China im Bilde
Su Yings Atem geht flach. Konzentriert nimmt sie die Barrikade ins Visier, scannt die Umgebung. In den weit aufgerissenen Augen flirrt Entschlossenheit. Ein kurzer Blick, ein entschiedener Sprung – schon segelt eine Männerfantasie in hautengen Leggins mit wehender Mähne und Stupsnase durch die Luft. Zschhhhh, brrrrrrrr, krach. Su Ying landet auf der anderen Seite, versprüht jede Menge Sexappeal und setzt ihren Widersacher blitzschnell außer Gefecht.
Lässig streicht sie eine Haarsträhne hinters Ohr, bevor die langen Beine selbstzufrieden aus dem Bild stelzen. Sie ist cool, sie ist attraktiv und sie hat das Zeug zum Star. Aber niemand nimmt sie ernst. Ihre Heldentaten verstauben in den Regalen. Dabei wollte sie doch nur gut aussehen und ein bisschen die Welt retten. Und alles nur, weil man sie unter der falschen Überschrift abgestellt hat. Su Ying ist ein Manhua. In ihrer Heimat China ist das nicht weiter tragisch, denn dort bezeichnet Manhua all das, was wir unter Comics verstehen. Außerhalb des chinesischen Sprachraums jedoch spricht man bei Manhua von Comics „made in China“ und meint damit nicht selten Pathos, Kitsch und Langeweile.
Tief in die Farbkiste gegriffen
Yang Ruoling, Gründerin eines Beijinger Manhua-Clubs für Amateurzeichner, sitzt auf dem Holzboden inmitten ihrer aufgeschlagenen Lieblingsausgaben und blättert ziellos durch die grellen Farbwelten. Letztere finden sich zuhauf in den Werken derer, die sich zu den Ver-tretern des jungen chinesischen Comics rechnen. Manhua, die zumeist voll koloriert und nicht selten in deutlich größeren Bildformaten als ihre japanischen Verwandten daherkommen, sind im Westen noch kaum bekannt. Eine Ausnahme ist Zhang Bin, der unter dem Pseudonym Benjamin publiziert. Seine überladenen, Happy-End-losen Liebesgeschichten mit einem Hauch Gesellschaftskritik schaffen es des Öfteren in europäische, höchst selten aber in chinesische Buchläden. „Humor, Kritik, Satire – das sind alles Dinge, die man nur zögerlich mit den Manhua der letzten zwei Dekaden assoziiert“, meint Yang Ruoling. „Um überhaupt in China publizieren zu können, greifen viele Künstler sehr tief in die Farbkiste und behelfen sich mit oft übertrieben melodramatischen Handlungen. Das wirkt dann schnell kitschig und uninteressant. Es ist nicht so, dass soziale Fragen von den jungen Künstlern nicht aufgegriffen werden. Migration, Verwestlichung, Familienprobleme, Homosexualität, es ist alles vertreten. Aber eben sehr gut verpackt“, sagt Yang Ruoling und lächelt entschuldigend. Bei den Manhua-Vorläufern hingegen war bissige Kritik Grundvoraussetzung: Gewagte Zeichnungen, die sich über das politische Alltagsgeschäft oder die Pseudo-Probleme der gehobenen Gesellschaft aufregten, finden sich bereits in der Ming-Zeit (1368–1644). Sie hatten alles, was es für ein gutes Manhua braucht: Witz, Eloquenz und Ironie. Nur den Namen, den bekamen sie erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, der offiziellen Geburtsstunde der Manhuas. Namensgeber war der einflussreiche Künstler Feng Zikai (1898–1975), dessen Karikaturen die Anfangsjahre des chinesischen Comics entscheidend prägten. 1925 veröffentlicht Feng seinen wichtigsten Sammelband, die Zikai-Manhua. Während Zikai der Vorname des Künstlers ist, leitet sich Manhua vom japanischen Manga ab.
