Heimat der Akiba-kei
Das Tor zu einer anderen Welt
Akihabara war im Ausland lange für die Vielfalt seiner Elektronikgeschäfte bekannt. Doch mit dem Aufkommen von Spielkonsolen und Software-Läden Ende der 1980er Jahre entwickelte sich die Gegend langsam zum Paradies für Gamer und Anime-Fans. Unmerklich hatte sich die gute alte Electric Town in ein Viertel für ein ganz bestimmtes, etwas verschrobenes Klientel von Computerfans verwandelt. Die Akiba-kei, der sogenannte Akiba-Stamm (Akiba als gängige Abkürzung für Akihabara) der eigenbrötlerischen Otakus, Anhänger der in Manga und Anime auftauchenden Jungmädchen-Rollen, fanden hier in den ganz auf ihre Interessen zugeschnittenen Geschäften eine zweite Heimat.
Die Otakus fühlen sich mehr in der Welt der Computerspiele und Manga zuhause als im richtigen Leben. Obwohl sie sehr zurückgezogen leben, sehnen sie sich nach sozialen Bindungen und leiden unter ihrer Einsamkeit. In normalen Kneipen würde man sie niemals antreffen, mit gewöhnlichen Menschen können sie zumeist nur schlecht umgehen. So bauten die findigen Geschäftemacher Akihabaras ihr Angebot in alle möglichen skurrilen Richtungen aus. Dabei behielten sie natürlich immer ihre größte Kundengruppe, die Otakus, scharf im Auge. Heraus kamen die Manga-Cafés.
Von karnevalesk zu kommerziell
Die Manga-Cafés sind eine Erweiterung des so immens populären Cosplays (Costume play): Mädchen (und wenige Jungen) verwandeln sich allein zum Privatvergnügen in ihre Lieblingsfiguren und gehen kostümiert auf die Straße oder zu großen Cosplay-Events. Die Cafés kommerzialisieren diesen karnevalesken Spaß. Junge Mädchen in Alice-im-Wunderland-Kostümen mit ondulierten Haaren und großen Kulleraugen begrüßen die Gäste schon an der Tür mit einem: „Willkommen daheim, mein Gebieter! (Goshūjin-sama, o-kaerinasaimase!)“, geleiten sie zu Tisch und bleiben treu an ihrer Seite bis sie das Haus wieder verlassen. Kaffee umrühren? Nicht nötig, das macht die junge Dame für Sie. Das bestellte Omelett wird mit Ketchup-Herzchen verziert, dann folgt noch ein köstlicher Zauberspruch und nun darf zugelangt werden. Während des Essens wird munter Konservation gemacht, dabei achtet die Kellnerin im Kostüm sorgfältig darauf, nicht aus ihrer Rolle einer bestimmten Anime-Heroine zu fallen. Sie spricht mit piepsiger Stimme und findet auf alles, was der Gast zum Besten gibt, bewundernde Worte. Wenn er Glück hat, lockt sie ihn noch auf die kleine Bühne und gemeinsam singen sie ein Lied oder spielen (Kindergarten-) Spiele. An der Decke leuchtet derweil die Disko-kugel, unten steht der Gast mit Hasenohren und klatscht etwas verlegen in die Hände. Gegen Aufpreis wird noch mit der Polaroid-Kamera ein Erinnerungsfoto gemacht, mit Glitzerstift verziert und dann geht’s wieder hinaus in die Wirklichkeit. Auf die Meedo (Maid) wartet schon der nächste Gast und das gleiche Spiel beginnt erneut. Auffallend viele Besucher sind stille junge Männer mit altmodischem Haarschnitt, die das Reden den Mädchen überlassen.
Forever 17!
Musubi und Uno, zwei Cosplay-Kellnerinnen im @home cafe, dem größten Maid-Cafe in Akihabara, sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Beide haben ihr Haar hellbraun getönt, beide tragen die gleiche Uniform mit Häubchen und Rüschenschürze. Sie unterscheiden sich nur in der Farbe ihrer vielen glitzernden Anhänger. Musubi liebt alles in kräftigem Pink, bis hin zu den Fingernägeln bleibt sie ihrer Farbe treu. Die Anfängerin Uno, bei ihr herrscht babyblau als Farbe vor, ist ihrer „großen Schwester“ zur Seite gestellt worden. In etwa drei Monaten darf sie alleine Gäste betreuen, bis dahin gibt es einen geringeren Lohn und von der Managerin immer wieder die Ermahnung, zu lächeln und die Hände korrekt vor den Körper zu halten. Das Alter der Mädchen ist schwer zu ergründen, auf die entsprechende Frage antworten beide wie aus der Pistole geschossen: Forever 17! So wollen es zumindest die Männer glauben und das genügt.
Musubi und Uno mussten sich gegen 50 Mitbewerberinnen durchsetzen, um den begehrten Posten einer Maid zu ergattern. Die Bezahlung ist für eine junge Frau ohne Ausbildung sehr gut, sie verdienen knapp 10 Euro pro Stunde. Dazu kommt ein wenig Kleidergeld, Verpflegung und Fahrkostenerstattung. Treuherzig erzählen beide, dass sie auch in ihrer Freizeit kurze Kleider mit Puffärmeln tragen. Seit ihrer Kleinmädchenzeit lieben sie Manga und Anime und wollten schon immer Teil dieser Traumwelt sein. Klein sind sie immer noch, kaum ein Mädchen in den Cafés ist größer als 1,50 Meter. Große Frauen sind nicht kawaaii (niedlich) und damit nicht zu gebrauchen.
