Hoffnung in Kaschmir
Ausgerechnet in einer der konfliktträchtigsten Regionen Asiens hat das neue Jahr einen hoffnungsvoll erscheinenden Anfang genommen. In Afghanistan ist von der sogenannten Großen Ratsversammlung eine Verfassung verabschiedet worden, die dem leidgeprüften Land eine sowohl an islamischen als auch an demokratischen Werten orientierte Zukunft verheißen soll, und zugleich sind im benachbarten Pakistan Staatspräsident Pervez Musharraf und der indische Regierungschef Atal Behari Vajpayee übereingekommen, die Beziehungen zwischen ihren Ländern zu normalisieren und in diesem Zusammenhang baldige Verhandlungen über eine Beilegung des Konflikts um Kaschmir aufzunehmen. Hier wie dort hieß es, man habe "Geschichte gemacht"
Auf den ersten Blick scheint das nicht einmal übertrieben zu sein angesichts der Zwistigkeiten und Feindseligkeiten, die gerade diesen Teil Asiens wieder und wieder heimgesucht haben. Allerdings wäre es nicht das erste Mal, wenn sich die geweckten Hoffnungen nicht erfüllten. Vor allem zwischen den beiden Nachfolgestaaten Britisch-Indiens hat es schon mehrere Anläufe dieser Art gegeben, ohne dass sie zu einem gedeihlichen Nebeneinander oder gar Miteinander geführt hätten.
Freihandelszone
Umso mehr ist zu wünschen, dass es nicht abermals bei bloßen Lippenbekenntnissen bleibt. Von den Beziehungen zwischen Indien und Pakistan hängt – vor allem seit sie zu Atommächten geworden sind – nun einmal weitaus mehr ab als die Zukunft dieser beiden Länder. Das ist den Regierungen in New Delhi und Islamabad vor allem von jenen Nachbarn bedeutet worden, die zusammen mit Indien und Pakistan der Südasiatischen Vereinigung für Regionale Zusammenarbeit (SAARC) angehören: Sri Lanka, Bangladesh, die Malediven, Nepal und Bhutan. Der ständige Hader zwischen Indien und Pakistan hatte diese Vereinigung in der Vergangenheit zu einem Schattendasein verurteilt. Nun aber haben die sieben Mitgliedsländer bei einem Gipfeltreffen in Islamabad beschlossen, ihre Zusammenarbeit wirklich voranzutreiben und bis 2006 eine südasiatische Freihandelszone zu schaffen.
Schrittmacher könnten auch hier Indien und Pakistan sein, zwischen denen bislang so gut wie kein Handel stattgefunden hat. Erste Verkehrsverbindungen sind mittlerweile wieder hergestellt worden, und auch die Eröffnung eines zweiten Grenzübergangs haben New Delhi und Islamabad ins Auge gefasst. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind insofern günstig, als nicht nur Indien, sondern seit Jüngstem auch Pakistan durchaus beachtliche Wachstumsraten auszuweisen vermögen. Mehr noch aber hängt die künftige Entwicklungen vom politischen Gang der Dinge ab und damit in erster Linie von der Beilegung eines Konflikts, der die Beziehungen zwischen den beiden Ländern seit ihrer Unabhängigkeit vor mehr als einem halben Jahrhundert belastet und um den sie zwei Kriege geführt haben: Kaschmir.
Krönung eines Lebenswerks
Der bald 80 Jahre alte indische Ministerpräsident Vajpayee hat wiederholt zu verstehen gegeben, dass er sein politisches Lebenswerk mit einer Lösung eben dieses Konflikts krönen möchte. Ihm schwebt vor, die sogenannte Kontrolllinie zwischen dem indischen und dem pakistanischen Teil Kaschmirs in eine völkerrechtliche Staatsgrenze umzuwandeln und damit den Territorialstreit ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Die meisten Pakistaner würden einen solchen Schritt jedoch nach wie vor als nationale Demütigung empfunden, weil ihrer Ansicht nach das mehrheitlich muslimische Kaschmir zum islamischen Nachfolgestaat Britisch-Indiens und folglich zu Pakistan gehört.
So betrachtet, hat Pakistans Präsident beträchtlichen Mut bewiesen, als er dem indischen Regierungschef in Islamabad versicherte, "keinerlei Unterstützung von Terror in irgendeiner Form auf pakistanisch kontrolliertem Territorium zuzulassen". Mehr noch: Musharraf deutete den Verzicht auf die bisher als unumstößlich geltende pakistanische Forderung nach einem Referendum in Kaschmir über dessen Zugehörigkeit an. Allerdings hat sich der pakistanische Militärherrscher, der unlängst zwei Attentaten nur knapp entkam, dadurch zusätzlichen Gefahren im eigenen Land ausgesetzt, in dem religiöse Extremisten eine Herrschaft nach dem Vorbild der in Afghanistan von den Amerikanern entmachteten Taliban anstreben. Zwar fehlt es auch in Indien nicht an Gegnern einer subkontinentalen Aussöhnung. Doch es sind vor allem die Unwägbarkeiten in Pakistan, die es geraten erscheinen lassen, vorerst noch Zurückhaltung zu üben mit Blick auf die Erwartungen, die durch den hoffnungsvoll anmutenden Jahresbeginn in Südasien geweckt worden sind.
Werner Adam


