Nordkorea: Kriegerischer Hilferuf
Das hatte nicht einmal ein Saddam Hussein gewagt! Doch Kim Jong-il scheint keine Hemmungen zu kennen. Der stalinistische Herrscher über ein beispiellos darbendes Volk pocht gegenüber der einzigen Weltmacht auf Verhandlungen von Atommacht zu Atommacht.
Atommacht oder nicht?
Dabei steht nicht einmal fest, ob das wirtschaftlich bankrotte Land überhaupt Nuklearwaffen besitzt. Pjöngjang hat zwar entgegen früheren Vereinbarungen mit Washington die Produktion angereicherten Urans fortgesetzt, UN-Inspekteuren die Tür gewiesen, einen Atomreaktor zur Gewinnung von Plutonium wieder in Betrieb genommen, sich aus dem Atomwaffensperrvertrag zurückgezogen und angeblich mit der Wiederaufbereitung von 8000 Brennstäben zur weiteren Aufstockung seines Vorrats an atomwaffenfähigem Plutonium begonnen. Doch trotz offenkundiger Fortschritte in der Raketentechnik bleibt zweifelhaft, ob das Land bereits zu den Atommächten zu zählen ist.
Als solche verstanden werden will Nordkorea. Das hat Pjöngjang mit seinen kriegerischen Tönen hinreichend deutlich gemacht. Was sonst könnte das wirtschaftlich auf dem letzten Loch pfeifende Regime als Verhandlungsmasse einbringen, um von den Vereinigten Staaten endlich völkerrechtlich anerkannt zu werden und ihnen einen Nichtangriffspakt abzuringen?
Seit dem Ende des Koreakrieges, den im Sommer 1950 Kim Il-sung, der Vater des jetzigen Machthabers in Pjöngjang, mit sowjetischer und chinesischer Ermutigung vom Zaun gebrochen hatte, herrscht zwischen Amerika und Nordkorea lediglich ein Waffenstillstand. Dieser war nach nicht weniger als 575 Verhandlungsrunden, vor genau fünfzig Jahren, am 27. Juli 1953, unterzeichnet worden: von Amerika, das zugleich im Namen der Vereinten Nationen handelte, auf der einen Seite, und von Nordkorea und der Volksrepublik China auf der anderen. Südkorea verweigerte damals seine Unterschrift mit der Begründung, der Waffenstillstand schreibe die Teilung des Landes fest.
Ende der Sonnenscheinpolitik
1994 kam Bewegung in die starren Fronten. Bill Clinton schloss mit Pjöngjang eine sogenannte Rahmenvereinbarung zur ausschließlich friedlichen Nutzung von Kernenergie in Nordkorea und stellte dem Regime außerdem die schrittweise Aufnahme diplomatischer Beziehungen, Wirtschaftshilfe und einen vertraglichen Verzicht auf Gewalt in Aussicht. Und nachdem sich dann vor drei Jahren bei einer als historisch gefeierten Begegnung zwischen Kim Jong-il und dem damaligen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung auch eine Aussöhnung zwischen Nord und Süd anzubahnen schien, trug sich Clinton mit dem Gedanken, kurz vor Ablauf seiner Amtszeit ebenfalls in Pjöngjang vorzusprechen. Mit dem Amtsantritt von Bush fand diese "Sonnenscheinpolitik" jedoch ein abruptes Ende.
Seither gehen von beiden Seiten widersprüchliche bis konfuse Signale aus. Da gibt es gewichtige Stimmen im Pentagon, die einem "Regimewechsel" auch in Nordkorea das Wort reden, und da gibt es vor allem den amerikanischen Außenminister Colin Powell, der den Konflikt um Atomwaffenprogramme, Raketenexporte und andere nordkoreanische Unbotmäßigkeiten auf diplomatischem Weg beilegen will.
Für eine politische Lösung sprechen sich unisono auch die direkten Nachbarn Nordkoreas aus: Südkorea, Japan, Russland und China. Sie sind sich überdies einig darin, dass die koreanische Halbinsel atomwaffenfrei bleiben müsse. Nordkorea kann sich in seinem Streit mit Amerika also nicht einmal mehr auf seine einst enge Partnerschaft mit China stützen, zumal man in Beijing seit längerem schon immer weniger Neigung zeigt, dem reformunwilligen Regime in Pjöngjang wirtschaftlich unter die Arme zu greifen.
Noch stets hat sich das von einem Millionenheer militärisch gestützte und von der Generalität entscheidend gelenkte Regime durch außenpolitische Vermessenheit und erpresserische Kraftmeierei hervorgetan. In einer Hinsicht freilich kann es sich Zurückhaltung tatsächlich weniger denn je leisten: in seinem Händeringen um wirtschaftlichen Beistand. Nicht von Amerika, nicht von seinen Nachbarn, sondern von einem unbeschreiblichen Mangel an Nahrungsmitteln, Energie, Finanzen und Infrastruktur wird die Existenz dieses Regimes in Frage gestellt. Anders ausgedrückt: Das Drohen mit Atomwaffen läuft in Wahrheit auf einen Hilferuf hinaus.
Werner Adam


