Streitbarer Staatsmann
Stille Abschiede sind offenbar seine Sache nicht. Vielmehr ging Mahathir Ibn Mohammed, der seit 1981 die Geschicke Malaysias bestimmt, bei Ankündigung seines Rücktritts mit dem Westen hart ins Gericht. Auf dem Parteitag seiner United Malays National Organization (UMNO) warf er in diesem Sommer den «Europäern einschließlich jenen, die auswanderten und neue Nationen in Amerika, Australien und Neuseeland schufen», vor, nicht mehr und nicht weniger als ein gieriger, kriegstreiberischer Mob zu sein.
Zeit seines langen politischen Lebens war «Dr. M» auch als nationalistischer Hitzkopf bekannt. 1925 im nordwestlichen Bundesstaat Kedah geboren, hatte Mahathir sich noch vor seinem Medizinstudium in Singapur der 1946 gegründeten UMNO-Partei angeschlossen. Schon als junger Arzt tat er sich politisch durch provokative Artikel gegen die malaysische Wahlmonarchie hervor. Als Mahathir dann, kaum dass er Mitglied des Parlaments geworden war, dem moderaten Regierungschef Tunku Abdul Rahman offen vorwarf, sich nicht hinreichend für die Interessen der Malaien gegenüber denen der chinesisch- und indischstämmigen Malaysier einzusetzen, schien seine politische Karriere zu Ende zu sein. Er wurde aus der Partei ausgeschlossen. Fünf Jahre später, 1974, durfte er wieder zurückkehren - eben wegen seines vehementen Eintretens für die nationalen Anliegen der Malaien. Diese bilden mit knapp 60 Prozent den Großteil der Bevölkerung, gefolgt von den Chinesen mit 32 Prozent sowie den Indern und Pakistanern mit neun Prozent.
Kometenhafter Aufstieg
Mahathir erhielt sogar den Posten des Erziehungsministers. Es folgte ein kometenhafter Aufstieg innerhalb von nur sechs Jahren: «Dr. M» wurde zunächst stellvertretender Parteivorsitzender und 1981 schließlich Regierungschef. Aufwärts ging es fortan auch mit der Wirtschaft. Der überaus tatkräftige und von Nationalstolz getragene Premierminister setzte alles daran, Malaysia von einem Kautschuk- und Zinnexporteur zu einem asiatischen «Tiger» zu machen, der elektronische Güter, Stahl und Autos produzierte - mit Erfolg.
Unübersehbaren Ausdruck fanden diese Ambitionen in der Errichtung des höchstens Gebäudes der Welt, der Petronas Towers, und dem «Multimedia Super Corridor», der es mit dem kalifornischen Silicon Valley aufnehmen sollte. Dann aber kam die Asienkrise, in der Mahathir die Ratschläge von Weltbank und Internationalem Währungsfonds ablehnte. Er überwarf sich dabei mit seinem Stellvertreter und potenziellen Nachfolger Anwar Ibrahim, der im Herbst 1998 entlassen und kurz darauf wegen angeblicher sexueller Vergehen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.
Stabilität durch Umverteilung
Auch wenn Mahathirs autokratischer Führungsstil und seine oft unsachlichen Angriffe gegen den Westen immer wieder kritisiert wurden, kann der «Lautsprecher» Asiens doch beträchtliche Erfolge vorweisen: Es gelang ihm, Malaysia zum wohlhabendsten Flächenstaat Südostasiens zu machen. Vor allem aber sorgte seine Bumi-Putra-Politik für eine Umverteilung zu Gunsten der malaiischstämmigen Malaysier und zu sozialem Frieden. Ethnisch motivierte Übergriffe gegen die reiche chinesische Minderheit gab es während seiner Regierungszeit nicht.
Bereits im Sommer vorigen Jahres hatte Mahathir seinen Rücktritt angekündigt, dann aber nach einem «tränenreichen Aufschrei» der Delegierten des UMNO-Parteitags wieder rückgängig gemacht. Diesmal scheint es ihm ernst zu sein, auch wenn er, nach dem Vorbild Lee Kuan Yews, hinter den Kulissen weiterhin die Fäden ziehen dürfte. Der Premier Singapurs hatte es, bis er 1990 abtrat, auf satte 31 Jahre als Regierungschef gebracht.
Werner Adam


