Wettbewerb des Mitgefühls

Die verheerende Flutwelle kann auch der Ausgangspunkt einer neuen asiatischen Zusammengehörigkeit sein.

Auf besonders ungewöhnliche Weise nahm Chinas Außenminister Li Zhaoxing Anteil an den Opfern der Flutkatastrophe: Er verfasste ein Gedicht, in dem es unter anderem heißt, die Volksrepublik stehe „Hand in Hand, Schulter an Schulter mit Eurer Familie und Eurem Land“. Denn: „Wir sind eins!“ Der nicht mehr amtierende US-Außenminister Colin Powell hatte sich zuvor zielbewusst und doch gefühlsbetont geäußert. Die Überwindung der Folgen des Desasters biete der Welt, „vor allem der muslimischen“, die Möglichkeit, „amerikanische Großzügigkeit und amerikanische Werte am Werk zu sehen“.

So manche Geberländer ließen keinen Zweifel daran, dass dem Engagement auch „eigennützige“ Motive zugrunde liegen. Japan und Deutschland darf unterstellt werden, dass beide Länder mit ihren beträchtlichen finanziellen Zusagen ihr Begehren nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat unterstreichen wollten. Der für die Fluthilfe zuständige UN-Koordinator Jan Egeland spricht in diesem Zusammenhang von einer „Konkurrenz des Mitgefühls“. Noch ist es ein Wettbewerb, wie man sich ihn nur wünschen kann. Die Gelder jedoch sinnvoll einzusetzen, wird den Koordinatoren viel Einfühlungsvermögen abverlangen.

Was bei aller Skepsis zuversichtlich stimmt: Fast alle Länder der heimgesuchten Region haben in den letzten Jahren bemerkenswerte reformerische und wirtschaftliche Fortschritte gemacht. Es war wohl kaum ein Ausdruck bloßer nationaler Eitelkeit, dass Indien ausdrücklich wissen ließ, es brauche keine Fremdhilfe. Und ob Thailand oder Indonesien es nicht als Ansehensverlust im internationalen Wirtschaftsgefüge empfinden, wenn ihnen nun ein Schuldenmoratorium und gar ein Schuldenerlass gewährt werden sollte, sei dahingestellt. Problemlos ist die geballte Präsenz großer und obendrein militärisch flankierter Hilfsorganisationen in dem Krisenbogen von Sri Lanka bis Nordsumatra jedenfalls nicht.

Die ganze Welt schaut zu

Kaum eine Naturkatastrophe hat bislang soviel Aufmerksamkeit gefunden wie die jüngste „Sintflut“ inAsien. Rein statistisch betrachtet hat sich jedoch, an der Zahl der Toten gemessen, auch am Indischen Ozean schon Schlimmeres zugetragen. In Bangladesh zum Beispiel kamen 1999 bei einer Sturmflut 140.000 Menschen ums Leben. 1970, als es noch Ostpakistan hieß, waren nach einem Zyklon im Golf von Bengalen nicht weniger als 250.000 Opfer zu beklagen. Doch weil damals die internationale Kommunikation im Vergleich zur heutigen geradezu steinzeitlich war, nahm die Außenwelt nur geringe Notiz. Das änderte sich erst, als sich die politischen Folgen einstellten. Das seit seiner Ausrufung zur Islamischen Republik geographisch ohnehin widernatürlich wirkende Pakistan mit 2.000 Kilometern indischen Territoriums zwischen seinem östlichen und seinem westlichen Landesteil, erhielt durch die Sturmflut von 1970 den „Todesstoß“. Die Ostpakistaner wähnten sich von den Westpakistanern bei der Fluthilfe im Stich gelassen und nutzen die folgenden Parlamentswahlen, um sich von Westpakistan loszusagen. Die Umwandlung Ostpakistans in ein unabhängiges Bangladesh vollzog sich dann in einem Bürgerkrieg, dessen Opfer die der Naturkatastrophe an Zahl noch übertraf.

Die Politik ist gefordert

Auch was der Tsunami vom zweiten Weihnachtsfeiertag angerichtet hat, dürfte politisch kaum folgenlos bleiben. Die unberechenbare Natur wollte es, dass die Flutwelle ausgerechnet zwei Schauplätze von Bürgerkriegen am schwersten traf: Sri Lanka, wo die tamilische Minderheit der singhalesischen Mehrheit ein eigenes Staatswesen abtrotzen will, und Indonesien, wo eine Separatistenbewegung in der Provinz Aceh an der Nordspitze Sumatras ähnliche Ziele verfolgt.

Immerhin lehrt die Geschichte auch, dass Krisensituationen den Zusammenhalt zu fördern vermögen. Ausgangspunkt hierfür könnte die Vereinigung Südostasiatischer Staaten (ASEAN) sein. Lange Zeit als reiner Debattierzirkel kritisiert ist ASEAN inzwischen zu einem Stabilitätsfaktor geworden und wäre inzwischen sehr wohl geeignet, zum Ausgangspunkt eines Gemeinschaftswerks zugunsten der Tsunami-Geschädigten zu werden. An Aufgaben fehlt es nicht. Eine ebenso konkrete wie vordringliche wäre es, dem Beispiel der Länder um den Pazifik zu folgen und auch jene um den Indischen Ozean endlich mit einem Frühwarnsystem auszustatten. Fachleute nennen Kosten von gerade einmal zehn Millionen US-Dollar. „Peanuts“, ist man versucht zu sagen beim Blick auf das beeindruckende internationale Spendenaufkommen für eine Region, die obendrein mit einem beträchtlichen Potenzial an Eigendynamik aufzuwarten vermag.

Werner Adam