Kulturschock China
Es ist wirklich peinlich und ein echter Fall fürs Fremdschämen: Mitten auf der Straße, direkt vor einem Souvenirshop, steht ein europäischer Student und brüllt mit hochrotem Kopf den Besitzer des Ladens an: „Du kannst Dir deine Uhren mal…!“ Und das ist nur der druckfähige Ausschnitt einer ganzen Flut von Beschimpfungen. Der Auslöser? Ein freundliches, wenn auch im Stakkato wiederholtes „cheap watch, cheap watch“, dazu ein gesichtsnaher Schlenker mit besagter Uhr aus dem Hause „Lolex“. Was der „Händler“ nicht weiß: Schon 49 andere Verkäufer haben ihr Glück heute auf gleiche Weise probiert. Offensichtlich einer zu viel. Fasziniert beobachten die chinesischen Passanten das Spektakel, „Mein Gott“, denkt sich der Reisende, „wie kann man nur!“Mit der beruhigenden Sicherheit, sich ganz bestimmt nie in derartige Verhaltensniederungen zu begeben, steigt er in die Erfahrung China ein. Und darf sich überraschen lassen. Denn der Kulturschock schlägt in China eigentlich immer zu. Nur wann und wie ist die Frage.
Reisende, die schnell und vorgebucht eine zweiwöchige Pauschalreise absolvieren, bleiben noch am ehesten verschont. Und sei es nur, weil ihnen die sprachlichen Möglichkeiten und die Gelegenheit fehlen, sich zum Idioten zu machen. Alle anderen trifft er garantiert. Kein Wunder, denn zwischen Klischee und Realität liegen Welten. Das Bild von der ewigen Kirschblüte, vom weisen alten Chinesen, der in kryptischen Worten philosophische Wahrheiten von sich gibt und die harsche Wirklichkeit grauer Wohnblöcke, aufdringlicher Marktverkäufer und drängelnder Massen lassen sich kaum miteinander vereinbaren. Um es gleich zu sagen: Die Kirschblüten gehören nach Japan. Und das ist die Wahrheit, mit der der Reisende noch am einfachsten klar kommt.
Was ist ein Kulturschock?
Im Grunde genommen ist der Kulturschock ein recht neues Phänomen. Denn erst seit wenigen Jahrzehnten gibt es überhaupt genügend Menschen auf der Welt, die es sich leisten können, so weit in die Ferne zu reisen, dass sie für einen Kulturschock überhaupt in Frage kommen. Allgemein umfasst der Begriff die Reaktionen auf die ungewohnten Erfahrungen in einer fremden Kultur. Wer sich in die Fremde begibt, erlebt, wie alle Konventionen mit einem Schlag in Frage gestellt werden. Gestik, Mimik, Höflichkeit, gutes Benehmen und die Vorstellung von korrektem Verhalten, kurzum, all das, was wir als „richtige“ Umgangsformen kennen, wird mit einem Male umgekehrt. Die Fremde zu suchen, mag glücklich machen, sie zu finden, oft jedoch nicht. Dazu kommen die sprachlichen Schwierigkeiten, die ein China-Aufenthalt mit sich bringt, schließlich wird der Reisende über Nacht zum Analphabeten, der nicht einmal die Toilettenschilder ohne Hilfe entziffern kann. Nicht zuletzt ist der Kulturschock auch eine Frage der Perspektive. Missgeschicke sind eben nur lustig, wenn man sie erzählt. Hinterher, zuhause. Und natürlich mit der Aussicht, dass sie einem nie wieder passieren. Langzeitreisende jedoch ahnen mit jedem schrägen Erlebnis: Das war nur der Anfang. Und das ist keine entspannende Perspektive.
Das tückische am Kulturschock ist: Niemand glaubt, dass er ihm je anheim fallen könnte. Kulturschock ist immer etwas für die Anderen, die Uninformierten, Reiseunerfahrenen, kurzum all jene, auf die der fortgeschrittene Traveller gerne herabblickt. Es ist doch schließlich alles wunderbar und aufregend andersin China! Zuerst. Langsam und heimlich schleichen sich die lästerhaften Gedanken ins Gehirn. Sie sind ja nett, diese Chinesen, aber… Sind die Einheimischen erst einmal alle bescheuert, die Kultur langweilig, das Essen schrecklich und die Sprache hässlich, dann ist es soweit…
Die Kulturschock-Auslöser
Was den letztlich den Kulturschock auslöst, ist eine individuelle Frage, denn jeder Reisende nimmt China ein bisschen anders war. Sicher ist, er hat die Auswahl aus einer ganzen Handvoll „Auslöser“, die ihn in den Wahnsinn treiben können:
• Nimm mich aus! Jetzt!
