Mafiosi haben keinen Zutritt
Wie fand die Tätowierkunst nach Japan?
Die Tätowierkunst ist nicht etwas, das von außen kam, sondern es war praktisch schon immer da. Natürlich gab es Einflüsse von außen, aber eigentlich reicht die Kunst der Körperbemalung schon bis in die Steinzeit zurück. Die Blütezeit erlebte das Tätowieren in Japan im 18. und 19. Jahrhundert. Ein chinesisches Buch mit dem Titel „Geschichten vom Strand“ wurde ins Japanische übersetzt und fand viele begeisterte Leser. Einige der Hauptcharaktere waren Räuber und trugen Tätowierungen. Es gab zwar keine Bilder dieser Tattoos, aber aufgrund der detaillierten Beschreibungen ließen sich viele Fans wie ihre Romanhelden tätowieren.
Wer ließ sich tätowieren?
In Japan konnten bereits zum Ende des 17. Jahrhundert weite Teile der Bevölkerung lesen. Vor allem die Mittelschicht fand Gefallen an der chinesischen Räubergeschichte und war von den Tätowierungen begeistert. So waren es vor allem Handwerker und Lastenschlepper, die sich die Motive stechen ließen. Die Tattoos wurden als eine Art vereinendes Symbol verstanden. Da es keine professionellen Tätowierer gab, machten sie es selbst oder ließen sich von Freunden tätowieren. Es gab jedoch noch eine weitere Gruppe. Eine alte japanische Redensart besagt, es gäbe keinen Feuerwehrmann, der nicht tätowiert sei. Und tatsächlich trugen viele der Helfer im 19. Jahrhundert Körperbemalung. Allerdings muss man wissen, dass zu dieser Zeit die verschiedenen Feuerwehrwachen wie Clans organisiert waren. Nicht selten kam es zwischen den einzelnen Gruppen zu Schlägereien. Die Tätowierungen zeigten an, zu welchem Clan man gehörte, und trugen dem in Japan stark ausgeprägten Zugehörigkeitsgefühl Rechnung. Ich habe Feuerwehrmänner dazu befragt, aber die meisten leugnen dieses Kapitel in der Geschichte ihres Berufsstandes. Auch einige Frauen tragen Tattoos, allerdings sind diese meist im Rotlichtmilieu unterwegs.
Welchen Ruf genießt das Tätowieren heute?
Die Yakuza – die japanische Mafia – machte sich die Tätowierkunst schnell zu eigen. Jede Familie hat ihr eigenes Symbol. Lange Zeit war es für die Mitglieder sogar Pflicht, sich tätowieren zu lassen. Erst als die Polizei härter gegen die Mafia vorging, wurde es den Mafiosi freigestellt, ob sie sich tätowierten. Noch heute lassen sich viele Mafiaangehörige die Symbole ihres Clans stechen. Der Ruf dieser Kunst ist daher sehr schlecht. Wenn ein Unternehmen in Japan erfahren würde, dass einer seiner Angestellten einen kleinen Schmetterling auf der Schulter tätowiert hat, dann wäre das genauso verwerflich wie ein Ganzkörper-Tattoo. In Japan gilt: Tätowiert ist tätowiert und tätowiert ist kriminell. In der Sauna gibt es sogar Schilder, die tätowierten Japanern den Zutritt verbieten. Sie können schließlich nicht schreiben: Mafiosis verboten. Mich haben sie trotz meiner Tätowierung hereingelassen, das sei bei Europäern etwas anderes, meinten sie.
Wer tätowiert?
Es gibt einige Künstler die sich unabhängig halten wollen. Meist ist ein Tätowierer jedoch für eine Mafiafamilie zuständig. Ich kenne einen Tattoo-Meister, der für mehrere Familien arbeitet. Er muss bei der Terminvergabe jedoch jedes Mal peinlich genau darauf achten, dass sich die beiden Clans nicht über den Weg laufen. Denn natürlich sind sie untereinander verfeindet.
Wie passen Tätowierungen und eine stark leistungsorientierte Gesellschaft zusammen?
Wer sich heute in Japan tätowieren lässt, ist meist Künstler oder Musiker und kann es sich erlauben. Für jemanden, der studiert und später einmal einen ganz normalen Beruf ergreifen will, ist das unmöglich. Die moderne Tätowierkunst versteht sich als eine Art Gegenkultur, die sich von der Gesellschaft abgrenzt. Gleichzeitig entsteht dadurch natürlich wieder ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Tätowierten. Man könnte sagen eine Parallelgesellschaft. Seltsam ist, dass die jungen Japaner, die sich heute stechen lassen, nicht mit kleinen Motiven anfangen, sondern sich gleich von Kopf bis Fuß tätowieren lassen.
Was sind die typischen Symbole und Schriftzüge?
Die traditionellen Symbole stammen oft aus Heldengeschichten, aber auch aus dem Buddhismus. Drachen und Höllengestalten sind sehr beliebt. Das Hauptmotiv wird stets auf dem Rücken gestochen. Dann geht es weiter über die Schulter, die Brust, den Bauch, die Arme bis hin zum Ganzkörpertattoo. Wichtig ist, dass alles zusammenpasst und eine Geschichte ergibt. Das große Tattoo auf dem Rücken gibt das Thema vor und die nach und nach dazukommenden Tätowierungen müssen sich daran orientieren.
Wie unterscheiden sich japanische von deutschen Tattoos?
In Japan gilt generell: ein Tattoo, ein Thema, ein Künstler. Während sich in Deutschland die Leute auf den linken Arm einen Anker, auf den rechten ein Kreuz und auf die Schulter den Namen ihrer Lieblingsband stechen lassen, gehört in Japan alles zusammen. Auch der Tätowierer wird nicht gewechselt. Ich kenne einen Japaner, der mit einem halbfertigen Tattoo rumlaufen muss, da sein Künstler verstorben ist. Kein anderer Tätowierer würde seine Arbeit fortführen.
Japanologe und Tattoofan
Dirk Boris Rödel ist Japanologe und Chefredakteur der Zeitschriften Tätowiermagazin und TattooStyle.
www.taetowiermagazin.de
Aus inAsien, Ausgabe 4/2010


