Vietnam
WTO-Beitritt nationales Ziel
Die Finanzkrise Asiens gegen Ende der 90er Jahre schien den Reformgegnern zwar vorübergehend wieder Auftrieb zu geben, doch als sich kurz darauf das Wachstumstempo wieder einzustellen begann, ging damit ein neuerliches Bekenntnis der Machthaber in Hanoi zur wirtschaftlichen Liberalisierung und internationalen Integration einher. Als förderlich erwies sich sowohl das bereits erwähnte Handelsabkommen mit den USA als auch der Beitritt Vietnams zum Freihandelsgebiet (AFTA) der Vereinigung Südostasiatischer Staaten (ASEAN). Selbst das zum nationalen Hauptanliegen erklärte Ziel einer Aufnahme in die Welthandelsorganisation erscheint nahezu erreicht: Vietnam kann darauf bauen, noch in diesem Jahr Mitglied der WTO zu werden. Das bedeutet freilich, ähnlich wie im benachbarten China, eine beträchtliche Herausforderung für die zumeist ineffizient arbeitenden Staatsbetriebe. Rund 100 dieser Konglomerate von der Erdölindustrie über den Textilsektor bis zur Telekommunikation sind von der Regierung daher aufgefordert worden, mit den veralteten Managementsystemen aufzuräumen und Pläne zur grundlegenden Umstrukturierung der einzelnen Betriebe vorzulegen. Obwohl die Zahl der zu 100% staatseigenen Unternehmen seit 1998 von 5.861 auf gegenwärtig 3.802 zurückgegangen ist, tragen die verbliebenen immer noch mehr als die Hälfte zum Staatshaushalt bei, sind aber zugleich insgesamt mit umgerechnet 13 Mrd. US-Dollar verschuldet. Die von der Regierung verlangten Modernisierungsmaßnahmen haben überdies nicht von ungefähr zu Machtkämpfen innerhalb der Konglomerate und zwischen ihnen geführt - mit dem Resultat, dass es zu einer Reihe spektakulärer Verhaftungen, Entlassungen und Untersuchungen gekommen ist. Für die Kommunistische Partei ist das eine zweischneidige Angelegenheit, weil es sich zum einen bei nicht wenigen der in Misskredit geratenen Manager um politische Ernennungen handelt und die Partei zum anderen auf den Erhalt solcher Staatsbetriebe bedacht bleiben muss, da sie einen wichtigen Schlüssel zur Sicherung der eigenen Macht darstellen. Dennoch sind die Erfolge der bisherigen Reformen offenkundig und spiegeln sich vor allem in der Geschäftigkeit der ehemaligen Kapitale Südvietnams im Besonderen und dem Mekong-Delta im Allgemeinen wider, wo das warme Klima drei Reisernten im Jahr erlaubt. Der klimatisch rauere Norden des Landes, der zudem schon seit 1954 unter kommunistischer Herrschaft steht und im Gegensatz zu Südvietnam nicht über Erfahrungen mit kapitalistischer Marktwirtschaft verfügt, tut sich da immer noch schwerer, obwohl auch die Hauptstadt Hanoi inzwischen einen bemerkenswerten Modernisierungsschub erfahren hat.
Nord-Süd-Gefälle
Noch ist es jedoch in erster Linie das ehemalige Saigon, wo die Reformbemühungen ihren sichtbarsten Ausdruck gefunden haben. Der Anteil von Ho Chi Minh City am nationalen Wirtschaftsaufkommen beträgt rund 17%, an den ausländischen Investitionen nicht weniger als 30% und am Gesamtexport sogar 40% - und das bei einem Bevölkerungsanteil von gerade einmal 9%. Die regionale Komplexität Vietnams mit seinen 59 Provinzen ist jedoch nicht allein an dem Nord-Süd-Schema auszumachen. Es gibt auch in Südvietnam ausgesprochen arme Landstriche, wie es in Nordvietnam vergleichsweise wohlhabende gibt. Die Kluft zwischen Stadt und Land nimmt zwar generell zu, ist aber im Großen und Ganzen geringer als im benachbarten China. Bei aller Entschlossenheit, an der kommunistischen Vormacht festzuhalten, sind Partei und Regierung freilich weitsichtig genug, bei der Besetzung hoher und höchster Ämter so etwas wie eine regionale Balance zu wahren. So ist KP-Chef Nong Duc Manh in Nordvietnam zu Hause, Staatspräsident Tran Duc Luong in Zentralvietnam und Regierungschef Phan Van Khai in Südvietnam, das nicht zuletzt dank seiner nichtkommunistischen Vergangenheit 30 Jahre nach Kriegsende zum eigentlichen Reformmotor des ganzen Landes geworden ist.
Werner Adam
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