Ausländer haben mehr Geld als Chinesen. Glauben zumindest alle, die im Reich der Mitte etwas zu verkaufen haben. Das mag zwar längst nicht mehr so pauschal zutreffen wie noch vor zwanzig Jahren. Sicher ist aber immer noch: Der Jahreslohn eines Markthändlers reicht sicher nicht an den Monatslohn eines deutschen Arbeiters heran. Für viele chinesische Händler ist die Begegnung mit einem Ausländer daher so etwas wie das große Los: Eine Gelegenheit, die man nicht ungenutzt verstreichen lassen darf. Und weil sich diese Möglichkeit nicht so oft ergibt, gilt es, dem reichen Besucher möglichst viel auf einmal abnehmen. Auf die charmante Art, versteht sich, mit viel Gejammer und Händeringen. Der Tourist jammert zurück – schließlich ist der Westen auch nicht mehr das, was er einmal war – und beide haben ihren Spaß an der Show. Für Gruppentouristen fast schon ein willkommener Touch Lokalkolorit, für Langzeitreisende jedoch ein Quell ständiger Frustration.
• Der kollektive Hörschaden
„Jeden Lautstärkeregler immer ganz nach rechts drehen“, scheint eine unausgesprochene China-Regel. Landesweit hält man sich daran, und weil jedes Restaurant, jede Bar und natürlich auch jedes Geschäft auf keinen Fall auf Musik verzichten möchte, begleitet eine Kakophonie von tausend Melodien den Alltag der Menschen. Da muss man dann schon ein wenig lauter reden, um sich noch unterhalten zu können. Diese Fähigkeit ist auch nützlich, wenn man sich quer über die Straße oder durchs Restaurant verständigen möchte. Und natürlich beim Singen. Während man im Westen lieber sterben als allein laut singen würde, packen viele Chinesen bei Überlandfahrten nicht nur Proviant, sondern auch das Liederbuch ein. Oder sie trällern gleich auswendig mit. Allerdings jeder für sich, zur Melodie des eigenen Kopfhörers. Währenddessen spielt der Busfahrer virtuos auf der Hupe, um entgegenkommende, klingelnde Radfahrer akustisch aus dem Weg zu räumen. Rückzugsmöglichkeiten gibt es da kaum: Vom eigenen Hotelzimmer abgesehen, sind Klöster und Tempel eine gute Adresse zum akustischen Ausspannen. Wenn der Tempelwächter nicht gerade ein ohrenbetäubendes Action-Video eingelegt hat.
• Einer von Millionen
Die Wörter „allein“ oder „Einsamkeit“ gehören nicht zu den Vokabeln, die man unbedingt lernen muss. Vor allem, weil man in China nie dazu kommt, sie zu benutzen. Im städtischen Küstengürtel ist die Bevölkerungsdichte unglaublich hoch. Ein ganz normaler Einkaufsnachmittag in Shanghai stellt den letzten Samstag vor Weihnachten einer deutschen Großstadt mühelos in den Schatten. Ein eigenes Zimmer, für sich ganz allein, das ist für die meisten Chinesen ein unglaublicher Luxus. Kein Wunder, dass in China sogar der Toilettengang eine kollektive Erfahrung sein kann (niedrige Absperrungen zwischen den einzelnen Kabinen sorgen oft dafür, dass man auch hier entspannt mit dem Nachbarn plaudern kann). Das westliche Bedürfnis, hin und wieder einfach mal ganz für sich zu sein, ist für viele Chinesen absolut befremdlich. Wer wirklich einige ruhige Stunden ohne Menschenkontakt braucht, sollte sich ins Hotel zurückziehen. Überall sonst könnte es passieren, dass mitfühlende Chinesen dem einsamen Ausländer in der Fremde fast schon aus Mitleid Gesellschaft leisten. Und sich wundern, dass er so schroff darauf reagiert.
• Woher, wohin?
„Where do you come from?“ Immer und überall schallt dem Ausländer diese Frage entgegen: In der U- Bahn, auf dem Markt, auf der Toilette (und ja, das ist genauso unangenehm wie es klingt). Sogar wildfremde Passanten halten den Ausländer auf der Straße an, um ihm diese brennende Frage zu stellen. Mit ein wenig Glück entwickelt sich daraus ein Gespräch. Mindestens genauso oft ist damit jedoch der Punkt erreicht, an dem das Englisch-Vokabular versiegt. Und da es mit den Chinesisch-Kenntnissen der meisten Besucher auch nicht gerade weit her ist, verharren beide Seiten gefühlte zwei Stunden stumm in der Position und lächeln sich an. Und nun? Es dauert nicht lang, und der Reisende lernt diese Frage aufrichtig hassen. In fortgeschrittenem Zustand des Kulturschocks ergibt sich hier eine prima Gelegenheit Dampf abzulassen, zum Beispiel mit der verwirrenden Antwort „Ich bin Übersee-Chinese“ oder „Ich komme vom Mars“. Nützen tut es allerdings wenig: „Nee echt? Und Deine Freundin, woherkommt die?“
• Unterwegs als Analphabet
Schnell mal den Bus nehmen – gar nicht so einfach in einem Land, dessen Schrift sich auch nach jahrelangem Studium nur dem Fleißigen erschließt. Mit dem Reiseführer in der Hand die passende Frage einfach ablesen geht auch nicht. Denn wer die Tonhöhen falsch trifft, kann sich sicher sein, gerade etwas kapital Peinliches zu verlangen. Unabsichtlich natürlich. Selbst die einfache Frage „Ist dies ein Museum? Oder ein Geschäft? Oder ein Privathaus?“ stellt den europäischen Besucher manchmal vor Probleme, schließlich kann er die Schilder nicht lesen. Ausländer sind in China grundsätzlich als Analphabeten unterwegs. In den großen Städten kommt die Regierung den Besuchern mit zweisprachigen Schildern entgegen, jenseits der Metropolen braucht der Reisende viel Geduld – echte Mangelware, wenn der Kulturschock zuschlägt.
