Im Toy Train nach Darjeeling
Nach kurzem Flug von Kolkata nach Bagdogra fahren wir mit dem Jeep auf unebener Straße hinauf in die Vorberge des Himalaya. Auf einem Bergkamm in knapp 1.500 Meter Höhe liegt Kurseong. Eine beschauliche Stadt, die bei den Einheimischen für ihre vielen Schulen und Internate bekannt ist. In den Plantagen der Umgebung werden einige der bekanntesten und teuersten Darjeeling-Tees angebaut. Die Hauptattraktion Kurseongs verbirgt sich jedoch im Lokschuppen unweit des Bahnhofs – die alten Dampfloks der Darjeeling Himalayan Railways. Die englischen Kolonialherren bauten von 1879 bis 1881 die spektakuläre Schmalspurstrecke, auf der nicht nur Passagiere, sondern auch der Tee aus den Bergen hinunter in die Ebene transportiert wurde. Diese Aufgabe haben längst die billigeren und schnelleren Lkw übernommen. Der Personentransport vom Bahnhof in New Jalpaiguri, dem Knotenpunkt der indischen Eisenbahn, nach Kurseong erfolgt inzwischen mit den moderneren Dieselloks. Von Kurseong ins 30 Kilometer entfernte Darjeeling fahren jedoch noch immer die kleinen „Toy Trains“, wie die alten Loks liebevoll genannt werden. Sie wären wohl inzwischen nur noch Geschichte, hätte die Unesco die Bahn nicht 1999 zum Weltkulturerbe ernannt.
Intensive Vorbereitung Die alten Schienenfahrzeuge sind reparaturanfällig, jede Fahrt bedarf daher einer intensiven Vorbereitung. So steht die Lok für unsere heutige Fahrt schon Stunden vor der geplanten Abfahrt vor dem Lokschuppen. Mit großen Schraubenschlüsseln wird an ihr herumgeschraubt, zischend Ventilen. In flachen, geflochtenen Körben wird Kohle auf der Schulter herantransportiert und oben in den Kohlenkasten vor dem Lokführerhaus geschüttet. Schließlich wird kräftig geschürt und nachdem die Lok eine schmutzige Wolke aus Dampf und Kohlepartikeln ausgestoßen hat, erwarten wir die Abfahrt – aber irgend etwas ist nicht in Ordnung. Immer wieder kommen diverse Werkzeuge zum Einsatz und die Abfahrt verzögert sich.
Einsteigen, bitte!
Am Vormittag hatten wir noch einen freien Blick bis in die Ebene, nun bilden sich wie aus dem Nichts Wolken und ziehen mit hoher Geschwindigkeit den Hang hinauf. Zur geplanten Abfahrtzeit um 15 Uhr ist der Ort wie in Watte gepackt. Inder und Europäer, die mit dem Dieselzug angereist sind, warten auf dem Bahnsteig auf die Einfahrt der Dampflok, an der aber immer noch gearbeitet wird. Endlich, mit großer Verspätung, setzt sich die Lokomotive in Bewegung und fährt in den Bahnhof ein, wo erst noch die Waggons angehängt werden müssen. Doch dann geht es tatsächlich los. Der Zug verlässt den Bahnhof und fährt zischend und laut pfeifend durch die Hauptstraße von Kurseong. Es geht so dicht an den zur Straße hin offenen Geschäften vorbei, dass man mit der ausgestreckten Hand die zum Verkauf ausliegende Ware greifen könnte. Auf der anderen Seite fahren direkt neben den Waggonfenstern die Lkw vorbei. Die Insassen eines Jeeps entdecken eine Bekannte im Zug. Der Fahrer manövriert sein Auto direkt neben das Waggonfenster und sein Beifahrer versucht der Frau im „Toy Train“ die Hand zu reichen. Ein entgegen kommendes Fahrzeug kann glücklicherweise gerade noch ausweichen und einen Zusammenprall vermeiden.
Schrankenlos
Wir lassen den Ort hinter uns und sind auf freier Strecke. Dichte Nebelbänke nehmen uns die Sicht. Da es keine Bahnübergänge gibt, werden die wie aus dem Nichts auftauchenden Fahrzeuge durch lautes Pfeifen der Lok gewarnt. Langsam, angestrengt Dampf ausstoßend, kämpft sich der altersschwache Zug die Berge hinauf. Einmal fahren wir direkt an der Kante eines Hangs entlang und es sind ein paar Teebüsche zu erkennen, der Rest versinkt im feuchten Dunst. Ein indischer Junge schaut gebannt hinaus, während durch das geöffnete Fenster kleine Kohlestückchen in sein Haar rieseln. Immer wieder muss der Zug Zwischenstopps einlegen, wo Wasser und Kohle aufgefüllt werden. Die glühende Asche wird mit großen Metallstangen ausgestoßen, direkt neben das Gleisbett. Es scheint weiterhin technische Probleme zu geben. Das Bahn-Personal läuft am Zug entlang, macht ernste Gesichter und einer von ihnen klopft mit einem schweren Hammer auf der Lok herum.
Grau und lautlos
Die Nacht bricht an und auch der Nebel wird dichter. Das trübe Grau scheint nicht nur das Licht, sondern auch alle Geräusche zu schlucken. Ab und zu tauchen neben dem Zugfenster von Petroleumlampen beleuchtete Marktstände auf, dann ist wieder alles dunkel. Der berühmte Batasia-Loop, auf dem die Bahn eine große Schleife dreht und von wo aus wir eigentlich einen atemberaubenden Blick auf den Himalaya hätten, bleibt uns wegen des Nebels verborgen. Dann klart es plötzlich auf und in der schwarzen Nacht sehen wir einen Berghang, der von oben bis unten mit funkelnden Lichtern übersät ist – wir nähern uns Darjeeling. Nach einem letzten Halt in den Außenbezirken der Stadt fahren wir schließlich in den Bahnhof ein. Die Schalter sind längst geschlossen, ein paar verlorene Wolkenfetzen wabern durch die leeren, kaum beleuchteten Gänge. Der Taxistand vor dem Bahnhof ist ebenfalls ausgestorben, so spät werden keine Reisenden mehr erwartet. Nach einiger Wartezeit gelingt es uns schließlich, ein einzelnes vorbeifahrendes Fahrzeug anzuhalten, das uns den Hang hinauf zum Hotel fährt. Eine ungewöhnliche, fast unwirkliche Reise geht zu Ende.
Aus: inAsien 04/2010
Autor: Siegfried Hoffmann