Strikte Geheimhaltung
Eine Etage tiefer tauchen wir ein in die Welt Japans zwischen den Weltkriegen. Hier tragen die Mädchen mit nostalgischen Namen wie Hana oder Mie extrem kurze Kimonos, hohe Absätze, bis über die Knie reichende Strümpfe und langes offenes Haar im Stil der ersten mutigen Studentinnen. Die Gäste sitzen an niedrigen Tischen und auf der Speisekarte finden sich nur Gerichte, die an die „gute alte Zeit“ erinnern. Hier trifft man endgültig keine weiblichen Gäste mehr, die Männer bleiben unter sich. Akihabara hat mittlerweile so zahlreiche Maid Cafés, dass sich das Management ständig etwas Neues einfallen lassen muss, um die Konkurrenz abzuschütteln. So kann der Gast Fußmassagen, Entschlackungskuren und andere Gesundheitseinheiten buchen. Sogar ein romantisches Date mit der bevorzugten Maid ist möglich. Varianten der Maid Cafés bieten kleine zickige „Schwestern“, die mit der Zeit freundlicher werden (sogenannte Tsunderekko), andere haben Politessen im Programm oder spielen (für Männerfantasien) interessante Büroszenarien durch. Kurz, was erträumt wird, ist auch machbar! So ganz ungefährlich ist das Spiel mit der Fantasie einsamer Männer jedoch auch nicht
.Obwohl Musubi und Uno angeblich noch nie Erfahrungen mit Stalkern oder anderen unangenehmen Zeitgenossen gemacht haben, hält das Management strikt an der Geheimhaltung jeglicher persönlicher Daten fest. Gäste dürfen nicht nach Telefonnummer oder Mailadresse fragen. Ebenso wird darauf geachtet, dass sich nach Dienstschluss niemand am Ausgang herumtreibt. Wann welche Maid Dienst hat, wird nur am gleichen Tag bekannt gegeben.
Anschluss ans normale Leben finden
Doch die meisten Manga-begeisterten Otakus sind harmlos. Seit ein paar Jahren interessieren sich nicht nur clevere Ladenbesitzer für sie. Diesen Umschwung haben die Eigenbrötler einem Buch zu verdanken. Mit der Erscheinung der Geschichte „Densha Otoko“ (Zug-Mann), wurde Akihabara plötzlich auch für Frauen jenseits der 15 eine Reise wert. Ein typischer, in sich gekehrter Otaku ohne (die so sehr herbeigesehnte) Freundin springt über seinen Schatten und beschützt eine Frau im Zug vor einem betrunkenen Rüpel. Wie es sich in Japan gehört, bedankt sie sich später mit Brief und Geschenk. Wie reagieren? In seiner Unsicherheit wendet er sich ans Internet und erhält die Ratschläge unzähliger Menschen. Am Ende bekommt er die schöne Unbekannte und hat obendrein die Verwandlung vom Sonderling in einen ansehnlichen jungen Mann geschafft.
Der besondere Reiz der Geschichte? Sie begann als Thread im Internet, also mitten aus dem Leben eines Otakus. Es wurde nie geklärt, ob die Story nun Erfindung oder Realität ist. Das Mitfiebern der vielen Forenbesucher und die Überwindung des Otaku, wieder Anschluss ans normale Leben zu finden, lässt schon mal die Tränen kullern. Herzschmerz und Romantik, gemischt mit neuesten Trends der Computerwelt hat Akihabara überraschend zu neuer Popularität verholfen. Hier laufen die schüchternen Otaku im Original zuhauf herum (es sind die jungen Männer in altmodischer Kleidung und ständigem Blickkontakt mit dem Asphalt) und vielleicht begegnet frau hier ihrem ganz persönlichen Train Man, wie er in der englischen Übersetzung des Buches heißt?!
Führungen und Zubehör
Wer bei der Suche ein wenig Hilfe benötigt, kann sich an die professionellen Maid-Guides, junge Damen im niedlichen Kostüm, der Akihabara-Auskunftssstelle (Akihabara Muryō Annaisho) gleich am Bahnhof wenden. Der exakte Weg in die virtuelle Wirklichkeit führt nämlich über den Bahnhof Akihabara der Yamanote-Linie in Tokyo. Die Ringbahn benötigt von den Stationen Ueno oder Tokyo jeweils knapp fünf Minuten. Der westliche Ausgang Electric Town (Denkigai guchi) führt mitten ins Geschehen. Zweimal am Tag gibt es Führungen durch das Viertel, inklusive Rast in einem Maid Café. Doch auch ganz ohne Anleitung entdeckt man hier an jeder Ecke etwas Verrücktes: Zubehör-Händler und Figurengeschäfte, Perückenmacher und Manga-Kaufhäuser ziehen die ungewöhnlichsten Kunden an. Und wenn Sie ganz besonders Glück haben, sind Sie auf einmal Teil eines Film-Sets. Akihabara und seine Maid-Szene boomt, in harten wirtschaftlichen Zeiten entfliehen eben nicht nur die Otakus gerne mal der Realität.
Christine Liew
Der Artikel ist erschienen in inAsien, Ausgabe 4/2009