Ein Held mit drei Haaren
Lieber Herr Zhang, es ist kalt draußen und wir haben den kleinen „Sanmao“ seit Tagen nicht zu Gesicht bekommen. Bitte sehen Sie doch einmal nach, ob es ihm wirklich gut geht und geben Sie ihm doch die beiliegende Mütze ...So oder so ähnlich klingen die Briefe, die Zhang Rongrong als Erinnerung an seinen Vater aufbewahrt. Zhang Leping (1910–1992) wollte einen Spaßvogel zeichnen und schuf mit Sanmao (wörtl.: drei Haare; der Name ist ein geläufiger „Rufname“ für Kinder) ein Phänomen. Mitten in den politischen Wirren der 30er Jahre erblickt Sanmao das Licht der Manhua-Welt. Der naive Waisenjunge mit den drei ab-stehenden Haaren, der sein Leben auf den Straßen Shanghais fristet, ist die erste ernst zu nehmende kindliche Hauptfigur eines Comics und wird über Nacht zum Hit. Zu-nächst tollt der unterernährte – und daher haarlose – Bengel mit den treu-doofen Kulleraugen durch die Spalten einer Zeitung, bevor Zhang die ersten eigenständigen Sanmao-Comics veröffentlicht. Sanmao setzt Maßstäbe: Seine Abenteuer kommen (fast) ganz ohne Text aus: Ab sofort kann jeder die Geschichten verstehen. Und er ist immer auf dem Laufenden: Als Zhang 1941 als Karikaturist den japanischen Besatzern den „Papierkrieg“ erklärt, steht Sanmao seinem Vater bei und erscheint auf einigen der Propagandaposter. Nach Kriegsende wird die Unschuld mit den drei Haaren plötzlich ernster: China verarbeitet gemeinsam mit Sanmao sein Kriegstrauma und Zhang lenkt die Aufmerksamkeit auf die Situation der zahllosen Waisenkinder in den Straßen der Großstädte. Sanmao durchlebt die Machtkämpfe zwischen KP und der Kuomintang, wird Zeuge der Geburt eines „neuen Chinas“ und stellt sich in seinen Dienst. Und als es darum geht, ein Raumfahrtprogramm zu entwickeln, ist Sanmao ebenfalls zur Stelle. Bis heute sind über 260 Sanmao-Abenteuer erschienen, die auch außerhalb Chinas Erfolge verzeichneten.
Inzwischen hat sich die Manhua-Welt weitergedreht. 1936 wird mit der ersten nationalen Manhua-Ausstellung zum „Jahr des Manhua“. Ab 1941 werden die Zeichenaktivitäten durch die japanischen Besatzer verboten und viele der ehemals beliebten Figuren verschwinden für immer. Richtig in Schwung kommt die Szene erst wieder in den 50er Jahren mit importiertem Spaß aus Übersee: „Mickey“ und Co geben ihr Hong-Kong-Debüt. Es braucht ein weiteres Jahrzehnt und diverse Einflüsse aus Japan, bis der Humor auch in den chinesischen Bildbändchen angekommen ist. Die filmische Umsetzung des Manhuas „Uproar in Heaven“ wird ein Überraschungshit. Angelehnt an eine der berühmtesten chinesischen Erzählungen, die „Reise in den Westen“, gilt die Serie als eines der Aushängeschilder der 60er-Jahre-Comics. Bis heute liefern die Klassiker wichtige Vorlagen. Eine der besten Adressen für Legenden im Manhua-Format ist der aus Hong Kong stammende Li Zhiqing (*1963). Seit 1981 veröffentlicht er unter dem Namen Qing’er seine Interpretationen der klassischen Romane, die nicht nur den Sprung nach Japan schafften, sondern im Land der Manga gleich mehrfach ausgezeichnet wurden. Weniger historisch, aber nicht minder erfolgreich sind die, ebenfalls in Hong Kong entstehenden, Geschichten aus dem Leben des alten Q. („Old Master Q.“). Seit den 60ern schlüpfen Herr Q. und seine Freunde in die unterschiedlichsten Rollen und schlittern von einem Fettnäpfchen zum nächsten. Humor spielt die Hauptrolle, was nicht heißt, dass Herr Q. tagespolitisch nicht auf dem Laufenden wäre oder ab und zu mit erhobenem Zeigefinger auf drohenden Werteverfall hinweisen würde.
