Maoisten gegen Monarchisten
Eine Familientragödie bietet noch immer Raum für Spekulationen: Vor zwei Jahren war König Birendra mitsamt seiner Familie umgekommen. Kronprinz Dipendra, angeblich "sturzbetrunken", hatte seine Eltern, seine beiden Schwestern und sieben Teilnehmer eines Abendessens im Palast von Kathmandu erschossen und war selbst wenig später an den Verletzungen gestorben, die ihm einer der Leibwächter zugefügt haben soll. Die Gründe blieben bis zum heutigen Tag im Dunkeln.
Die Reinkarnation Vishnus
Das Massaker schockierte die Nepalesen umso mehr, als der König für viele seiner 22 Millionen Untertanen im einzigen Land der Welt, in dem der Hinduismus Staatsreligion ist, als eine Reinkarnation Vishnus galt. Dieser ist im Pantheon der Hindus für den Erhalt von Himmel und Erde zuständig. Zudem war es Birendra gewesen, der 1980 zunächst der Direktwahl eines Nationalparlaments zugestimmt und zehn Jahre später unter dem Druck oppositioneller Politiker die Exekutivgewalt an einen Ministerrat abgetreten und sich mit der Rolle des Staatsoberhaupts einer konstitutionellen Monarchie begnügt hatte.
Der weniger an Gewaltenteilung interessierte jüngere Bruder des Königs, Gyanendra Bir Bikram Shah, befand sich am Tag der Tragödie auf Reisen und überlebte somit das Massaker. Mit dem Leben davon kamen auch seine Frau und sein Sohn. Damit stand vor allem für die so genannten Maoisten des Himalaja-Reichs fest, dass es sich bei dem Gemetzel um eine finstere Verschwörung mit dem Ziel gehandelt habe, anstelle des "liberalen Patrioten" Birendra seinen "diktatorischen" Bruder Gyanendra an die Macht zu bringen. Dabei hatten dieselben Maoisten bereits Mitte der neunziger Jahre zum "Volkskrieg" gegen die Monarchie aufgerufen und somit eben jenen Birendra im Visier gehabt, dessen Tod sie nun beklagten.
Die Rolle der Maoisten
Die aus kommunistischen Flügelkämpfen hervorgegangene maoistische Bewegung hat unter Leitung ihres militanten Führers Puspa Kamal Dahal (genannt "Prachanda") und ihres Chefideologen Baburam Bhattarai große Teile des Lands unter Kontrolle gebracht. König Gyanendra bot den "Volkskriegern" energischer als Birendra die Stirn. Nach schweren Verlusten auf beiden Seiten erzwang er Anfang 2003 einen Waffenstillstand.
Seit September ist es damit wieder vorbei. Friedensverhandlungen hatten zu keinerlei Annäherung geführt. Die Kämpfe zwischen den Maoisten und den Regierungstruppen, die sich amerikanischer, britischer und indischer Hilfe erfreuen, sind wieder entbrannt. Hinzu kommt eine wachsende Entfremdung zwischen dem Königshaus und den politischen Parteien. Sie resultiert daraus, dass das Parlament von dem äußerst machtbewussten Gyanendra vor Jahresfrist kurzerhand aufgelöst worden war. Das scheinbar so friedliche Nepal muss sich also aufs Neue auf blutige Zeiten gefasst machen.
Werner Adam


