Familienfehde in Sri Lanka

Das frühere Ceylon kommt nicht zur Ruhe. Kaum schien sich der Konflikt mit den militanten "Tamil Tigers" etwas zu beruhigen, provozierte Staatspräsidentin Chandrika Kumaratunga eine schwere Regierungskrise

Die an Turbulenzen so reichen politischen Vorgänge in Sri Lanka sind immer wieder für neue Überraschungen gut. Das hat Staatspräsidentin Chandrika Kumaratunga jüngst mit ihrem ungewöhnlichen Beschluss bewiesen, den gerade in Amerika weilenden Regierungschef Ranil Wickremasinghe daheim um drei seiner Ministerien zu berauben und das Parlament vorübergehend zu schließen. Grün waren sich Präsidentin und Premierminister zwar noch nie gewesen, repräsentieren sie doch zwei Familiendynastien, die sich seit langem schon politisch in den Haaren liegen. Bei dem aber, was ihre traditionelle Rivalität diesmal in einen offenen Machtkampf umschlagen ließ, ging es um nicht mehr und nicht weniger als um staatliche Souveränität und territoriale Integrität der touristisch so anziehenden, früher als Ceylon bekannten Inselrepublik im Indischen Ozean schlechthin.

Drohende Teilung?

Das jedenfalls behauptete Frau Kumaratunga und begründete damit ihre Entscheidung, die Ministerien für Verteidigung, Information und Innere Angelegenheiten selbst zu übernehmen. Ihrer Meinung nach war eine ernste Gefahr für den Zusammenhalt Sri Lankas durch die angebliche Bereitschaft der Regierung unter Wickremasinghe entstanden, der seit 20 Jahren für einen unabhängigen Staat kämpfenden tamilischen Minderheit des Landes zu weit entgegenzukommen. Tatsächlich hatten die äußerst militanten "Befreiungstiger von Tamil Eelam", die ein eigenständiges Staatswesen im Norden und Osten der Insel anstreben, nach längeren Verhandlungen mit der Regierung in Colombo einen Katalog recht extremer Forderungen vorgelegt. Sie verlangten in den von ihnen beanspruchten Gebieten die Einsetzung einer Interimsregierung mit einer garantierten "Tiger"-Majorität, die selbstständig über Verteidigungsfragen entscheiden und Steuerhoheit besitzen müsse.

Im Klartext würde das die tamilische Kontrolle über rund zwei Drittel der gesamten Küsten Sri Lanka und die daran angrenzenden maritimen Ressourcen bedeuten und nach einer Übergangszeit von fünf Jahren auf die staatliche Teilung der Inselrepublik hinauslaufen. Allerdings hatte es die Regierung entgegen den Verdächtigungen der Staatspräsidentin bislang völlig offen gelassen, inwieweit sie dem Begehren der tamilischen Rebellen nachgeben werde.

Bombenanschläge

Chandrika Kumaratunga war in der Vergangenheit bemüht gewesen, ein friedliches Nebeneinander der zumeist hinduistischen Tamilen und der vornehmlich buddhistischen Singhalesen herbeizuführen. Die ebenso kriegerischen wie brutal autoritär geführten "Befreiungstiger", denen bereits ihr Mann zum Opfer gefallen war, bevor die Präsidentin selbst vor vier Jahren nur knapp einem Bombenanschlag entging und dabei ein Auge verlor, waren jedoch nicht einmal zu einem Waffenstillstand bereit. Dazu kam es erst, als Frau Kumaratungas linksgerichtete Freiheitspartei Sri Lankas 2001 die Parlamentswahlen verlor und die konservative Vereinigte Nationalpartei an die Regierungsmacht gelangte.

Unter norwegischer Vermittlung gelang es im Februar 2002, einen Waffenstillstand zu vereinbaren und Verhandlungen zwischen Regierung und Rebellen über das Ausmaß einer künftigen Selbstverwaltung der Tamilen in Gang zu setzen. Die daran nur indirekt beteiligte Staatspräsidentin verfolgte das Ganze mit wachsendem Misstrauen und warf dem Premierminister, ihrem traditionellen politischen Rivalen schließlich vor, sich gegenüber den "Befreiungstigern" zu nachgiebig zu zeigen und damit die territoriale Integrität des Landes aufs Spiel zu setzen. Mit dieser Begründung griff sie, während Wickremasinghe sich zu einem Besuch in den Vereinigten Staaten aufhielt, Anfang November massiv in die Regierungsgeschäfte ein und löste damit einen offenen Machtkampf aus. Wieder einmal war Sri Lanka in den Sog politischer Turbulenzen geraten, die zunächst nur einen Schluss zulassen: dass die Hoffnungen auf einen erfolgreichen Fortgang des Friedensprozesses einen schweren Dämpfer erhalten haben.

Werner Adam