Die Moderne erreicht Chinas Comic-Szene 1982: Ma Wing-shing entwirft „Chinese Hero“ und landet einen Überraschungs-Coup. Der Plot ist schnell erzählt: Aufrichtiger junger Mann mit Herz aus Gold beobachtet Mord an seiner Familie und bringt postwendend die Auftragskiller zur Strecke. Anschließend setzt er sich ins Land der unbegrenzten Kung-Fu-Möglichkeiten ab, beginnt ein neues Leben und den unermüdlichen Kampf gegen Trickdiebe, Straßenbanden und allerlei andere Übeltäter. Markenzeichen der Serie sind ihre im wahrsten Sinne des Wortes „unvollständigen“ Figuren, denen hier ein Arm und dort ein Auge fehlt. Sollte eine Figur tatsächlich einmal zwei Beine besitzen, wird dieser Makel spätestens auf Seite 2 behoben.
Die Zeichen-Techniken, die „Held Hua“ in Szene setzen, sind revolutionär: realistischen Zeichnungen lassen die Helden wie „echte Menschen“ aussehen; eine ausgeklügelte Farbgebung und Bildaufteilung kreieren ein bisher nie da gewesenes Kung-Fu-Erlebnis. Die Serie avanciert von der ersten Episode an zum Kassenschlager. Verantwortlich für den durchschlagenden Erfolg ist das Konzept, denn er ist ans in China generell populäre Wuxia-Genre angelehnt: eine Prise Herzschmerz und jede Menge Action. Diese Art Comics bildeten auch die Grundlage für Kung-Fu-Filme, die beispielsweise Bruce Lee zu Weltruhm verhalfen. Es geht aber auch andersherum, nämlich vom Film zum Comic. In den Manhua-Regalen finden sich nicht selten die gezeichneten Versionen von erfolgreichen Filmen wie etwa Zhang Yimous „Hero“ oder Ang Lees „Crouching Tiger, hidden Dragon“.
Ein verrückter Erfolg
Irgendwie verrückt ist der Erfolg von „Xiyangyang“. Das „fröhliche Schaf“ und seine Freunde blöken seit 2005 über die Bildschirme und setzen sich mehr oder weniger intelligent gegen den bösen Grauen Wolf zur Wehr. Die „schafen“ Geschichten aus der Feder von Huang Weijian kennt jedes Kind. Nach Huangs Meinung gibt es einen einfachen Grund für den Erfolg: „Die meisten Comics für Kinder sind Lerncomics. In einem Wort: langweilig. Unser Zeichen-Team aber setzt auf zwei Dinge: Einfachheit und Spaß“. Über den Spaßfaktor lässt sich allerdings streiten: „Wenn du das anschauen kannst und darüber auch noch lachen kannst, bist du wirklich in China angekommen“, kommentiert ein amerikanischer Blogger. Zugegeben, über einen langen Zeitraum ist auch das fröhlichste Schaf schwer erträglich, aber die Zahlen sprechen für sich: So wurde zum Beispiel 2010 der Zeichentrickfilm„Xiyang-yang und der Graue Wolf im Jahr des Tigers“ auf den Markt gebracht, der 126 Millionen Yuan einspielte und damit beinahe dem Hollywood-Blockbuster Avatar den Rang ablief. Ein weiterer Erfolgsgarant ist die sogenannte „Schutzklausel“: Im chinesischen TV dürfen während bestimmter Sendezeiten nur chinesische Manhua und keine ausländischen Comics gesendet werden. So eine Schutzklausel bräuchte auch Su Ying. Ihre Zeit ist noch nicht ge-kommen. Bis es so weit ist, wird sie weiter einfach nur gut aussehen und sich im Regal ausruhen. Supergirls geben nicht auf.
Autorin: Stephanie Rudolf


