Frauenpower von Colombo bis Manila
Asien ist Spitze, was weibliche Macht in der Politik angeht. Nicht weniger als vier Frauen kämpfen gegenwärtig im Süden und Südosten des Kontinents um den Erhalt und den Ausbau ihrer Macht: drei von ihnen an der Spitze ihrer Staaten und eine, die als bisherige Oppositionsführerin zur Regierungschefin eines Landes avancieren möchte, das sich zu Recht als die größte Demokratie der Welt versteht. Aber auch die beiden Staaten, die bereits von Präsidentinnen regiert werden, sind von nicht zu unterschätzendem politischem Gewicht.
So muss sich in Indonesien Megawati Sukarnoputri am 5. Juli den Wählern stellen, und bereits am 10. Mai geht es auf den Philippinen für Gloria Macapagal-Arroyo darum, hinreichend Stimmen für ihren Verbleib im Amt zu gewinnen. Das 214-Millionen-Volk der Indonesier wird zum ersten Mal in direkter Wahl ein Staatsoberhaupt küren. Die Präsidentin, eine Tochter des Staatsgründers Sukarno, sieht sich von Anhängern des früheren Diktators Suharto herausgefordert. Ihre Chancen, es in direkter Wahl zu schaffen, sind gleichwohl als günstig einzuschätzen, obwohl sich Megawati Sukarnoputri bislang nicht eben durch Führungskraft und überbordendes Engagement in ihrem Amt ausgezeichnet hat.
Gloria und der Kino-König
Auch die Präsidentin der 77 Millionen Filipinos hat sich erstmals den Wählern zu stellen, da sie vor drei Jahren auf eher fragwürdige Weise als Stellvertreterin des gestürzten Staatsoberhaupts Joseph Estrada an die Macht gelangt war. Letzterer, von Haus aus Schauspieler, hatte es gerade einmal bis zur Hälfte seiner auf sechs Jahre angelegten Amtszeit gebracht, als er im Januar 2001 unter dem Vorwand, Staatsgelder in Millionenhöhe veruntreut zu haben, von einer vornehmlich aus Straßendemonstranten bestehenden „Volksmacht“ aus dem Amt gejagt worden war.
Doch nicht wenige seiner Anhänger hielten ihm die Treue, was seiner Nachfolgerin nun Schwierigkeiten macht. Der Grund: Gloria Macapagal-Arroyo sieht sich von einem Gegenkandidaten herausgefordert, der sich nicht nur der Unterstützung ihres Amtsvorgängers und seiner Getreuen sicher weiß, sondern ebenfalls aus dem Filmgeschäft kommt und es dort zu noch mehr Ruhm als Estrada gebracht hat. Es handelt sich um Fernando Poe Junior, den „König des philippinischen Kinos“. Und da Berühmtheiten dieses Schlags bei den Wählern noch stets besonderen Anklang gefunden haben, kann sich die Präsidentin einer Bestätigung in ihrem Amt keineswegs sicher sein.
Mit allen Wassern gewaschen
Im Gegensatz zu diesen beiden Frauen ist Chandrika Kumaratunga, die Präsidentin Sri Lankas, mit allen politischen Wassern gewaschen. Sie hat schon deswegen große Erfahrung, weil sie die Tochter von Solomon und Sirimavo Bandaranaike ist, die ihrerseits beide an der Spitze von Regierungen dieser Inselrepublik standen. Nach langem Machtkampf mit einem Premierminister, der nicht von ihrer Partei gestellt wurde, löste Chandrika Kumaratunga unlängst das Parlament auf und ordnete vorzeitige Neuwahlen an. Um ihre Partei wieder an die Regierungsmacht zu bringen, scheute sie sich nicht, ein Wahlbündnis mit einer Gruppierung einzugehen, die den Marxismus auf ihre Fahnen geschrieben hat und zudem als chauvinistisch im Sinne der singhalesischen Mehrheit des Landes gilt. Damit aber drohen die Auseinandersetzungen mit den Tamilen neu aufzuleben.
Im benachbarten Indien mit seiner Milliardenbevölkerung stehen gleichfalls Parlamentswahlen an. Auf ein erstaunliches Wirtschaftswachstum gestützt, kann die hinduistische Bharatiya Janata Party des Ministerpräsidenten Atal Behari Vajpayee mit einer Bestätigung der bisherigen Regierungskoalition rechnen. Die traditionsreiche Kongresspartei möchte das zwar verhindern, doch mit Sonia Gandhi an ihrer Spitze, die politisch nach wie vor wenig erfahren und zudem italienischer Herkunft ist, ist ein Machtwechsel wenig wahrscheinlich. Die Nehru-Gandhi-Dynastie hat zwar eine für Indien prägende Rolle gespielt. Doch mit der Ermordung Indira Gandhis und ihres Sohnes Rajiv, der seiner Mutter als Ministerpräsident gefolgt war, fand sie ein tragisches Ende – auch wenn die Kongresspartei das nicht wahrhaben mochte und trotzig abermals eine Frau auf den Schild hob. Nur war die Witwe Rajiv Gandhis darauf in keiner Weise vorbereitet. Und obwohl sie es als Parteichefin an Führungskraft keineswegs fehlen ließ, so blieb und bleibt sie für die meisten Inder eben doch eine Italienerin.
Werner Adam


