Verlustreiches Inselspringen

Doch die Kriegswende zu Ungunsten der Japaner setzte noch im selben und damit in jenem Jahr ein, da sie sich für die Deutschen in der verheerenden Schlacht in Stalingrad vollzog. Auf erste empfindliche Verluste der japanischen Flotte folgten von den Alliierten aufeinander abgestimmte Operationen zu Lande, zu Wasser und in der Luft unter dem Oberbefehl von General MacArthur, die dazu führten, dass den Japanern in Richtung Südpazifik eine Insel nach der anderen abgerungen wurde – das so genannte „Inselspringen“.

Ihr „Stalingrad“ erlebten die Machthaber in Tokio schließlich im Juli 1944 durch den Fall von Saipan, einer wichtigen Basis auf den Marianen, von der aus die Amerikaner fortan schwere Luftangriffe gegen Japan flogen. Das letzte Jahr der pazifischen Variante des Zweiten Weltkriegs wurde mit der Eroberung des japanischen Luftwaffenstützpunktes Iwo Jima eingeleitet, und kurz darauf ging unter besonders verlustreichen Kämpfen den Japanern auch Okinawa verloren. Parallel zu den Erfolgen des Generals MacArthur in Ostasien fügte der britische Admiral Louis Mountbatten mit seinen alliierten Streitkräften den Japanern in Südostasien eine Niederlage nach der anderen zu.

Die Russen in Korea

Dennoch sollte es nach dem Kriegsende in Europa am 8. Mai 1945 noch mehr als weitere drei Monate dauern, bis auch inAsien die Waffen schwiegen. Inzwischen hatte sich den japanischen Kriegsgegnern nämlich noch einer hinzugesellt, der damit gleichsam späte Rache für seine Niederlage gegen Japan vier Jahrzehnte zuvor nahm: Zwei Tage nach der amerikanischen Atombombe auf Hiroshima erklärte Stalin dem Kaiser in Tokyo den Krieg. Und selbst als Hirohito die japanische Niederlage bereits eingestanden hatte, setzten die Sowjettruppen ihren Marsch in die Mandschurei fort und waren auf amerikanisches Drängen hin erst zu stoppen, als sie Ende August auf der Koreanischen Halbinsel bis zu jenem 38. Breitengrad vorgedrungen waren, der fortan die Spaltung Koreas markieren sollte. Schlimmer noch: Auf den Zweiten Weltkrieg folgte nur fünf Jahre später der Koreakrieg, der dann vornehmlich zwischen den Amerikanern auf der einen und den inzwischen kommunistisch regierten, von den Sowjets unterstützten Chinesen auf der anderen Seite ausgetragen wurde und 1953 die Teilung der Halbinsel in einen bis heute stalinistischen Norden und einen westlich-kapitalistisch ausgerichteten Süden zementierte.

Zwar weisen die Folgen des Zweiten Weltkriegs in Europa und Asien längst auch positive Gemeinsamkeiten in Form nicht nur wirtschaftlicher Zusammenarbeit aus. So sind gerade aus den einstigen Hauptgegnern strategische Verbündete geworden, wie sich ungeachtet gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten besonders an den Beziehungen zwischen Amerika auf der einen und Deutschland sowie Japan auf der anderen zeigt. Doch so sehr sich Japan in die ihm 1947 von den Amerikanern vorgeschriebene Verfassung mit ihrem Kriegsverzicht „für immer“ fügte und auch von seinem Recht auf Selbstverteidigung, wie im Friedensvertrag von 1951 zugestanden, hinsichtlich einer Wiederbewaffnung bislang eher behutsam Gebrauch machte, tut man sich mit dem, was in Deutschland Vergangenheitsbewältigung heißt, dort weiterhin nicht eben leicht.

Tiefe Abneigung

Obwohl die ungeahnte Wirtschaftskraft, die Japan nach unsäglich schweren Anfängen im Laufe der Nachkriegsjahre zu erreichen vermochte, es auch in seiner engeren asiatischen Nachbarschaft zu einem durchaus begehrten Partner machte, will sich regionale Vertrauensbildung nach europäischem Vorbild bisher nicht so recht einstellen. Das trifft auf das Verhalten Chinas gegenüber Japan ebenso zu wie, wenn nicht noch stärker, auf das der Koreaner. Wenn den Norden der Halbinsel mit dem Süden überhaupt etwas vereint, dann ist es die nach wie vor von tiefer Abneigung geprägte Erinnerung an die japanische Kolonialherrschaft, die dort freilich auch ungleich länger dauerte als sonstwo in Ost- und Südostasien.

Der Umgang mit der eigenen Geschichte zeichnete sich zwar auch andernorts nur selten durch objektive Sichtweise aus. Der Mangel daran wird, wie jüngst erst wieder chinesische und koreanische Reaktionen auf ein japanisches Schulbuch verdeutlichten, jedoch keinem anderen Land so zum Vorwurf gemacht wie jenem, das einst für ein „Asien den Asiaten“ zu kämpfen vorgab und 60 Jahre danach wie kein anderes asiatisches für Globalisierung im weitesten Sinne des Wortes steht.

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Werner Adam