Vom Grunde genommen
Über die ersten Perlenliebhaber wissen wir heute nicht viel. Sie lebten wohl an den Küsten Südindiens in der Jungsteinzeit (bis circa 7.000 Jahre vor Christus). Bei ihrer Suche nach nahrhaften Muscheln müssen diese Menschen erst zufällig, und später wohl gezielt, auf Perlen gestoßen sein und sie zu Schmuck verarbeitet haben. Erst Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus finden sich in den heiligen Texten Indiens Legenden über die Perle. So soll der Gott Krishna seiner Tochter zur Hochzeit eine Perle übereicht haben. Ein Brauch, der übrigens heute noch Gültigkeit hat.
Zum Wohl!
Auch in den Annalen Chinas finden die schimmernden Meerestränen Erwähnung. Ein Schreiber aus dem 23. Jahrhundert vor Christus berichtet ein wenig abfällig über die schlechte Qualität einer Perlenkette, die dem Kaiser als Tribut überreicht die dem Kaiser als Tribut überreicht wurde. Erst viele Jahrhunderte später hielt die Perle Einzug in unseren Kulturkreis. Die alten Ägypter waren zwar schon fasziniert von Perlmutt, doch Perlen kannten sie damals wohl noch nicht. Erst die Perser brachten sie im 5. Jahrhundert vor Christus an den Nil. Die Begeisterung der Römer und auch Griechen kannte keine Grenzen. Man erinnere sich nur an die Wette Kleopatras mit Markus Antonius um das teuerste Mahl der Welt. Sie gewann den Wettstreit indem sie eine kostbare Perle in Essig löste und trank.
Noch heute sind gemahlene Perlen in breiten Teilen der Erde wichtiger Bestandteil von Arzneien, angefangen von Übelkeit bis hin zu Melancholie hilft es angeblich gegenvielerlei Beschwerden. Lange Zeiterhielten die europäischen Adelshäuser und Apotheken über Spanien aus den südamerikanischen Kolonien reichlich Nachschub an Salzwasserperlen. Amerika hatte rechtfrüh die traditionellen Fundorte an den Küsten Indiens und Sri Lankas, dem ehemaligen Ceylon, abgelöst. Doch im Laufe des 19.Jahrhunderts zerstörte die fortschreitende Industrialisierung Nordamerikas weite Vorkommnisse der dortigen Süßwasser-Perlen. Überfischung und Wasserverschmutzung reduzierten auch die Perlenausbeute Zentral- und Südamerikas. Genau zu diesem Zeitpunkt begann im damals noch wirtschaftlich unbedeutenden Japan eine Entwicklung, die das weltweite Perlengeschäft revolutionieren sollte.
Exportschlager Manneskraft
Kokichi Mikimoto, jüngster Sohn eines Nudelverkäufers, wurde 1854 in einem kleinen Ort an der Bucht von Toba in der heutigen Präfektur Mie geboren. Schon mit elf Jahren zeigt er kaufmännische Talente. Da der Vater erkrankte, musste Tokichi recht früh Geld verdienen. Er begann mit Gemüseverkauf und handelte später mit Meeresfrüchten. In Yokohama besuchte er als junger Mann das Viertel der Perlhändler. Von daheim kannte er die mühselige Arbeit des Perlentauchens. Der Anblick der Ama, der japanischen Taucherinnen, war selbstverständlicher Bestandteil seiner Kindheit auf der Halbinsel Ise südlich von Nagoya. Doch erst in den Gassen der Hafenstadt wurde Mikimoto bewusst, welche Profite sich tatsächlich im Perlengeschäft machen ließen. Ende des 19. Jahrhunderts stieg mit der Öffnung des Landes und der Ankunft der ersten Handelsschiffe auch das Interesse des Auslands an japanischen Perlenvorkommnissen. Japans Perlen gingen vor allem nach China, die Nachfrage nach dem angeblich Potenz fördernden Mittel war enorm. Die natürlichen Vorkommnisse konnten die internationale Nachfrage bei weitem nicht decken.
Hier sah Mikimoto seine Chance. Mit der Unterstützung seiner Frau begann er 1890 die künstliche Aufzucht von Perlen produzierenden Weichtieren wie der Salzwassermuschel Akoya. Damals förderte die japanische Regierung neuartige Methoden der Aquakulturen, die sich übrigens stark an chinesische Zuchtmethoden anlehnte. Doch allein mit der kontrollierten Zucht der Akoya-Muscheln entstand nicht eine einzige Perle. Im zweiten Anlauf versuchte es Mikimoto mit dem Einpflanzen diverser Fremdkörper wie Korallen, Holz oder Fisch schuppen um die die Muschel dann die Perle bilden sollte.
In guten wie in schlechten Zeiten
Heute wissen wir, dass dies der richtige Ansatz war, damals aber fiel die zweite Versuchsreihe einer Truppe gefräßiger Delfine zum Opfer. Als nächstes zerstörte die so genannte Rote Flut, eine Bakterienseuche, sämtliche Muscheln. Mikimoto verschwand für einige Monate nach Hokkaido um seinen Gläubigern zu entkommen. Im Frühjahr 1893 drehte sich das Blatt endlich: seine Frau fand in einer der ausgesetzten Muscheln die erste Perle! Die eingepflanzten Perlmuttkügelchen hatten alle Akoya-Muscheln zur Perlenproduktion stimuliert. Zwar waren die Perlen nur halbrund aber diese kleine Schwäche bekam der geduldige Mikimoto Jahre später auch noch in den Griff.Damals wusste Mikimoto noch nicht, dass sich zwei weitere Japaner, Mise und Nishikawa, ebenfalls an der Zucht von Perlen versuchten und sogar ein Patent auf ihr Verfahren angemeldet hatten. Das Problem wurde intern gelöst: Mikimotos Tochter heiratete Nishikawa und so blieb letztendlich alles in der Familie.