• „Geht nicht“ gibt‘s doch!
Mittlerweile scheint in China fast alles möglich. Dennoch trifft der Ausländer immer wieder auf eine Gummi-Mauer aus Lächeln: Den Sitzplan ändern? Oder den Tourverlauf? Vielleicht ein Treffen absagen oder einfach nur das Zimmer tauschen? Mit großer Wahrscheinlichkeit haucht die Angestellte an der Rezeption ein bedauerndes Bu hao yisi. Und lächelt. Lange. So lange bis der Ausländer wütend auf die Rezeption trommelt. Sinngemäß bedeutet buhao yisi so etwas wie „peinlich“ oder „tut mir leid“ und umfasst so ziemlich alles, was zu Gesichtsverlust führen könnte. Den wahren Grund erfährt der Reisende nie. Wenn es denn einen gibt.
• Horror im Straßenverkehr
Je weiter der Reisende nach Süden oder ins Landesinnere fährt, desto klarer die Erkenntnis: Chinesische Autofahrer müssen vom Todeswunsch beseelt sein. Überholen in der Kurve, Ausweichmanöver auf die Gegenfahrbahn und ausdauernde Handy-Gespräche gehören zum Repertoire jedes Taxifahrers. Verkehrsregeln gelten eher als Vorschlag, und auch der Sicherheitsgurt hat sich bisher nicht durchsetzen können. Die panische Ermahnung, man möge doch bitte langsamer fahren, spornt manch einen Fahrer erst so richtig an, zu zeigen, was die Maschine hergibt. Rund 90.000 Verkehrstote pro Jahr gibt es in China, das sind gut 18mal mehr als in Deutschland – bei vergleichbarer Anzahl zugelassener Fahrzeuge. Wer angesichts der langen Liste den Kulturschock für ein typisches China-Syndrom hält, übersieht jedoch eines: Chinesen in Deutschland geht es kein bisschen anders. Nur die Auslöser des Schocks sind andere: leere Straßen, abendliche Langeweile, der Mangel an Kontakten, unhöflich-direkte Kritik und schließlich die immer wieder auftauchende Frage „Du bist doch aus Japan, oder aus Korea?“. Nach einem langen Gespräch über Shanghai versteht sich.
Was hilft dagegen?
Es stimmt schon: Immun gegen den Kulturschock-Virus ist man erst, wenn man ihn durchlebt hat. Mit ein wenig Geschick lässt sich die akute Phase jedoch verkürzen:
- Deutschland in Deutschland lassen:
Dank Internet kann man jeden Tag auch aus der Inneren Mongolei lange Emails schicken oder sogar per Skype und oder Chat live in Kontakt treten. Das ist gut für die Freundschaften zuhause. Und ganz schlecht in der Bekämpfung des Kulturschocks. Wer sich jeden Tag mental nach Europa zurückversetzt, dem fällt immer wieder aufs Neue auf, wie anders die Welt ist, in der er sich nun bewegt.
- Sprache lernen
Wer sprechen kann, gerät seltener in schwierige Situationen. Meistens. Zugegeben: Es hilft nicht wirklich, wenn man endlich versteht, dass die freundliche Marktfrau, bei der man jeden Tag einen Apfel kauft, jedes Mal nicht nur einen guten Heimweg wünscht, sondern auch einen Witz über die große Nase krachen lässt. So einfach lässt sich der Kulturschock nicht überwinden. Kommt jedoch der Tag, an dem man ihr eine wirklich gute, weil witzige und nicht beleidigende Antwort zurückschießen kann (meist unter großem Gelächter der Passanten, die allesamt hitzige Wortgefechte lieben), dann geht es bergauf. Nicht zuletzt, weil sich mit Sprachkenntnissen auch die Möglichkeit für Freundschaften eröffnet.
- Rückzug schaffen
Das zumindest kurzfristige Allheilmittel lautet: Rückzug! Einige Stunden im Hotel entspannen, durchatmen und die Eindrücke verarbeiten, hilft den ersten Schwall heißer Emotionen zu verdauen. Kenner nehmen sich daher schon ein kleines Notfallpäckchen mit netter Lektüre und einer Lieblingssüßigkeit mit.
Aus in Asien, Ausgabe 1/2010
Autor: Françoise Hauser
