Dominantes Indien

Das freilich ist ein besonders heikler Punkt, weil er an die Erwartungen erinnert, die von den meisten der Mitgliedsländer an die Gründung der SAARC im Dezember 1985 geknüpft worden waren: So etwas wie ein Gegengewicht der kleineren Staaten zur regionalen Dominanz der Indischen Union zu schaffen, die mit ihrer Milliardenbevölkerung nur noch von China übertroffen wird, sich über mehr als 70% der Gesamtfläche Südasiens erstreckt und deren Anteil am Bruttosozialprodukt der Region nicht weniger als 75% beträgt. Asymmetrisch, heterogen und konfliktgeladen: SAARC hatte und hat es auf dem Weg zur Zusammenarbeit mit vielen Hindernissen und Hürden zu tun.

Allein das bevorstehende 13. Gipfel­treffen wurde bereits dreimal vertagt. Das erste Mal war der Tsunami im Indischen Ozean der Grund, der neben Indonesien vor allem Sri Lanka heimsuchte; dann wurde ein Vorbereitungstreffen verschoben, nachdem im August der Außenminister Sri Lankas, Laksham Kadirgamar, einem Attentat zum Opfer gefallen war; und schließlich gab es etwa zur gleichen Zeit mit Blick auf Bangladesch wachsende Sicherheitsbe­denken, als dort an einem einzigen Tag in 63 Distrikten des Landes gleichsam in Serie nicht weniger als 450 Sprengsätze detonierten.

Von ausländischen Beobachtern wurden sie dem erstarkenden islamischen Fundamentalismus im einstigen Ostpakistan zugeschrieben, das sich 1971 mit militärischer Unterstützung Indiens von Westpakistan gelöst hatte und als Bangladesh ein unabhängiges Staatswesen geworden war. Im Lande selbst, das seit längerem schon abwechselnd von der Witwe des ermordeten Präsidenten Ziaur Rahman und der Tochter des Staatsgründers Mujibur Rahman regiert wird, beschuldigten sich die Parteien dieser beiden zutiefst verfeindeten Rivalinnen gegenseitig, für die Anschlagserie verantwortlich zu sein.

Zweiter Unruheherd: Nepal

Derweil führte in Sri Lanka die Ermordung des Außenministers zu einem empfindlichen Rückschlag der von norwegischen Vermittlern betriebenen Bemühungen um einen Friedensschluss zwischen der Bevölkerungsmehrheit der Singhalesen und den „Befreiungstigern“ der tamilischen Minderheit des Landes. Als innenpolitischer Unsicherheitsfaktor kam ferner der fragwürdige Versuch der Staatspräsidenten Chandrika Kumaratunga hinzu, ihre zweite und damit nach der Verfassung letzte Amtszeit um ein weiteres Jahr zu verlängern, was ihr nach einem Urteil des Obersten Gerichts jedoch misslang. Der eigentliche Unruheherd in der SAARC aber war und bleibt – von Kaschmir abgesehen – der Himalajastaat Nepal.

Dort hat der autoritär regierende König Gyanendra, der vor mehr als zwei Jahren das frei gewählte Parlament kurzerhand aufgelöst, sodann auch die Regierung entlassen und ein Notstandsregime eingeführt hatte, inzwischen Kommunalwahlen für April nächsten Jahres und Parlamentswahlen für 2008 in Aussicht gestellt, damit jedoch alles andere als eine Entspannung der Lage bewirkt. Im Gegenteil. Der vor fast zehn Jahren von maoistischen Rebellen ausgerufene „Volkskrieg“ zur Abschaffung der Monarchie geht weiter und hat dazu geführt, dass die Aufständischen inzwischen weite Teile des Landes kontrollieren. Diese Entwicklung hat zugleich den ebenfalls maoistisch ausgerichteten so genannten „Naxaliten“ im Nordosten Indiens neuen Auftrieb gegeben, was den indischen Premierminister Manmohan Singh kürzlich veranlasste, ein gegen den nepalesischen König verhängtes Waffenembargo wieder aufzuheben.

Auf gute Nachbarschaft!

Dass die in Südasien vielerorts zu beobachtende Instabilität einem Ausbau der SAARC alles andere als zuträglich ist, bedarf keiner näheren Erläuterung. Hinzu kommt das von sechs der sieben Mitgliedsländern als erdrückend empfundene Übergewicht Indiens, das hinsichtlich seines ökonomischen Potenzials mehr und mehr in einem Atemzug mit der VR China genannt wird und sich nicht nur als regionale, sondern gar als globale Macht zu verstehen beginnt.

Gleichwohl muss ein möglichst reibungsloses nachbarschaftliches Miteinander auch und gerade für Indien ein Hauptanliegen bleiben, denn sonst könnte der sprichwörtliche Elefant des südasiatischen Subkontinents auch selbst immer wieder Grund zum Seufzen haben.

Werner Adam

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