Vietnam
Sekt für WTO-Beitritt schon kalt gestellt
Pünktlich zum 30. Jahrestag des Kriegsendes steht die Regierung vor ihrem größten handelspolitischen Erfolg
Vietnam blickt nicht länger zurück. Das jedenfalls hat seine kommunistische Führung gleichsam als Parole zum 30. Jahrestag des Kriegsendes in Südostasien ausgegeben und damit nachdrücklich den Wunsch nach einer weiteren Normalisierung der Beziehungen vor allem zu den Vereinigten Staaten als dem einstigen Hauptgegner verbunden. Als wolle er den vorwärtsgerichteten Worten zu den Jubiläumsfeierlichkeiten umgehend Taten folgen lassen, kündigte inisterpräsident Phan Van Khai eine Reise nach Amerika an - die erste eines vietnamesischen Regierungschefs seit dem besagten Ende des Krieges vor drei Jahrzehnten. Mit Blick auf den großen und nach wie vor als unbehaglich empfundenen chinesischen Nachbarn hielt es Phan Van Khai allerdings für geraten, sogleich zu beteuern, dass Vietnam bei allem Willen zur Aussöhnung mit den USA keineswegs die Absicht habe, sich von Washington für die Schaffung eines strategischen Gegengewichts zur VR China einspannen zu lassen. Die Erinnerung wirkt eben doch immer noch nach: Dem Ende des Vietnamkriegs am 30. April 1975 war schließlich nur vier Jahre später ein, wenn auch vergleichsweise kurzer, Waffengang zwischen Vietnam und China gefolgt.
Vietnamkrieg scheinbar ohne politische Folgen
Dagegen scheinen in den Beziehungen zwischen Hanoi und Washington der Krieg und seine Folgen kaum noch eine Rolle zu spielen, obwohl ihm etwa drei Millionen Vietnamesen und 58.000 GIs zum Opfer gefallen waren. Heutzutage drehen sich die Probleme der ehemaligen Kriegsgegner mehr um Marktzugänge und Zollfragen als um ragen nach den damaligen Auswüchsen militärischer Machtentfaltung und vermissten Soldaten. Und damit geht ein weiteres Jubiläum einher. Vor zehn Jahren nahmen die USA und Vietnam wieder diplomatische Beziehungen auf. Nachdem dann im Jahre 2000 Bill Clinton als erster amerikanischer Präsident seit Richard Nixon 1969 Vietnam einen offiziellen Besuch abgestattet hatte, schlossen beide Länder wenig später ein Wirtschafts- und Handelsabkommen, das schon bald alle Erwartungen übertreffen sollte. So erreichte der bilaterale Warenaustausch im vergangenen Jahr einen Wert von fast 6,5 Mrd. US-Dollar. Damit sind für Vietnam die Vereinigten Staaten inzwischen zum größten Exportmarkt geworden. Zu schätzen weiß man in Hanoi auch die in Amerika lebenden rund 1 Million Vietnamesen, deren Geldüberweisungen in die alte Heimat sich 2004 auf schätzungsweise 3,8 Mrd. US-Dollar beliefen. Mittlerweile konnte nach 29 Jahren im Exil sogar der ehemalige südvietnamesische Ministerpräsident Nguyen Cao Ky heimkehren. Und in Ho Chi Minh City, dem vormaligen Saigon, gestattete das kommunistische Regime die Eröffnung einer so genannten Amerikanisch-Pazifischen Universität zur Vorbereitung junger Vietnamesen auf ein vertiefendes Studium in den USA. Die Aufnahme regelmäßiger Flüge von United Airlines zwischen den Vereinigten Staaten und Vietnam im Dezember letzten Jahres hat sich ebenfalls so vorteilhaft für den Ausbau der bilateralen Verbindungen ausgewirkt, dass die staatliche Vietnam Airlines diesem Beispiel nun folgen will.
Keine Nachsicht für politische Querdenker
"Unsere Beziehungen werden von Monat zu Monat breiter und tiefer", bilanzierte der amerikanische Botschafter Michael Marine in einem Pressegespräch in Hanoi. Zugleich machte er allerdings keinen Hehl aus seiner Enttäuschung darüber, dass die vietnamesischen Machthaber gegenüber Andersdenkenden weiterhin keinerlei Nachsicht zeigten und weder von Meinungs- noch von Versammlungsfreiheit die Rede sein könne. Dagegen hatte sich die Einsicht in die Notwendigkeit wirtschaftlicher Reformen nach anfänglicher Übertragung der Zwangskollektivierung vom kommunistischen Nordvietnam auf das den Amerikanern abgerungene Südvietnam ziemlich bald eingestellt. Zwar mochte man sich nicht von vornherein China zum Vorbild nehmen, doch als Mitte der 80er Jahre in der Sowjetunion ein Michail Gorbatschow zur Perestroika blies, fand dieser Appell zum Umbau des bis dahin strikt lanwirtschaftlichen Systems bei den ehemaligen Verbündeten in Vietnam sein entsprechendes Echo in dem Aufruf zum "doi moi". Zieht man das durch den Krieg und den Verlust finanzieller Unterstützung von Seiten des ehemaligen Sowjetblocks bedingte niedrige Ausgangsniveau der Reformbemühungen in Betracht, so hat das mit 82 Millionen Einwohnern recht dicht bevölkerte Vietnam mit jährlichen Wachstumsraten von durchschnittlich 7% Beachtliches vollbracht. Es begann mit der Lockerung planwirtschaftlicher Restriktionen im Agrarbereich, setzte sich mit dem Werben um ausländische Investitionen fort und zeichnete sich in den vergangenen vier Jahren dann besonders durch eine stete Ausdehnung des privaten Wirtschafts- und Dienstleistungssektors aus.
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