Vom Tsunami befriedet?

Seit vielen Jahrzehnten wütet der Bürgerkrieg in Aceh. Nach dem Seebeben im letzten Dezember setzten sich die Parteien erneut an den Verhandlungstisch. Der Friede scheint greifbar nah

Wird es diesmal mehr als eine flüchtige Erscheinung sein? Was sich auf den ersten Blick geradezu wundersam ausnimmt, mag tatsächlich Bestand haben, weil im wahrsten Sinne des Wortes höhere Mächte beteiligt gewesen sind. Genauer ausgedrückt: In Indonesien hat die Zerstörungskraft einer unbändigen Natur nicht unwesentlich dazu beigetragen, das Fundament für einen Friedensvertrag zu legen, der das Ende eines fast dreißigjährigen Bürgerkrieges bedeuten könnte. Das einstige Sultanat Aceh, im Nordwesten der Insel Sumatra gelegen, will sich nun doch mit einem autonomen Status begnügen und nicht länger gewaltsam nach staatlicher Unabhängigkeit von Indonesien streben. Das jedenfalls hat die Bewegung für ein Freies Aceh (GAM) mit der Zentralmacht in Jakarta unter Präsident Susilo Bambang Yudhoyono vereinbart, der im Gegenzug während der nächsten sechs Monate zunächst einmal zwei Drittel der etwa 50.000 in Aceh stationierten Soldaten abziehen will. Ausgehandelt wurde das Friedensabkommen nicht irgendwo in Südostasien, sondern in Helsinki, wo sich der ehemalige finnische Staatspräsident Martti Ahtisaari nicht zum ersten Mal in seiner langen politischen Laufbahn als ein international erfahrener Vermittler erwies. Zudem hatte die Führung der Rebellenbewegung nur eine kurze Anreise in Kauf zu nehmen, denn die von ihr gebildete „Exilregierung“ unter GAM-Chef Hasan de Tiro residiert im benachbarten Schweden und zog von dort aus bisher die Fäden.

Der Bürgerkrieg forderte 12.000 Leben

Dem Bürgerkrieg in Aceh, das größtenteils aus bewaldetem Hochland besteht, um die drei Millionen Einwohner zählt und in der Küstenregion über bedeutsame Erdöl- und Erdgasreserven verfügt, fielen in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten etwa 12.000 Menschen zum Opfer. Ins engere Blickfeld der Außenwelt geriet Aceh jedoch erst vor zehn Monaten, als der Tsunami allein in eben dieser Provinz mindestens 175.000 Menschenleben forderte. Der damals prompt einsetzende internationale Beistand zur Linderung der Not ließ der Regierung in Jakarta kaum eine andere Wahl, als das bis dahin zum militärischen Sperrgebiet zählende Aceh für die Hilfsorganisationen und die Medien zu öffnen. Das Kriegsrecht wurde auf Druck der Geberländer aufgehoben. Nur vier Wochen nach dem Tsunami begannen Ende Januar die Gespräche in Helsinki. Skepsis war und bleibt angesichts früherer Erfahrungen zunächst freilich angebracht. Aceh, das dank muslimischer Händler aus Arabien und Indien schon im 13. Jahrhundert gleichsam zu einer der ersten islamischen Bastionen auf dem indonesischen Archipel geworden war, gedieh Anfang des 16. Jahrhunderts zu einem selbstständigen Sultanat, geriet dann jedoch in den Sog des Streits der Portugiesen, Briten und Niederländer um die Kolonialherrschaft in der Region. Als es 1824 schließlich zu einem Protektorat der Niederländer wurde, bekamen diese es allerdings mit einem Gegner zu tun, dessen Widerstand einfach nicht zu brechen war. Wieder und wieder kam es zu bewaffneten Aufständen, die sich praktisch bis zur Gründung der Republik Indonesien nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzten. Die Acehnesen fanden in dem gesamten Inselstaat ein solches Maß an Anerkennung für ihren Einsatz im Unabhängigkeitskampf gegen die Holländer, dass ihrer Provinz von Sukarno, dem ersten Präsidenten der Republik, zum Dank begrenzte Autonomie zugestanden wurde.

