Die letzten Orang-Utans von Semenggoh
Wir wandern vom Parkplatz des Semenggoh-Reservats in Richtung des 30 Minuten entfernten Fütterungsplatzes, als es plötzlich im Gebüsch raschelt. Alle bleiben stehen und sehen nach oben. Rotbraun schimmert das Fell durch das dichte Blätterdach und auch die ersten Nester können in der Höhe ausfindig gemacht werden. Nester gibt es hier viele, denn Orang-Utans bauen sich jeden Tag ein neues Nest aus Blättern, in einer sicheren Schlafhöhe von 12–18 Metern, in den Baumkronen! Das Semenggoh-Wildtier-Reservat wurde 1975 mit dem beispielhaften Entschluss gegründet, sich um die vom Aussterben bedrohten Tiere zu kümmern. Zurzeit leben hier 25 Orang-Utans, die entweder aus Gefangenschaft befreit oder verletzt und verwaist im Wald gefunden wurden, im Center. Die verstörten Tiere werden medizinisch gepflegt, aufgepäppelt und auf ein neues Leben in freier Wildbahn vorbereitet – auch wenn einige wie „Richie“, der 28-jährige Orang-Utan-Papa, immer wieder kommen. Affenpapa Ritchie wurde vor einigen Jahren schwer traumatisiert aus einem Holzfäller-Camp befreit und hat im Center seine neue Heimat gefunden. Das Center liegt innerhalb des Semenggoh-Naturschutzgebietes, das sich über 740 Hektar unberührten Regenwald erstreckt und somit für die Affen, aus ihrem natürlichen Lebensraum heraus, offen zugänglich ist. Neben der Rehabilitation der Tiere mit dem Ziel der möglichst baldigen Wiederauswilderung wird auch Ursachenforschung betrieben und Zuchtprogramme werden durchgeführt.
Vorrang für Affen
Auf dem Weg zum Futterplatz kommen die Tiere, sich von Ast zu Ast schwingend, immer näher und lassen sich an den langen Seilen abwärts gleiten. Voll Erfurcht schleichen wir uns an die Futterstelle und bemerken gar nicht, dass sich auch über unseren Köpfen schon die Affen tummeln. Trotz der vorherigen Warnung der Ranger, nie unter einem Orang-Utan durchzugehen, geschweige denn stehen zu bleiben, winkt er nun auch die letzten unter dem Baum durch. Wir haben Glück, dass so viele zur Fütterung erscheinen, denn während der Obstblüte, wenn es im Dschungel ausreichend Nahrung gibt, bleiben die Tiere zur Enttäuschung der Touristen oft aus. Mit dem Baby auf dem Arm kommt die junge Affenmutter nun unerschrocken auf uns zu. Der Ranger deutet uns aber ihr schnell aus dem Weg zu gehen – denn hier haben die Affen Vorrang. Wir befinden uns in ihrem Territorium, somit müssen wir zurückweichen. Zur Besichtigung kommt man am besten während der Fütterungszeiten am Morgen oder am späten Nachmittag ins Center, die eine gute Gelegenheit bieten, die Tiere, auch aus der Nähe, beim Essen zu beobachten und nicht nur in 15 Metern Höhe in den Baumkronen.
Orang-Utans in der Wildnis
Es gibt zwei Arten von Orang-Utans, die sich in ihrem Lebensraum im tropischen Regenwald, von Meeresniveau bis zu 1.500 Meter Seehöhe, kultiviert haben. Die Borneo-Orang-Utans (Pongo pygmaeus) und die Sumatra-Orang-Utans (Pongo abelii). Sumatra-Orang-Utans sind im Allgemeinen etwas leichter und zierlicher als ihre Verwandten auf Borneo und ihr dünnes, zotteliges Fell etwas heller. Die Obstesser verbringen die meiste Zeit durch den Dschungel streifend, auf Nahrungssuche, zum Beispiel nach wilden Feigen oder der stinkenden Durian. Sie essen aber auch junge Blätter, Insekten, Baumrinde, Blumen, Eier oder auch kleine Eidechsen. Orang-Utans sind Einzelgänger, wenn auch Erwachsene oft in Pärchen unterwegs sind und Frauen temporäre Gemeinschaften von vier oder fünf Tieren bilden. Diese Einzelgängerschaft rührt von der Nahrungsmittelknappheit im Wald wie auch von den fehlenden Feinden, sodass sie sich erlauben können, im Alleingang unterwegs zu sein.
Die Bedrohung der Orang-Utans
Orang-Utans sind eine vom Aussterben bedrohte Spezies und in Malaysia, Indonesien wie auch international gesetzlich geschützt. Die heutige Wild-Population wird auf 20.000–27.000 Tiere geschätzt. 20.000 davon auf Borneo, der Rest in Sumatra. Abholzung, Vordringen in die natürlichen Lebensräume der Tiere sowie Wilderei und Tierhandel sind die Faktoren, die zum drastischen Rückgang der Tierzahl – ihre Zahl ist seit den 90er Jahren bereits um zwei Drittel gesunken – beitragen. Ihre Größe und ihre eher gemächlichen Bewegungen machen sie zu einem leichten Ziel für Jäger. In manchen Gegenden – etwa im Inneren Borneos – wird ihr Fleisch gegessen. Darüber hinaus werden sie mancherorts gezielt verfolgt, wenn sie auf Nahrungssuche in Obstplantagen eindringen. Hinzu kommt, dass Jungtiere oft gefangen und als Haustiere verkauft werden, was meist mit der Tötung der Mutter einhergeht, denn insbesondere in Taiwan gelten Orang-Utans als ideale Haustiere. Die Hauptbedrohung der Orang-Utans stellt somit der Mensch, vor allem durch den industriellen und illegalen Holzschlag und der damit einhergehenden Zerstörung des natürlichen Lebensraumes der Tiere, dar. Die Bewahrung des Regenwalds dient aber nicht nur dem Schutz der dort heimischen und vom Aussterben bedrohten Orang-Utans, sondern auch der unzähligen Volksstämme, die ökologisch im und mit dem Regenwald leben, denn der Dschungel ist schon seit jeher Lebensraum für Mensch und Tier.
Autorin: Sandra Hoffellner


