Politischer Senkrechtstarter
Dass Susilo Bambang Yudhoyono das erste direkt gewählte Staatsoberhaupt Indonesiens werden könnte, war spätestens nach dem ersten Wahlgang keine Überraschung mehr. Erstaunlich war vor allem, wie klar der Ex-General bei der Stichwahl siegte. Er setzte sich in nicht weniger als 30 der 32 Provinzen Indonesiens gegen Präsidentin Megawati Sukarnoputri durch.
Noch im Dezember letzten Jahres hatten sich in Meinungsumfragen gerade einmal 5% der wahlberechtigten Indonesier „SBY“, wie Susilo Bambang Yudhoyono allgemein genannt wird, als Präsidenten vorstellen können. Zwar hatte er es als Minister für Sicherheit unter Megawati schon zu gewisser Bekanntheit gebracht, wirklich populär wurde er jedoch erst, als er im März dieses Jahres aus Protest gegen das anmaßende Verhalten von Taufik Kiemas, dem zur Selbstherrlichkeit neigenden Gatten der Präsidentin, zurückgetreten war.
Aus einfachen Verhältnissen
Erst jetzt begann man sich auch über Indonesien hinaus für „SBY“ und seinen Lebenslauf näher zu interessieren. Im Gegensatz zu Megawati, die als Tochter des indonesischen Staatsgründers Sukarno wohlbehütet im Präsidentenpalast aufgewachsen war, verbrachte der Sohn eines Armeeleutnants seine Kindheit in dem Provinzstädtchen Pacitan in Ostjava.
Der Ex-General präsentierte sich als Politiker mit Charme und Charisma, der jedermann Gehör schenkt. Er zog die Vertreter unterschiedlichster religiöser und gesellschaftlicher Vorstellungen zu Rate, ließ sich von Fachleuten über die Rolle des Staates in der Wirtschaft aufklären und sah bei aller Betonung seiner Entschlossenheit, den Terrorismus zu bekämpfen, stets davon ab, etwa die Jemaah Islamiah beim Namen zu nennen, obwohl diese als treibende Kraft hinter blutigen Anschlägen wie jenen in Bali gilt.
Die parlamentarische Basis des neuen Staatsoberhauptes ist bescheiden. Seine Demokratische Partei stellt gerade einmal 57 der 550 Abgeordneten. Allerdings setzt sich das Unterhaus mehr aus Interessengruppen und Einzelgängern denn aus disziplinierten Parteiloyalisten zusammen. Zwar ist die Golkar-Partei, das einstige parlamentarische Aushängeschild von Diktator Suharto, derzeit geschwächt, dennoch dürfte es den neuen Präsidenten, der einem Kabinett von 34 Ministern vorsitzt, Zeit und Mühe kosten, Mehrheiten zu finden.
Die Erwartungen der Wähler an Yudhoyono sind hauptsächlich wirtschaftlicher und sozialer Natur. Führende Vertreter der indonesischen Wirtschaft haben bereits in einer 600 Seiten starken „Roadmap“ skizziert, wie mehr Schwung in Investitionen und Wettbewerb zu bringen sei. Indonesien muss allein aufgrund des Bevölkerungswachstums Wachstumsraten von jährlich 6% bis 7% erzielen, um einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern.
An Statur gewonnen
Schon jetzt freilich hat das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt politisch an Statur gewonnen. Australiens Premier John Howard war einer der ersten Gratulanten zum Wahlsieg. Der enge Verbündete von US-Präsident George W. Bush will Indonesien nicht nur für eine engere Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus gewinnen; ihm schwebt gar ein bilaterales Verteidigungsabkommen vor. Allerdings dürfte dafür selbst Ex-General Yudhoyono nicht zu gewinnen sein. Indonesiens Gegenvorschlag: Australien möge sich dem Vertrag der ASEAN-Staaten über Freundschaft und Zusammenarbeit anschließen und damit dem Beispiel Chinas, Japans und Indiens folgen. In der Terrorbekämpfung arbeiten Canberra und Jakarta schon seit längerem zusammen. Diese Kooperation wurde nach den Bombenanschlägen auf Bali im Oktober 2002 vertieft und erstreckt sich inzwischen auch auf die Unterbindung des Menschenschmuggels von Indonesien nach Australien.
Werner Adam