Nachdem Mikimotos Frau schon 1896 plötzlich verstarb, warf der Witwer sich mit ganzer Kraft in die Ausweitung seines Perlengeschäfts. Er eröffnete Juweliergeschäfte mit modisch gekleideten Verkäufern und legte sehr viel Wert auf die elegante Präsentation seiner Waren, denn obwohl sich eine Zuchtperle abgesehen von ein wenig Zeugungshilfe in nichts von einer Naturperle unterscheidet, hingen Mikimotos Perlen lange Zeit das abwertende Image billiger Plagiate an. Doch unermüdlich präsentierte Mikimoto seine Perlen in aufwendigen Schmuckkreationen auf internationalen Ausstellungen. Der Damm war gebrochen als das japanische Kaiserhaus begann, Mikimoto-Perlen als Geschenk an europäische Adelshäuser zu überreichen.
Made in China
Bis in die 1990er Jahre verkauften sich die japanischen Perlen fantastisch. Doch dann schlug die Rote Flut erneut zu und vernichtete beinahe 80 Prozent der Akoya-Muscheln. Zudem fielen die berühmten Süßwasserperlen aus dem Biwa-Seder schlechten Wasserqualität zum Opfer. Trotz wiederholter Maßnahmen, wie der Reduzierung der Muscheldichte in den Zuchtstationen und der sorgfältigen Überwachung vor Krankheit und Wetterschäden sind die Zahlen der japanischen Perlindustrie extrem zurückgegangen, es werden nur noch ein Fünftel der einstigen Mengen erreicht. Heute stammen viele der in Japan verarbeiteten Perlen aus dem Nachbarland China. Dort begann man Ende der 1960er Jahre mit ersten Züchtungen und überschwemmte bald darauf den Weltmarkt mit geradezu lächerlich günstigen Perlen, allerdings auch mit einer sehr minderwertigen Qualität. Wegen ihrer winzigen Größe und deformierten Erscheinungsbilds nannten Profis diese Perlen nur spöttisch "Reis Crispies". Für die eleganten Biwa- oder die großen Akoya-Perlen waren sie keine ernsthafte Konkurrenz.
Doch wie einst Mikimoto dachte China nicht ans Aufgeben, investierte in den letzten 15 Jahren in ausländisches Know-how und nutzte die mittlerweile aus der Modegekommenen verknitterten Perlchen als Nukleus für größere und vor allem perfekt gerundete Perlen, die an die Qualität der berühmten Akoya-Perlen reichte. Heute geht auch bei den chinesischen Perlen der Trend eindeutig weg von der Massenware hin zu exquisiten Exemplaren, die in ihrer Farbpalette mittlerweile an die begehrten Taihiti- Perlen heran reichen. Und das bei einem Preis, der gerade mal der Hälfte einer original japanischen Akoya-Perle entspricht!
Shintoismus und Disneyland
Chinas Erfolge wird Japan wohl nicht mehr aufholen können und muss sich wohl in Zukunft mit einem kleineren Anteil am weltweiten Perlengeschäft zufrieden geben. Jedoch ist Japan bei der Qualität führend und auch das Image seiner Perlen ist weiterhin hervorragend. Vor allem letzteres spielt im Schmuckgeschäft eine große Rolle. Wo Kokichi Mikimoto seine ersten Erfolge verzeichnete, findet sich heute die so genannte Mikimoto Pearl Island, eine Mischung aus Perlen-Disneyland, Museum und Verkaufstand. Dank der relativen Nähe zum Ise-Schrein, Japans höchstem shintoistischen Heiligtum, mangelt es hier nie an Besuchern. Zum Unterhaltungsprogramm der Insel zählt auch eine Tauchvorführung der Ama, der ausschließlich weiblichen Taucherinnen in traditioneller Bekleidung.
Allein die detaillierten Erklärungen des Zuchtvorgangs verlangen wirklich Respekt. Respekt vor Mikimotos Durchhaltevermögen, Respekt vor dem harten Leben der Muscheltaucherinnen und vor allem Respekt vor den Muscheln. Den hatte auch der Gründer des Perlenimperiums. Mikimoto selbst vergaß nie, dass sein Reichtum auf dem Leben Millionen kleiner Meerbewohner ruhte. Er baute ihnen mitten auf der Insel einen Schrein für den Seelenfrieden. Besser als Beten wären allerdings aktive Bemühungen um ein sauberes Meer ansonsten gibt es Akoya-Perlen bald nur noch „Made in China“ und das fänden Mikomotos Nachfahren bestimmt nicht lustig.
Reise zu den Perlen
Die Mikimoto-Perleninsel ist ein kurzer Fußweg entfernt von der Bahnstation Toba. Von Nagoya besteht eine Direktverbindung mit der JR- oder Kintetsu-Eisenbahn (95 Minuten Fahrzeit). Die Insel ist von 8:30 bis 17:30 Uhr geöffnet und kostet 1.500 Yen (circa zwölf Euro) Eintritt. Von hier dauert die Weiterfahrt nach Ise zum gleichnamigen Schrein nur 15 Minuten.
Aus inAsien, Ausgabe 2/2010
Autorin: Christine Liew