Autonomie war nicht genug

Das aber war den ungemein selbstbewussten und tief im Islam verwurzelten Acehnesen nicht genug. Sie wollten nicht mehr und nicht weniger als einen unabhängigen muslimischen Staat. Der Kampf darum schlug Mitte der 70er Jahre mit dem Entstehen der Rebellenbewegung GAM in bewaffnete Aufstände nach dem Vorbild des einstigen Aufbegehrens gegen die niederländischen Kolonialherren um und führte im Gegenzug zu einem wachsenden Einsatz der indonesischen Streitkräfte gegen die Sezessionisten. Erst nach dem Sturz des Militärdiktators Suharto schien sich unter dem demokratisch gewählten Präsidenten Abdurrahman Wahid im Jahr 2000 ein Ende des Bürgerkrieges auf dem Verhandlungsweg anzubahnen. Abermals wurde der Provinz Aceh ein nicht unbeträchtliches Maß an Selbstverwaltung in Aussicht gestellt, was schließlich zwei Jahre später – Wahid war mittlerweile entmachtet und durch Megawati Sukarnoputri, die Tochter des Staatsgründers Sukarno, ersetzt worden – die Unterzeichnung eines „Rahmenabkommens zur Einstellung der Feindseligkeiten“ mit der GAM in Genf bewirkte. Es sah vor: Ende aller Kampfhandlungen, Vorbereitung von Provinzwahlen, Anerkennung der territorialen Integrität Indonesiens durch die Rebellenorganisation und die Entwaffnung ihrer Anhänger. Das war im Dezember 2002. Im Mai 2003 aber war aus dem Vertrag schon wieder Makulatur geworden: In Tokyo geführte Verhandlungen über die Umsetzung des Abkommens scheiterten, Aceh wurde aufs Neue unter Kriegsrecht gestellt, Sukarnoputri ordnete eine breit angelegte Militäroperation mit der Entsendung von mehr als 30.000 Soldaten an. Ungeachtet internationaler Kritik gingen die Militärs, von denen immer noch viele den vorausgegangenen Rückzug Indonesiens aus Osttimor als eine nationale Demütigung empfanden, mit einer Härte sondergleichen gegen die Aufständischen vor und halbierten deren Zahl nach eigenen Angaben auf etwa 3.000 bewaffnete Kämpfer. Als dann der ehemalige, politisch gemäßigte General Susilo Bambang Yudhoyono im vorigen Jahr in der Nachfolge Sukarnoputris zum ersten direkt vom Volk gewählten Präsidenten avancierte, sagte er zu, sich mehr denn je um eine Verhandlungslösung in Aceh bemühen zu wollen. Trotzdem gingen die Kämpfe zwischen Regierungstrup pen und GAM-Milizen zunächst weiter, bis der Tsunami am 26. Dezember 2004 den Kriegsschauplatz in eine apokalyptische Wüste des Grauens verwandelte und von der Provinzhauptstadt Banda Aceh mit vormals 250.000 Einwohnern so gut wie nichts mehr blieb. Vor dem Hintergrund einer solchen Verheerung durch Naturgewalten nahm sich der Konflikt von Menschenhand plötzlich wie ein unsäglicher Anachronismus aus. Nur einen Monat später wurden, beschleunigt durch die von der Flutkatastrophe bewirkte Internationalisierung dieses Konflikts, fernab in Helsinki die Konsequenzen gezogen. Dort setzten sich die Bürgerkriegsparteien an den Verhandlungstisch, wo sie Ahtisaari mit sichtlichem Erfolg zur Einsicht in die Notwendigkeit eines Friedensschlusses zu bewegen vermochte.

Abkommen wie vor fünf Jahren

Zwar gleicht die in achtmonatiger Detailarbeit ausgehandelte Übereinkunft in mancher Hinsicht ziemlich genau jenem Abkommen, das vor fünf Jahren in Genf unterzeichnet und dann eben doch nicht umgesetzt worden war. Auch diesmal fehlt es in Jakarta keineswegs an Widerspruch gegen angeblich zu weit gehende Zusagen an die Adresse der Acehnesen und ihrer bisherigen Kampforganisation GAM. Erhoben wird er nicht zuletzt von jenen Militärs, die an dem Kriegsgeschehen in Aceh nicht schlecht verdienten. Allerdings verfügt der aus eben diesen Militärs hervorgegangene Präsident Yudhoyono politisch über ein stärkeres Gewicht als seine Amtsvorgängerin Sukarnoputri, und er weiß überdies mit seinem Stellvertreter Yusuf Kalla den Vorsitzenden der Golkar und damit der größten Partei des Landes an seiner Seite. Kalla gilt als eigentlicher Architekt des in der finnischen Hauptstadt unterzeichneten Ab kommens. Danach soll die künftige Provinzregierung in Banda Aceh über gut zwei Drittel der Einkünfte aus der Öl- und Gasförderung verfügen dürfen. Sie soll zudem über die Verwendung der rund 4 Mrd. Euro mitbestimmen können, die von der Staatengemeinschaft für den Wiederaufbau von Aceh zugesagt worden sind. Ob es der GAM erlaubt werden wird, sich zu einer politischen Partei zu formieren, steht indes dahin, weil Regionalparteien in Indonesien gesetzlich nicht zugelassen sind, es sei denn, sie wären in mindestens der Hälfte der 33 Provinzen vertreten. Die Einhaltung des Waffenstillstands und die schrittweise Demilitarisierung Acehs sollen von Abgesandten der Vereinigung Südostasiatischer Staaten (ASEAN) sowie von 250 Beobachtern aus den Ländern der Europäischen Union überwacht werden. Für die EU handelt es sich bei diesem Unterfangen um das erste seiner Art inAsien überhaupt. Zwar ist nach eigenem Bekunden auch Präsident Yudhoyono der Meinung, noch gebe es mit Blick auf Aceh viele Probleme zu bewältigen, die nicht unterschätzt werden dürften. Doch wer weiß: Vielleicht hat der folgenschwerste Tsunami seit Menschengedenken den bisherigen Kriegsparteien in Indonesien hinreichend vor Augen geführt, wie irrelevant, ja abstrus ihr Verharren in Feindseligkeit geworden ist.

Werner Adam