Zwistigkeiten trotz gemeinsamer Not

Viele kleine und größere Brandherde in Südasien erschweren die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Länder und machen eine politische Annäherung mal mehr, mal weniger wahrscheinlich

Mal wurden sie dem Seufzen der Elefanten unter der Last der von ihnen getragenen Welt zugeschrieben, mal dem unbändigen Gebaren von Meeresungeheuern, mal dem Zorn erboster Götter über menschliche Unbotmäßigkeiten: Erdbeben haben in den antiken Schriften des indischen Subkontinents einen vielfältigen Niederschlag gefunden, der immer wieder an die schleichende Fortdauer jener tektonischen Kollisionen gemahnte, die weiland den Himalaja und das tibetische Hochplateau entstehen ließen. Der jüngste Gewaltausbruch dieser Art, der vor allem für das einst als Paradies auf Erden besungene Kaschmir eine höllische Heimsuchung bedeutet, stellt mit ihren Zehntausenden von Toten freilich einen der schlimmsten seit Menschengedenken in einer Region dar, die nicht nur geologisch, sondern auch politisch ein Gefahrenherd sondergleichen ist.

Brennpunkt Kashmir

Zwei der drei Kriege, die Indien und Pakistan als die beiden mittlerweile zu Atommächten avancierten Nachfolgestaaten Britisch-Indiens seit ihrer Unabhängigkeit vor 58 Jahren führten, wurden um das zwischen ihnen bis auf den heutigen Tag umstrittene Kaschmir ausgetragen. Eine erst unlängst als Entspannungssymbol eröffnete „Friedensbrücke“ über die Teilungsgrenze, die so genannte „Line of Control“, wurde von dem Erdbeben gleich wieder zerstört. Ein böses Omen? Oder kann, ganz im Gegenteil, das gemeinsam erlittene Desaster nicht sogar eine Beschleunigung der Annäherungsversuche zwischen Delhi und Islamabad bewirken?

Der Koordinator der Vereinten Nationen für die internationale Erdbebenhilfe in Südasien, Jan Egeland, brachte es auf den Punkt: „Wir sollten die alte Teilung in Kaschmir wirklich vergessen und Unterstützung von überall sehr offen begrüßen.“ Indien bot seine Hilfe dem weitaus stärker betroffenen Pakistan denn auch umgehend an und wurde dafür von dem Militärherrscher Pervez Musharraf in Islamabad mit Worten des Dankes bedacht. Doch die zusätzliche Offerte Delhis, die Rettungsaktionen grenzüberschreitend unter Einsatz beider Armeen zu koordinieren, fand auf der Gegenseite keine Zustimmung. Das empfand man in Islamabad, wo ungeachtet fehlender diplomatischer Beziehungen immerhin auch Hilfe aus Israel angenommen wurde, sicherheitspolitisch als „zu sensitiv“.

Friedensstifter Tsunami

Noch ist in frischer Erinnerung, dass der verheerende Tsunami vor knapp einem Jahr im Indischen Ozean dem Bürgerkrieg in der indonesischen Provinz Aceh ein Ende setzte und zu einem vertraglichen Friedensschluss zwischen den Aufständischen im Norden der Insel Sumatra und der Zentralmacht in Jakarta führte. Umgekehrt aber bleibt auch festzuhalten, dass dasselbe Seebeben in Sri Lanka die internationalen Bemühungen um eine Verständigung zwischen der Regierung in Colombo und den auf weitgehende Eigenstaatlichkeit dringenden „Befreiungstigern von Tamil Eelam“ (LTTI) eher wieder unterminierte und die Fronten aufs Neue erstarren ließ. Daher erscheint es ratsam, sich von einer möglichen „Erdbeben-Diplomatie“ mit Blick auf Kaschmir keine Wunder zu versprechen. Zwar haben die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan in den vergangenen zwei Jahren eine merkliche Entspannung erfahren, und von ernsthaften militärischen Zusammenstößen kann schon seit längerem keine Rede mehr sein. Doch der Konflikt um jene leidgeprüfte Region ist zu festgefahren und zu komplex, ja, ist ein historischer Geburtsfehler der Unabhängigkeit des Subkontinents schlechthin, als dass eine beiderseits akzeptable Lösung auf absehbare Zeit auch nur vorstellbar wäre.

SAARC, nach ASEAN-Vorbild

Eben dieser Konflikt hat wie kein anderer bislang zugleich alle Versuche um eine südasiatische Wirtschaftskooperation nach dem Vorbild der Vereinigung Südostasiatischer Staaten (ASEAN) erschwert. Obwohl die Gründung der Südasiatischen Vereinigung für regionale Zusammenarbeit (SAARC) inzwischen 20 Jahre zurückliegt, ist der Warenaustausch zwischen den sieben Mitgliedsländern Indien, Pakistan, Sri Lanka, Bangladesch, Nepal, Bhutan und den Malediven über 4% ihres gesamten Außenhandels noch nicht hinausgekommen. Zwar mutet die Zielsetzung, eine Freihandelszone für ein rundes Fünftel der Weltbevölkerung zu schaffen, beeindruckend an.

Mit ihrem Zustandekommen wird allerdings frühestens 2016 gerechnet. Immerhin aber soll ein Anfang nun noch vor Jahresende bei einem mehrfach verschobenen SAARC-Gipfeltreffen in Dhaka gemacht werden. Dort wollen die Staats- und Regierungschefs beschließen, dass Indien, Pakistan und Sri Lanka als wirtschaftlich vergleichsweise besser gestellte Mitgliedsländer ihre Zölle auf 20% senken und Bangladesch, Nepal, Bhutan und die Malediven als die am wenigsten entwickelten Staaten der Region auf zunächst einmal 30%. Der indische Außenminister Natwar Singh möchte überdies nach eigenem Bekunden möglichst bald die Visumsfreiheit innerhalb der SAARC hergestellt wissen, während man es in Bangladesch für wünschenswert hält, die VR China als Partner mit Beobachterstatus hinzuzuziehen.

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