Vorsichtiger Blick über den Zaun
„Bush hat in historisch beispielloser Weise eine friedliche Welt zu einer Hölle gemacht“, lamentierte unlängst das Regime in Pjöngjang in einer amtlichen Erklärung. Es reagierte damit auf eine Rede des amerikanischen Präsidenten, in der dieser den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-il der Tyrannei bezichtigt hatte. Zu solchen Anwürfen ist es zwar immer wieder gekommen, seit George W. Bush Nordkorea der „Achse des Bösen“ zugechnet. Die jüngsten Ausfälle der Nordkoreaner an die Adresse des amerikanischen Präsidenten lassen allerdings darauf schließen, dass mit einer Fortsetzung der Sechsergespräche über die Atompolitik Pjöngjangs, an denen neben den Vereinigten Staaten die Volksrepublik China, Russland, Japan und Südkorea beteiligt sind, bis zu den US-Wahlen nicht mehr zu rechnen ist. Seit längerem schon macht Nordkorea ohnehin kein Hehl daraus, dass es sich einen Wechsel im Weißen Haus erhofft.
Einfühlsamer Umgang gewünscht
Obwohl Washington wiederholt bekundet hat, weniger auf militärischen Druck als auf eine politische Lösung zu setzen, um Pjöngjang von nuklearer Aufrüstung abzuhalten, nehmen weder Bush noch die gewichtigsten Repräsentanten seiner Administration in der Beurteilung des nordkoreanischen Regimes ein Blatt vor den Mund. Darin aber sehen nicht nur Beijing und Moskau ein Hindernis auf dem Weg zu einer Übereinkunft mit Pjöngjang. Auch in Seoul und Tokio wünscht man sich keineswegs nur hinter vorgehaltener Hand eine etwas gemäßigtere, „einfühlsamere“ amerikanische Gangart im Umgang mit Nordkorea. Die Unberechenbarkeit des dortigen Regimes bereitet zwar selbst den Chinesen immer wieder Kopfzerbrechen. Sie stimmen jedoch mit den Südkoreanern überein, dass die Machthaber in Nordkorea um des politischen Überlebens willen mehr denn je auf ausländischen Beistand wirtschaftlicher und finanzieller Art angewiesen sind.
Das Wort „Reform“ kommt zwar nach wie vor keinem nordkoreanischen Funktionär über die Lippen. Zumindest aber ist von „ökonomischen Anpassungen“ die Rede, die mittlerweile in der Tat immer sichtbarer werden. Und das wiederum ist vor allem einer wachsenden Zusammenarbeit zwischen den beiden Koreas zuzuschreiben Im Jahr 2000 war es zum ersten Gipfeltreffen zwischen dem damaligen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung und Kim Jong-il in Pjöngjang gekommen.
Sonnenscheinpolitik erfolgreich
Was etwas voreilig als Beginn einer „Sonnenscheinpolitik“ gepriesen wurde, nahm allerdings schon bald wieder frostige Züge an, als sich Bush kurz nach seinem Einzug ins Weiße Haus gegen den Rat seines Außenministers Colin Powell für einen härteren Kurs entschied. Schiere wirtschaftliche Not im kommunistischen Einsiedlerreich führte dann zwei Jahre später allerdings dazu, dass wieder Bewegung in die Beziehungen zwischen Pjöngjang und Seoul kam. Im Juli 2002 ordnete Kim Jong-il eine teilweise Freigabe der Preise und Löhne an und bedeutete den maroden Staatsbetrieben, fortan mehr auf die Qualität ihrer Produkte als auf die Erfüllung von Planquoten zu achten und tunlichst dafür zu sorgen, Gewinne zur Finanzierung notwendiger Investitionen zu erwirtschaften. Im August 2002 wurde der Wechselkurs des Won zum Dollar etwas mehr den Realitäten angepasst. Als zudem, wenngleich zunächst im Verborgenen, die ersten „Bauernmärkte“ entstanden, waren diese und ähnliche „Anpassungen“ für südkoreanische Unternehmer Grund genug, sich ernsthaft für die Möglichkeiten einer Entfaltung ihrer Tätigkeiten im Norden zu interessieren. Mit Hochdruck wird an der Wiederherstellung von Straßen- und Eisenbahnverbindungen gearbeitet, und in der grenznahen nordkoreanischen Stadt Kaesong entsteht ein von südkoreanischen Firmen zu besiedelnder Industriepark. Der Hauptanreiz für Investoren liegt darin, dass die Lohnkosten in Nordkorea gerade einmal 13 % der südkoreanischen ausmachen.
Vor allem in Pjöngjang ist der „Wandels durch Annäherung“ unübersehbar. Da gibt es den Tongil-Markt, auf dem sich individueller Unternehmergeist unversteckt entfalten darf; da wird an den Hauptstraßen großflächig für ein Auto namens „Huiparam“ geworben, das aus Fiat-Komponenten in der Hafenstadt Nampo zusammengebaut wird; und da gibt es die thailändische Telekommunikationsfirma Loxley Pacific, die im Auftrag der nordkoreanischen Regierung gar ein Netzwerk für Mobiltelefone einrichtet. Allen voran aber sind es südkoreanische Firmen, die sich von der etwas flexibleren Handhabung des Eisernen Vorhangs durch Nordkorea so manches versprechen. Das alles nimmt sich, verglichen mit der Zeit und dem persönlichen Augenschein gegen Ende der neunziger Jahre, beinahe schon revolutionär aus.
Werner Adam


