Der lange Schatten von Pearl Harbour
Während zweitausend Jahren war Japan nie besiegt worden. „Kapitulation“ suchte man in den Wörterbüchern vergebens. Selbst als Kaiser Hirohito seinen Untertanen am 15. August 1945 die totale Niederlage seines Reiches eingestehen musste und damit der Zweite Weltkrieg auch im pazifischen Raum sein Ende fand, kam ihm das besagte Wort nicht über die Lippen. Gleichwohl war an diesem Augusttag vor 60 Jahren genau das geschehen, was die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz von den Japanern kategorisch, zunächst aber erfolglos, verlangt hatten: die totale Kapitulation.
Offiziell besiegelt wurde sie schließlich am 2. September auf dem amerikanischen Kriegsschiff USS Missouri in der Bucht von Tokio. Dort empfing General Douglas MacArthur eisern schweigende Abgesandte des Kaisers zur Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde und damit zur Vollziehung eines Schritts, an den militaristische Kreise den Tenno sogar dann noch zu hindern versuchten, nachdem am 6. August 1945 zunächst Hiroshima und drei Tage später Nagasaki von amerikanischen Atomschlägen in Schutt und Asche gelegt worden waren. Noch am 13. August stürmte Admiral Onishi in eine Kabinettssitzung und sagte allen Ernstes: „Wenn wir willens sind, 20 Millionen japanische Leben in einer Kamikaze-Aktion zu opfern, wird der Sieg unser sein.“ Dem freilich hielt Ministerpräsident Suzuki nicht minder ernst entgegen, wie in dem Buch Downfall: The End of the Imperial Japanese Empire von Richard B. Frank nachzulesen: „Die Atombomben und der Eintritt der Sowjets in den Krieg sind in gewisser Hinsicht ein Geschenk der Götter.“
Der „Größere Asiatische Krieg“
Wie auch immer: Es war das apokalyptische atomare Novum, das damals mehr als alles Vorausgegangene deutlich werden ließ, wie wenig die pazifischen Dimensionen des Zweiten Weltkriegs von den Menschen und Völkern, die seine europäischen und eurasischen Auswüchse erleben und erleiden mussten, bis dahin wahrgenommen worden waren. Dabei hatte der Pazifische Krieg, von den Japanern der „Größere Asiatische Krieg“ und von den Chinesen der „Krieg des Widerstands gegen die japanische Aggression“ genannt, gleichsam als Vorläufer des Zweiten Weltkriegs bereits im Sommer 1937 begonnen. Als eine japanische Schützenkompanie am 7. Juli jenes Jahres auf der Suche nach einem vermissten Soldaten vergebens Einlass in die verbotene Pekinger Vorstadt Wanping begehrte, entwickelte sich aus diesem Vorfall eine militärische Eskalation, die Mitte August zur Invasion Chinas durch japanische Streitkräfte führte.
Der japanische Expansionsdrang hatte freilich schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingesetzt, als sich die beiden Länder im Kampf um die Kontrolle der Koreanischen Halbinsel in die Haare gerieten. China erlitt damals eine herbe Niederlage und musste sowohl Taiwan (Formosa) als auch die Pescadores-Inseln an Japan abtreten. Dadurch beflügelt, legte sich Japan im Streit um die Mandschurei sodann auch noch militärisch mit Russland an und gewann 1905 zur allgemeinen Überraschung selbst den zweiten Krieg seiner Neuzeit. Fünf Jahre später wurde Korea von Japan vollends annektiert und in Chosen umbenannt.
Japanische Eroberungssucht
Weiteren Auftrieb erhielt die japanische Eroberungssucht durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Europa. Es schloss mit Deutschland und Italien einen so genannten „Dreimächtepakt“ und sicherte sich damit unter anderem die Zustimmung zur militärischen Besetzung der französischen Kolonien in Indochina. Als Japan obendrein im niederländisch kolonisierten Indonesien Fuß zu fassen suchte, reagierten die zunehmend nervös gewordenen Amerikaner mit der Verhängung eines Ölembargos. Darauf aber schien der im Oktober 1941 in Tokio zum Premier- und Kriegsminister avancierte General Tojo Hideki, ein erbitterter Gegner amerikanischer Einflüsse in Ostasien, nachgerade gewartet zu haben: Am 7. Dezember griff die japanische Luftwaffe völlig unerwartet den Marinestützpunkt der amerikanischen Pazifikflotte in Pearl Harbor auf Hawaii an. Für die Vereinigten Staaten bedeutete das den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Sie erklärten, wie alle anderen Alliierten mit Ausnahme der damaligen Sowjetunion auch, Japan zum Feind.
Das tat dem von Tokio ausgehenden Expansionsstreben jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil. Mit dem Kampfruf „Asien den Asiaten“, der bei nationalistischen Kräften in den Ländern der Region unter westlicher Kolonialherrschaft durchaus Anklang fand, setzte Japan seinen Eroberungsfeldzug in geradezu atemberaubendem Tempo fort. Noch vor Ablauf des Jahres 1941 marschierten seine Truppen in Thailand ein und zwangen die dortige Regierung zur Unterzeichnung eines Bündnisvertrags. Es folgte die Besetzung Britisch-Burmas, Britisch-Malaysias, Borneos, Hongkongs und Niederländisch-Ostindiens. Im Mai 1942 waren die Philippinen an der Reihe; wenig später landeten japanische Streitkräfte in Neuguinea und auf den Salomonen. Der Krieg war nunmehr zu einem Kampf um nicht weniger als um die Vorherrschaft im gesamten Pazifischen Ozean geworden. Der japanische Siegeszug schien ungeachtet steigender eigener Verluste kein Ende zu nehmen.
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