Sonia sonnt sich im Erfolg

Sonia Gandhi ist der Versuchung widerstanden, in Fußstapfen ihres Mannes zu treten. Und mit dem neuen Premier steht erstmals ein Nicht-Hindu an der Spitze des Staates

Der Staatspräsident ein Muslim, der Premierminister ein Sikh: Indien bleibt seinem Ruf treu, die größte Demokratie der Welt zu sein. Treu bleibt es auch den Buchstaben seiner Verfassung, die dem Land trotz oder gerade wegen seiner hinduistischen Bevölkerungsmehrheit ein säkulares Staatswesen vorschreibt. Dass Indien gar von einer Frau italienisch-katholischer Herkunft regiert werden könnte, wie das Ergebnis der jüngsten Parlamentswahlen nahe zu legen schien, war indes selbst der eigentlichen Wahlsiegerin zuviel dessen, was dem Milliardenvolk zuzumuten sei. Sonia Gandhi, Chefin der traditionsreichen Kongresspartei, die wider Erwarten die hinduistisch-nationalistische Bharatiya Janata Party von der Regierungsmacht zu verdrängen vermochte, verzichtete in kluger Einschätzung der Lage auf das Amt der Premierministerin und trug es stattdessen dem ausgewiesenen Wirtschaftsreformer Manmohan Singh an.

Bekenntnis zur Normalität

Damit steht zum ersten Mal ein Nicht-Hindu der Zentralregierung in Delhi vor. Diesem Novum kommt zugleich zeitgeschichtliche Bedeutung zu. Vor genau zwanzig Jahren hatte die damalige Ministerpräsidentin Indira Gandhi das höchste Heiligtum der Sikhs, den Goldenen Tempel in Amritsar, militärisch stürmen lassen, weil sich dort gewalttätige Sezessionisten verschanzt hatten, die aus dem Gliedstaat Punjab einen von Indien unabhängigen Sikh-Staat namens «Khalistan» machen wollten. Die Aktion kostete Hunderte von militanten Sikhs, unschuldigen Pilgern und indischen Soldaten das Leben. In einem Racheakt wurde Indira Gandhi fünf Monate später dann von zwei Sikhs unter ihren Leibwächtern erschossen. Was folgte, war ein Massaker, das aufgebrachte Hindus an mehr als 3000 Sikhs allein in der Hauptstadt Delhi verübten. Daher kann die Berufung eines Sikhs zum Premierminister als Schlussstrich unter eine schmerzliche Periode der jüngeren Geschichte Indiens gewertet werden.

Hatte die Börse in Bombay zunächst mit einem Kurssturz auf den Wahlausgang reagiert, weil sich daraus eine zumindest indirekte Abhängigkeit der Kongresspartei von den Kommunisten ableiten ließ, so stellte sich in Wirtschaftskreisen bald darauf schon wieder Zuversicht ein. Dazu trug nicht nur die Ernennung Manmohan Singhs zum Regierungschef bei, sondern auch die Berufung des als Reformpolitiker ebenso angesehenen Palaniappan Chidanbaram zum Finanzminister. Letzterer umriss sein Hauptanliegen mit den Worten: «Wir haben mehr denn je in Rechnung zu stellen, dass ein großer Teil unseres Landes von dem bisherigen wirtschaftlichen Reformprozess ganz einfach noch nichts zu spüren bekommen hat. Es ist uns nicht gelungen, ein hinreichendes Grundschul- und Gesundheitswesen zu schaffen, für klares Trinkwasser zu sorgen und für Straßen, die in die Dörfer führen. Das alles müssen wir entscheidend verbessern.»

Ständiger Wechsel

Der neue Finanzminister lieferte damit zugleich eine der Erklärungen für die Abwahl der Regierung des Ministerpräsidenten Atal Behari Vajpayee. Dessen Reformpolitik, so der im Wahlkampf nicht ganz zu Unrecht erhobene Vorwurf, sei angesichts wirtschaftlicher Wachstumsraten um die acht Prozent zwar beeindruckend gewesen, allerdings allein dem indischen Mittelstand zugute gekommen. Vor allem die ländliche Bevölkerung hingegen habe davon so gut wie nicht profitiert. Allerdings haben die indischen Wähler in der Hoffnung, irgendwann doch so etwas wie eine übereinstimung von Wort und Tat zu erleben, mittlerweile seit Jahrzehnten schon für einen regelmäßigen Wechsel der Machtverhältnisse gesorgt. Entsprechend hoch sind nun die Erwartungen an den neuen Premier, aber auch an Sonia Gandhi, die Witwe des einstigen Ministerpräsidenten Rajiv, der wie seine Mutter Indira Gandhi einem Attentat zum Opfer gefallen war. Sonia Gandhi bleibt Parteichefin und führt fortan auch die Regierungsfraktion im Zentralparlament an, so dass sie ungeachtet ihres Verzichts auf den Posten des Ministerpräsidenten zweifellos zu einem Schwergewicht im indischen Machtgefüge geworden ist.

Werner Adam