seither präsentiert es sich modern und elegant, wobei viel Wert auf natürliches Licht gelegt wurde. Die programmatisch offene Raumgestaltung ermöglicht den Blick in Nebenräume, von einer Kultur zur anderen und schafft so Bezüge zwischen ihnen. Zwei Treppen, die zu beiden Seiten des glasüberdachten Innenhofs in die oberen Etagen führen, stellen die vertikale Verbindung her.
Naga lässt grüßen
Auf etwa 5.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche wird eine Auswahl exquisiter Kunstwerke aus den verschiedensten Regionen Asiens präsentiert: Kambodscha, Indien, Vietnam, Thailand, Laos, Myanmar, Indonesien, Zentralasien, Afghanistan, Pakistan, Nepal, Tibet, China, Japan und Korea.
Im Foyer grüßt eine gewaltige Khmer-Skulptur aus Angkor (Kambodscha). Sie stammt aus dem 12./13. Jahrhundert und zeigt ein riesiges, siebenköpfiges Schlangenwesen (Naga), das von zwei Göttern festgehalten wird. Das skulpturale Werk aus Sandstein repräsentiert den vorderen Teil einer Naga-Balustrade, von der Straße der Riesen des Preah-Khan-Tempels. Der französische Forscher und Zeichner Louis Delaporte hat sich auf einer Expedition in sie verguckt, zerlegt und nach Paris verfrachtet. Dort wurde sie 1878 erstmalig auf der Weltausstellung präsentiert. Danach verschwand sie im Keller und erschien erst wieder 2001 nach dem vollständigen Umbau des Museums. Nun kann man die Skulptur wieder in voller Pracht und imposanter Größe bewundern. Ein Höhepunkt, der jeden Angkor-Fan begeistert, aber auch nachdenklich stimmt. Denn dort, wo sie Delaporte entfernt hat, fehlt nun etwas. Sie war ein elementarer und architektonisch wichtiger Bestandteil der Balustrade.
Kolonialzeit und Sammelleidenschaft vereint
Die monumentale Skulptur erinnert an die Kolonialzeit Frankreichs in Indochina und spiegelt die Sammelleidenschaft der damaligen Kolonialherren und Forschungsreisenden wieder. Ebenso die anderen spektakulären Beispiele der Khmer-Kunst, die im Lichthof dahinter ausgestellt sind. Darunter befindet sich die größte und bedeutendste Sammlung außerhalb Kambodschas mit einzigartigen Objekten wie etwa der Sandsteinbüste von König Jayavarman VII (12./13. Jh.), mit dem berühmten meditativen Lächeln von Angkor oder das große und exquisite Giebelrelief aus pinkfarbenem Sandstein vom Banteay Srei Tempel (10. Jh).
In den seitlichen Räumen findet man neben ausgewählten Werken aus Thailand, Myanmar, Laos und Java auch die selten präsentierte Kunst der Tchampa aus Vietnam. Beeindruckend ist auch die indische Sammlung, die durch herausragende Statuen und Bronzen vertreten ist; darunter eine große Bronze des Shiva Nataraja, des tanzenden Shiva (11. Jh.) oder die in Europa seltene Lingam-Skulptur Shiva Lingodbhavamurti (12./13. Jh.) aus Basalt, die den Mythos vom Ursprung des Lingams darstellt.
Von Indien, über Tibet bis nach Japan und Korea
Indien ist auch in der ersten Etage vertreten – mit Kunsthandwerk und Textilwaren. Es folgen Tibet und Nepal, mit der Kunst des Himalajas und einer herausragenden Sammlung von Skulpturen, Malereien und lithurgischen Objekten. Auch Pakistan und Afghanistan haben viel zu bieten und begeistern mit der „griechisch-buddhistischen“ Ghandara-Kunst oder den Gipswerken aus Hadda. Anschließend gewährt Zentralasien mit seinen Objekten einen interessanten Einblick in die Region der östlichen Seidenstraße.
Von dort geht es geradewegs nach China, das sich mit einer Fülle an herausragenden Werken von der ersten bis zur dritten Etage erstreckt. Neben einer überwältigenden Keramik- und Porzellansammlung präsentiert das Land des Lächelns auch Bronzen, Statuen, Möbel, Malereien und anderes mehr. Auf der zweiten Etage gesellen sich schließlich noch bemerkenswerte Exponate aus Japan und Korea hinzu und ermöglichen damit anschauliche Querverbindungen untereinander. Insgesamt eine atemberaubende Kollektion asiatischer Kunst.
Museum Guimet
Anschrift
Musée national des Arts asiatiques Guimet
6, place d’Iéna
75116 Paris
Verkehrsanbindung
Metrostationen: Iéna, Boissiére oder Trocadéro
Bus : 63, 82, 32, 22, 30
Öffnungszeiten
täglich – außer Dienstag 10:00 – 18:00
Eintritt
Dauerausstellung 6,50 € / ermäßigt 4,50 €
Sonderaustellung 7,00 € / ermäßigt 5,00 €
Sonstiges
Restaurant, Museumsshop, Bibliothek
Internet
www.guimet.fr


